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Die entzauberte Insel (Kapitel 1.3) Aus «Schneesturm im Hochsommer»

Wenige Tage darauf betrat Ilse die Insel zum zweiten Mal. Hochsommerschwüle lag auf dem See, die Mücken tanzten dicht über dem Wasserspiegel, die Fische sprangen, und hoch im flimmernd blauen Himmelsgrunde standen gewaltige weisse Wolkenballen. Die jungen Fischer kannten die Gunst dieses gewitterverheissenden Nachmittags, sie hatten untereinander den bevorstehenden Besuch mit keinem Worte erwähnt und schienen nun eifrig beschäftigt. Karl aber konnte sich nicht enthalten, das Fräulein auf seinen Fangplatz einzuladen. «Fräulein Ilse, jetzt passen Sie auf», sagte er, «jetzt werde ich Ihnen einmal etwas vorfischen.» Ilse sah, wie der stramme und eifrige Bursche den Köder an der langen Rute weit hinausschwang, und hörte eine Weile gutmütig seinen Erläuterungen des Hechtfangs zu, aber als der Hecht nicht beissen wollte, begann sie sich zurückzuziehen. «Wenn Sie noch einen Augenblick Geduld hätten …», rief Karl, «ich werde es jetzt mit einem Egli versuchen, mein Gründeli da ist schon zu matt …»

Ilse hörte nicht recht darauf, sie ging ein wenig spazieren und traf an der Schifflände ihren Vetter Xaver. «Ich möchte am liebsten baden», sagte sie. «Aber wenn sie hier alle fischen …»

«Ja, es ist ein fabelhaftes Fischwetter, weisst du», erwiderte Xaver und suchte sich im Kessel ein Köderfischchen aus.

«Ach ja! Eben war ich bei diesem … wie heisst der Kleine, der so viel schwatzt?»

«Karl?»

«Ja, der. Er wolle mir etwas vorfischen, sagte er, und dann schwatzte er mir nur die Ohren voll. Er hat krumme Beine. Ich finde ihn komisch …»

Karl stand zu seinem Unglück ein paar Schritte hinter ihnen und hörte es, er war hierher gekommen, um den Köder auszuwechseln, und hatte nur darauf gewartet, dass Xaver den Kessel freigab. Jetzt wartete er nicht länger, er ging mit geröteter Stirn an seinen Platz zurück und blieb dort stehen, tief gekränkt, ja erbittert und im Augenblick unfähig, sich aus diesem Wirrsal von Weh und Zorn herauszufinden.

«Du solltest nicht auf die Beine sehen», entgegnete indessen Xaver seiner Base. «Übrigens gibt es noch krümmere. Karl spielt sich ja ein wenig auf, aber das tun die Kleinen meistens, wenn sie Rasse haben. Und was sein geöltes Maul betrifft, das kann er später brauchen, er will Advokat werden. Er ist einganz patenter Bursche.»

«Ja, kann schon sein … Aber dann ist da noch einer, den du mir noch gar nicht vorgestellt hast …»

«Baschi, jawohl! Ein feiner Typ und sehr intelligent. Er ist etwas scheu … aber vielleicht macht er sich nichts aus dir, du kannst nicht verlangen, dass dir hier alle den Hof machen wie Robert …»

«Pf! Ich weiss nicht, was er von mir will … Aber jetzt geh’ich diesen Baschi suchen.»

Sebastian sass auf einem Stein zwischen Fels und Gestrüpp einer verborgenen Uferstelle. Er hatte die Hechtrute gesetzt, aber der Korkschwimmer lag still, und an der Angel war kein Köder mehr. Er blickte ins Wasser hinein und sah kleine Weissfische nach Mücken schnappen, er sah zwischen schlammgrauen Steinen einen Barsch auftauchen und sah eine Wasserjungfer auf dem grünen Teller eines Nixblumenblattes landen, aber er freute sich nicht darüber. Er empfand mit seinen äusseren Sinnen den Frieden, die Stille und Wärmedes Inseltages, aber in seinem Innern hatte er nichts mehr damit zu tun, dort zitterte alles vor Spannung und strahlte eine sanfte Glut aus, die noch auf seinen Wangen widerschien. Er stand unruhig auf und spähte über die Böschung weg durch Buschlücken ins Wäldchen hinein, er setzte sich wieder, schaute ins Wasser und spürte von neuem, dass die Wunder der Insel ihn nicht mehr lockten. Er allein wusste, was seine Kameraden erst ahnten, dass hier der alte Zauber gewichen war, in dessen Bann sie gestanden hatten, und er trauerte darüber. Aber vom Grunde dieser leisen Trauer lohte sein Herz wie eine Flamme vom Opferaltar dem halbgöttlichen Mädchen entgegen, das die Insel entzaubert und alle ihre Eigenschaften in einer geheimnisvollen süssen Steigerung auf sich vereinigt hatte. Er wagte nicht, ihr selber zubegegnen, er hätte denn fähig sein müssen, zu singen, zu knien oder zu schweben; mit dem Reste seiner Vernunft stellte er fest, dass dies nicht anging, da zwischen seinem Entzücken und der wirklichen Lage ein Unterschied bestehen könnte. Ein Schimmer ihrer nackten Schultern, die Anmut einer flüchtig wahrgenommenen Bewegung oder ein verwehender Silberklang ihres Lachens genügten, ihm Herz und Seele berauschend mit ihrer Gegenwart zu erfüllen.

Nun suchte aber Ilse den Verborgenen und fand ihn. Sie kam im Wasser dem Ufersaum entlang, ein wenig schwankend, mit ausgebreiteten Armen, um sich auf dem steinigen Grund im Gleichgewichte zu halten, und stand mit einem leisen Laut der Überraschung plötzlich vor ihm.

«Störe ich?», fragte sie.

«Nein, nein!», entgegnete er, heftig errötend.«Es ist furchtbar, auf den Steinen hier zu gehen … Ja, ich möchte nämlich nicht stören, es soll ja so günstiges Fischwetter sein …»

«Ja», sagte er, und ein Lächeln tiefster Verlegenheit zogüber sein gutmütiges Gesicht.

«Noch nichts gefangen?»

«Nein!»

«Dann ist es vielleicht doch nicht so günstig … die andern haben auch noch nichts gefangen … Aber jetzt geh’ ich hier nicht weiter, es ist wirklich furchtbar …» Sie stieg aus dem Wasser und blickte, drei Schritte von Sebastian entfernt, ins Ufergestrüpp hinein. «Hier wird man wohl durchkommen… oder hat’s hier Dornen?»

«Ich glaube nicht, nein.»

Sie kletterte über zwei kleine Felsblöcke hinauf, verweilte einen Augenblick, schlüpfte ins Gebüsch und verschwand. Offenen Mundes stand Sebastian da, hastig atmend, eine wechselnde Röte auf Stirn und Wangen, verwirrend beschämt und beglückt zugleich und in dieser Verwirrung ganz ohne Urteil über das eben Geschehene.

Ilse schlenderte zu ihrem Vetter hinüber, der wieder mit Würmern fischte und einen ansehnlichen Hasel gefangen hatte, den er eben von der Angel nahm.

«Ilse, halt mir den Hasel da!», rief er zum Scherz und streckteihr den zappelnden schleimigen Fisch hin.

«Äh pfui!», rief sie, mit beiden Händen abwehrend.

Er lachte sie aus, liess den Fisch in den Kessel gleiten und nahm einen neuen Wurm aus der Büchse. «Hast du den Baschi jetzt getroffen?», fragte er.

«Hach ja … du, das ist ein Blöder!»

«Du hast eine Ahnung!»

«Der Netteste hier ist noch Anselm, finde ich.»

«Ausser mir, hoffentlich!»

«Uh, du Dreckfink!», rief sie mit einem Blick auf den Wurm, der sich in Xavers Fingern ringelte, wich zurück, schüttelte Kopf und Schultern, dass die Locken flogen, und lief weg.

Anselm stand an der Eglibucht und fischte auf Hechte. Er hielt mit beiden Händen die lange Rute und beobachtete den Schwimmer, aber manchmal vergass er das auch und begann etwas anderem nachzusinnen, das mit dem Fischen nichts zu tun hatte. Er sann unbestimmt und müssig dem Mädchen Ilse nach, er sah ihr feingeformtes Gesicht, bedachte den freundlich offenen Blick, den sie bei der Vorstellung auf ihn gerichtet hatte, und fand sie sympathischer als alle ihm bekannten Mädchen. Er fand es fast wider seinen Willen und folgerte nichts daraus, denn im Grunde spürte er, wie sehr sie als Unberufene die Heimlichkeit des Inselfriedens bedrohte. Als er sich einmal umwandte, stand sie seitlich hinter ihm und blickte unbefangen auf den Korkschwimmer hinaus.

Zum Autor

Meinrad Inglin (1893–1971) Sohn eines Goldschmieds, Uhrmachers und Jägers, wurde mit siebzehn Jahren Vollwaise. Uhrmacher- und Kellnerausbildung, trotz fehlender Matura Studium der Literaturgeschichte und Psychologie in Bern, Genf und Neuenburg. Tätigkeit als Zeitungsredaktor, während des Ersten und Zweiten Weltkriegs Offizier im Grenzdienst. 1922 als Journalist in Berlin, danach als freier Schriftsteller in Schwyz. Für sein Werk (vor allem Romane und Erzählungen, einzelne Aufsätze, Notizen und eine Komödie) wurde Inglin vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Grossen Schillerpreis und dem Gottfried-Keller-Preis.

«Darf man ein wenig zusehen?», fragte sie.

«Ja gern!», erwiderte er und blickte auch seinerseits auf den Schwimmer. Nach einer Weile schaute er sie flüchtig an und sagte: «Kurzweilig ist es zwar nicht, einem Fischer zuzusehen.»

«Nein, nicht immer. Aber vielleicht fangen Sie etwas … Xaver hat vorhin etwas gefangen, einen Hasel, glaub ich.»

«So? Ja … damit kann man wenig anfangen.»

«Kann man Hasel nicht essen?» Sie trat einen Schritt vorund stand an seiner Seite.

«Doch, gebacken geht’s, aber es ist nichts Besonderes.»

Ilse schwieg darauf, sie wollte nicht den Eindruck erwecken, als ob sie hierhergekommen sei, um zu schwatzen. Die Hände mit den Daumen oberhalb der Brust in die schmalen Tragbänder des Badekleides eingehängt, stand sie gelassen da und schien es ganz in Ordnung zu finden, dass auch Anselm schwieg.

Er hätte nicht für möglich gehalten, dass man halb nackt so unbefangen nebeneinander stehen könnte, und war froh, dass man es konnte. Es bewies ihm, dass sie ein natürliches, ernsthaftes Wesen war und keine liederliche Nixe, aber auch keine gezierte Unschuld, die sich schämen musste in ihrem enganliegenden Badekleid, mit ihren entblössten Schultern, Armen und Beinen; es bewies ferner, dass er erwachsen und reif genug war, um so etwas ohne Scheuklappen ertragen zu können und sich seiner eigenen Nacktheit nicht vor ihr schämen zu müssen.

«Essen Sie gern Fische?», fragte er.

«Ja, wenn sie nicht zu viel Gräten haben. Bei uns zu Hause gibt’s fast jeden Freitag Fische, aber Meerfische, glaub’ ich …»

«Süsswasserfische sind auch nicht zu verachten, Hechte oder Barsche zum Beispiel. Am besten sind ja allerdings Forellen …»

«Uh ja, die hab’ ich gern.»

«Aber Sie sollten auch einmal einen Hecht probieren …»

«Das möchte ich schon, ja …»

Sie plauderten so und blickten einander lächelnd an. Anselm errötete manchmal, wenn er ihren Augen begegnete, und verstummte auch wieder. Er spürte das Bedürfnis, die Unterhaltung auf einer etwas höheren Stufe fortzuführen, die seiner glücklichen Gehobenheit und diesem seltenen Augenblick angemessener wäre, doch zugleich fand er es schön, schweigend neben ihr zu stehen und zu fühlen, dass auch sie nicht ungern hier so still neben ihm stand.

Aber während eines solchen doch immerhin bedrängten Schweigens fuhr Ilse plötzlich mit der Hand an den Nacken, wandte sich um und drang erheitert auf Robert ein, der sie mit einem Schilfrohr gekitzelt hatte. Sie riss ihm das Rohraus der Hand, schlug ihn damit und verfolgte ihn lachend ins Gehölz hinein.

Anselm fand das unverschämt von Robert und wartete mit gerunzelter Stirn, dass sie an seine Seite zurückkehre. Er wartete fünf Minuten lang bangen Herzens umsonst, dann bemerkte er zu seiner Entrüstung, dass Ilse und Robert dem Inselufer entlang schwammen und sich gegenseitig bespritzten. Das konnte nur Robert angestiftet haben, Ilse allein hätte es nie getan. Es war unkameradschaftlich und gegen die Regel, die bisher hier gegolten hatte, es machte jede weitere Fischerei unmöglich und verpfuschte diesen ganzen verheissungsvollen Spätnachmittag. Anselm blickte wütend auf seinen Freund hinaus und zog die Angelrute ein.

Karl ging auf der Insel herum, empört, mit einem verbissenen Gesicht, und streute giftige Bemerkungen aus. «Ist hier vielleicht ein Strandbad eröffnet worden?», rief er Anselm zu. «Das hat man davon! Ich meinerseits bin fertig mit ihr, sie braucht nicht mehr hierher zukommen, ich danke für diesen Besuch.»

Anselm blickte ihn befremdet an und schwieg.

Indessen hatte der Himmel sich da und dort verfinstert, und über den östlichen Bergen donnerte es ein wenig. Das war ungefährlich; solang es nicht schwarz und blitzend von Westen heraufquoll, durfte man ruhig auf der Insel bleiben. Ilse aber floh ans Ufer, sie erklärte, vor Gewittern Angst zu haben, und überredete ihren Vetter, mit ihr abzufahren. Niemand hielt sie zurück. Die Fischer setzten noch einmal ihre Hechtruten, aber das Glück war für heute verscherzt, und da hier sonst nichts mehr zum Bleiben lockte wie früher, fuhren sie, noch eh der Abend dämmerte, verstimmt und wortkarg heimwärts.


«Schneesturm im Hochsommer»

Meinrad Inglin ist einer der bekanntesten Unbekannten, seinen Namen kennen fast alle, seine Werke die wenigsten. Dabei ist er ein grosser Könner in einem grossen Spektrum unterschiedlicher literarischer Genres, stilistisch abwechslungsreich und sprachlich wohlkomponiert. «Schneesturm im Hochsommer» versucht, sein vielfältiges Schaffen abzubilden und damit einen literarisch hochinteressanten und oft überraschend aktuellen Schweizer Klassiker wieder breiter bekanntzumachen.

«Inglin ist seit Jahren genau der, von dem viele sagen, man hätte ihn ‹nicht auf dem Schirm› und der deshalb allen so präsent ist. Die Frage ist doch vielmehr: Was macht den Kerl so interessant, dass er nicht verschwindet? Er hat nie auf Effekt geschrieben. Er hat versucht, Verhältnisse zu beschreiben, wie sie sind. Eine Haltung, die nach dem ganzen postmodernen Klimbim auf eine neue Art interessant ist.»
Peter von Matt

Meinrad Inglin, «Schneesturm im Hochsommer».
Herausgegeben von Ulrich Niederer, Nachwort von Usama Al Shahmani, 256 Seiten, Leinenband, CHF 28.– (UVP), Limmat Verlag, Zürich

Umschlagfotografie: Dino Reichmuth, Unsplash
Typografie und Umschlaggestaltung: Trix Krebs
Druck und Bindung: Friedrich Pustet, Regensburg
ISBN 978‑3‑03926‑021-8
© 2021 by Limmat Verlag, Zürich www.limmatverlag.ch

Beitrag vom 24.07.2022

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