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Zwei hochmütige Seeforellen (Kapitel 6) Aus «Schneesturm im Sommer»

Zwei hochmütige junge Seeforellen waren mit ihrem See und seinen Bewohnern nicht mehr zufrieden. «Hier ist alles so kleinlich und so ordinär», sagten sie. «Man muss sich nur wundern, wie wir da hineingeraten sind. In den grossen, tiefen Seen lebt man ganz anders, und im Meere soll es Fische geben, die sogar fliegen können.»

«Jawohl, das gibt es», sagte der Aal, der zugehört hatte. «Ich habe selber fliegende Fische gesehen.»

«Aber bitte, wie machen sie das?», fragten die Seeforellen.

Das wusste der Aal nicht. «Ich habe nie besonders darauf geachtet», sagte er, «und das Fliegen hat mich selber auch gar nicht gelockt. Sie werden es aber wohl gelernt haben.»

«Wenn man das lernen kann», riefen die Seeforellen, «so werden wir es lernen, so viel ist sicher. Aber wie und wo?» 

Der Aal riet ihnen, den alten Hecht im Schilf an der Flussmündung zu fragen. «Er ist der älteste Fisch in unserem See, er hat die grösste Erfahrung und weiss alles. Natürlich ist er nicht mehr so wach und wendig wie ihr, aber seid trotzdem auf der Hut! Er war früher ein starker Räuber und ist noch heut imstande, zwei unehrerbietige Burschen am Schwanz zu nehmen.»

«Keine Sorge, uns erwischt er nicht!», riefen die Seeforellen und flitzten davon.

Der alte Hecht ruhte mit grämlich vorgeschobenem Unterkiefer und tückisch lauernden Augen auf dem Grunde des Schilfwaldes. Die Seeforellen grüssten ihn aus angemessener Entfernung, doch er gab keine Antwort. Sie schwammen näher, grüssten lauter und fächelten mit den Flossen. Er blieb stumm und rührte sich nicht. Da sagten sie zueinander: «Der ist ja so verschlafen und übelhörig, dass er gar nicht begreifen wird, was wir wollen. Wie konnten wir in einem solchen Tümpel aber auch etwas anderes erwarten! Dieser lächerliche alte Griesgram nimmt uns ja nicht einmal den Gruss ab. Jetzt soll er aber doch noch wissen, wer da gewesen ist, wir lassen uns nicht einfach so übersehen.» Sie zupften ihn an der Schwanzflosse und riefen: «Wach auf, du fauler Schlammbeisser, du alter Aasfresser!»

Zum Autor

Meinrad Inglin (1893–1971) Sohn eines Goldschmieds, Uhrmachers und Jägers, wurde mit siebzehn Jahren Vollwaise. Uhrmacher- und Kellnerausbildung, trotz fehlender Matura Studium der Literaturgeschichte und Psychologie in Bern, Genf und Neuenburg. Tätigkeit als Zeitungsredaktor, während des Ersten und Zweiten Weltkriegs Offizier im Grenzdienst. 1922 als Journalist in Berlin, danach als freier Schriftsteller in Schwyz. Für sein Werk (vor allem Romane und Erzählungen, einzelne Aufsätze, Notizen und eine Komödie) wurde Inglin vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Grossen Schillerpreis und dem Gottfried-Keller-Preis.

Da schlug der Hecht mit seinem starken Schwanz so kräftig aus, dass die zwei Besucher in einer Wolke von Schlamm atemlos weggewirbelt wurden. «Oha!», rief er. «Da bin ich aber schön erschrocken. Wer hat mich geweckt?»

Als die Seeforellen das hörten, schöpften sie Atem und blieben in der Nähe, bis sich die Schlammwolke verzog und der graugrüne Alte wieder zu sehen war, dann schwänzelten sie heran und grüssten abermals.

«Jaso, aha!», sagte der Hecht. «Hohe Ehre für mich. Wie komme ich einfacher alter Seebewohner zu einem so vornehmen Besuch?»

«Wir möchten fliegen lernen», erklärten sie. «Es gibt Fische, die das können, aber allerdings nicht in diesem See. Nun brauchen wir einen Rat.»

«Grossartig!», rief der Hecht. «Ganz klar, dass ihr fliegen müsst, ihr auserwählten Edelfische! Niemand darf euch zumuten, nur schwimmend in dieser Pfütze zu leben. Folgt mir, ich führe euch, ihr sollt fliegen, ihr Zierden des Wassers! Ihr seid so klug, schön und mutig, dass ihr es rasch begreifen werdet. Auf, ihr Seeschwalben, ihr hochwohlgeborenen Flughähne, mir nach!»

Der Hecht schwamm dem nächsten Seeufer entlang, bis er droben einen Fischer gewahrte. «Wir haben Glück», sagte er. «Dort oben steht der Zauberer schon. Er streckt eine lange Rute auf das Wasser hinaus, an der Rute hängt eine Schnur, und an der Schnur hier ist, wie ihr sehen könnt, ein Wurm befestigt. Wer diesen wunderwirkenden Wurm rasch packt und schluckt, wird sogleich fliegen können. Vorwärts, frischgewagt, Glückauf!»

Einer der beiden hoffnungsvollen Fische schnappte entschlossen zu; gleich darauf fuhr er mit dem Kopfe voran zur Oberfläche empor und flog im Schwung hoch über das Wasser hinaus. Der Zurückgebliebene starrte ihm mit offenem Maule nach und fragte staunend: «Wo fliegt er hin?»

Der Hecht wollte ihm das nur ganz leise sagen, er war schon dicht an seiner Seite. «In die Pfanne», sagte er und schnappte zu.«

Au, was tust du, lass mich los!», rief der Geschnappte zappelnd.

«Ich habe Mitleid mit dir», stiess der alte Räuber zwischenseinen furchtbaren Zähnen hervor. «Der Aufgeflogene wird erschlagen und gebraten, aber dir ist ein besseres Los beschieden.» Grimmig lächelnd schlang er ihn hinunter, dann kehrte er ins Schilf zurück und sah bald wieder faul und verschlafen aus.


«Schneesturm im Sommer»

Meinrad Inglin ist einer der bekanntesten Unbekannten, seinen Namen kennen fast alle, seine Werke die wenigsten. Dabei ist er ein grosser Könner in einem grossen Spektrum unterschiedlicher literarischer Genres, stilistisch abwechslungsreich und sprachlich wohlkomponiert. «Schneesturm im Hochsommer» versucht, sein vielfältiges Schaffen abzubilden und damit einen literarisch hochinteressanten und oft überraschend aktuellen Schweizer Klassiker wieder breiter bekanntzumachen.

«Inglin ist seit Jahren genau der, von dem viele sagen, man hätte ihn ‹nicht auf dem Schirm› und der deshalb allen so präsent ist. Die Frage ist doch vielmehr: Was macht den Kerl so interessant, dass er nicht verschwindet? Er hat nie auf Effekt geschrieben. Er hat versucht, Verhältnisse zu beschreiben, wie sie sind. Eine Haltung, die nach dem ganzen postmodernen Klimbim auf eine neue Art interessant ist.»
Peter von Matt

Meinrad Inglin, «Schneesturm im Hochsommer».
Herausgegeben von Ulrich Niederer, Nachwort von Usama Al Shahmani, 256 Seiten, Leinenband, CHF 28.– (UVP), Limmat Verlag, Zürich

Umschlagfotografie: Dino Reichmuth, Unsplash
Typografie und Umschlaggestaltung: Trix Krebs
Druck und Bindung: Friedrich Pustet, Regensburg
ISBN 978‑3‑03926‑021-8
© 2021 by Limmat Verlag, Zürich www.limmatverlag.ch

Beitrag vom 25.09.2022

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