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«Banana boat song (Day-O)» von Harry Belafonte Songs und ihre Geschichten

Harry Belafonte machte den karibischen Calypso-Sound mit seinen Balladen und Volksliedern in den USA und Europa populär. Seit er in den 1950ern die Bananenarbeiter Jamaikas besang, ist Belafonte eine Zentralgestalt afroamerikanischer Popkulturgeschichte. 

Von Urs Musfeld

Geboren wurde der spätere Sänger, Schauspieler, Entertainer, Bürgerrechtler und Friedensaktivist 1927 in einem Schwarzenghetto in Harlem. Als Sohn karibischer Einwanderer verbrachte er einen Grossteil seiner Kinder- und Jugendjahre in der jamaikanischen Heimat seiner Mutter. Nach seiner Rückkehr 1939 absolvierte er in New York die High School. Während des Zweiten Weltkriegs diente er zwei Jahre bei der US-Navy. 

Die kulturelle Aufbruchsstimmung im Harlem jener Zeit brachte Belafonte auf den Weg seiner künstlerischen Karriere. Er wollte Schauspieler werden. Mit Hilfjobs finanzierte er sein Studium an der berühmten Schule des emigrierten deutschen Regisseurs Erwin Piscator mit Kollegen wie Marlon Brando und Tony Curtis. Belafonte startete seine Laufbahn zwar als Schauspieler, der ganz grosse Durchbruch gelang ihm allerdings mit Musik, zuerst als Jazzinterpret, dann als Folksänger.

King of Calypso

Ohne je Notenlesen gelernt oder Gesangsunterricht gehabt zu haben, erhielt er durch Zufall einen Auftritt im Jazzclub «Royal Roost. Er sollte in der Pause auftreten – ursprünglich zusammen mit einem Pianisten. Doch die Musiker, darunter Charlie Parker und Max Roach, die vorher auf der Bühne standen, begleiteten den 21-jährigen Belafonte als Freundschaftsgeste. Aus der Pausennummer wurde ein Star.

Bald entwickelte er ein starkes Interesse an den Folkaufnahmen der «Library of Congress» (Nationalbibliothek), wo nicht nur US-Folk afrikanischer und europäischer Tradition veröffentlicht wurde, sondern auch traditionelle Musik aus der Karibik.

1956 erschien sein drittes Album «Calypso», welches eine regelrechte Welle auslöste und Belafonte den Beinamen «King of Calypso» einbrachte. Es war das erste Popalbum, das sich über eine Million mal verkaufte und – inmitten des Rock`n`Roll-Fiebers – der Debut-LP von Elvis Presley den Hitparadenthron streitig machte. Die meisten Songs darauf stammten aus der Feder des Komponisten Lord Burgess, z.B. die Evergreens «Jamaica farewell» und «Island in the sun» oder die Zugnummer «Banana boat song (Day-O)», die allerdings erst ein Jahr später als Single ausgekoppelt wurde und zu einem Welthit mutierte. 

Ursprünglich geht der Song zurück auf ein altes jamaikanisches Volkslied mit dem Titel «Day dah light». Es sollte das qualvolle Bananenverladen etwas erträglicher machen und die nächtliche Schufterei verkürzen. Es erzählt von Arbeitern, die Bananen auf ihre Körper hieven, um sie zu den Schiffen im Hafen zu schleppen: «Lift six-foot, seven-foot, eight-foot bunch» («Hebe sechs Fuss, sieben Fuss, acht Fuss Stauden»). Dort zählt der Chef die Bananen ab und errechnet entsprechend den Lohn:

«Come, Mr. Tally Man, tally me banana; daylight come and me wan`go home»

(«Kommen Sie, Herr Ladungskontrolleur, zählen Sie meine Bananen; das Tageslicht bricht an und ich will nach Hause gehen»)

Harry Belafonte hörte den Song selber zum ersten Mal als Kind: «Ich bin in Jamaika aufgewachsen, komme aus einer Familie von Feldarbeitern. Musik erleichterte ihnen die schwere Arbeit. Sie kannten tausende Lieder, sangen Tag und Nacht. Und eines davon war der «Banana boat song». Auf den besann ich mich später als Künstler in New York». In seiner Interpretation setzt Belafonte auf eine tropisch-beschwingte Verbindung von Melodie und Rhythmus.

Er wurde zu seiner Visitenkarte. Der Ausruf «Day-o» zu seinem Erkennungszeichen, als Ausdruck von Erschöpfung und Zuversicht. «Banana boat song (Day-O)» wurde eine Hymne der Bürgerrechtsbewegung, und bis heute eine Hymne der Lebensfreude.

Künstler und politische Stimme

Oft wurde Belafonte vor allem als ewig strahlender Calypso-König vereinnahmt, der mit seiner rauhen und zugleich sanften Stimme den täglichen Exotikbedarf deckte und den Traum vom Eiland in der Sonne mit endlosen Stränden und Müssiggang befeuerte. Obwohl auch das scheinbar heitere Partylied «Island in the sun» eigentlich ein Aufschrei gegen Sklaverei ist. Es handelt von der harten Arbeit des Zuckerrohrschneidens. «So haben meine Vorfahren eben ihren Protest verpackt. Schwarze Kunst war immer verschlüsselt», erklärte Belafonte.

Das Bewusstsein für die Nöte der «People of Colour» in der amerikanischen Gesellschaft hat Belafonte immer begleitet.

Die frühen Erfolge in den 1950er-Jahren halfen ihm, als selbstbewusstem Künstler, auch eine politische Stimme auszubildenSein Ruhm und sein politisches Engagement machten Belafonte zum natürlichen Vorkämpfer der Bürgerrechtsbewegung der 1960er-Jahre. Gemeinsam mit Martin Luther King, mit dem ihn eine enge Freundschaft verband, organisierte er den Marsch auf Washington und die Proteste in Alabama. Der Traum von der gerechteren Welt hat Harry Belafonte nie losgelassen.

Belafontes Kampf gegen Diskriminierung, Rassismus, Armut und sein Einsatz für die Rechte von Frauen und Kindern wurden zur Lebensaufgabe, die er früher einmal hintersinnig bescheiden so beschrieben hat: «Ich helfe den Leuten, die Dinge anders zu sehen».

2017 feierte Belafonte seinen 90. Geburtstag. Als Sänger ist er seit 2007 nicht mehr aktiv. Das politische Geschehen verfolgt er nach wie vor mit höchstem Interesse.

Urs Musfeld alias Musi

Portrait von Urs Musfeld

Urs Musfeld © Claudia Herzog

Urs Musfeld alias MUSI, Jahrgang 1952, war während 39 Jahren Musikredaktor bei Schweizer Radio SRF (DRS 2, DRS 3, DRS Virus und SRF 3) und dabei hauptsächlich für die Sendung «Sounds!» verantwortlich. Seine Neugier für Musik ausserhalb des Mainstreams ist auch nach Beendigung der Radio-Laufbahn nicht nur Beruf, sondern Berufung.  Auf seiner Website «MUSI-C» gibt’s wöchentlich Musik entdecken ohne Scheuklappen zu entdecken: https://www.musi-c.ch/