Ein schönes Buch, trotz allem
Unser Autor findet, dass das Buch «Eine Hymne an das Leben» von Gisèle Pelicot trotz des Grauens ein schönes Buch ist. Denn im Kern geht es nicht um Leid, sondern um Liebe.
Text: Maximilian Jacobi

Das Grauen beginnt schon auf den ersten Seiten. Als Gisèle Pelicot ihren Mann auf die Polizeistation begleitet, um ihm beizustehen, nichtsahnend. Bis die Ermittler die beiden trennen und ein Kommissar der Rentnerin Fotos zeigt: von ihrem Ehebett, in dem ihr Mann mit Fremden ihren betäubten Körper vergewaltigt.
Es ist ein schönes Buch, trotz allem. Obwohl man weiss, dass alles, was man liest, so passiert ist. Obwohl man beim Lesen leer schluckt und Tränen verkneift. Trotz der Gewalt, die Dominique Pelicot seiner Frau, seinen Kindern und anderen Frauen antat und die zum Prozess in Avignon führte, den die gesamte Welt 2024 verfolgte. Denn Gisèle Pelicot schreibt keinen Elendsporno, in dem sich Lesende suhlen können, um ihr eigenes, verpfuschtes Leben in glanzvollerem Licht zu sehen (obwohl bei all den Schrecken auch sie auf ihre Kosten kommen). Sie schreibt, um zu zeigen, wie sie dem Grauen trotzte. Und wie eine Frau, deren Leben sich um Kinderkriegen und Eigenheim drehte, zu einer feministischen Ikone wurde.
Wie der Titel andeutet, geht es in Gisèle Pelicots Autobiografie im Kern nicht um Leid, sondern um Liebe. Um die Liebe einer Frau zu einem Mann, mit dem sie versuchte, einer Vergangenheit aus Gewalt und Armut zu entfliehen. Ihrer Liebe zur gemeinsamen Familie. Und was mit dieser Liebe geschieht, als sie realisiert, dass der Mann in 50 Jahren Beziehung nie der war, der er vorgab zu sein.
❞ Heute weiss ich, dass meine Liebe einem tiefen Riss in mir entspringt und dass sie mich verwundbar macht. Aber ich bin bereit, dieses Risiko weiterhin einzugehen. Denn die Liebe ist zugleich meine mächtigste Rüstung.❞. Gisèle Pelicot

Gisèle Pelicot: «Eine Hymne an das Leben»
Piper Verlag, ca. Fr. 39.–