73. M. Pilet-Golaz glaubte nicht an einen deutschen Endsieg Aus «Staatsmann im Sturm»

Nach Ende des geselligen Zwischenspiels in der Innerschweiz kann Pilet am nächsten Morgen, Freitag, 20. September, in der Gazette Pierre Grellets Schlussbetrachtung zur Audienzaffäre lesen:

Ein Psychologe könnte über die Imponderabilien dieser Krise Volumen füllen. Persönliche Sympathien und Antipathien spielten eine Rolle, die zwischen den offiziellen Formeln kaum zu erraten sind.

Ein grosser Teil der Parlamentsabgeordneten könne es nicht ertragen, dass ein Bundesrat sich vom üblichen Typ des Magistraten unterscheide:

Mehr als seine Fehler verübelt man M. Pilet-Golaz seine Qualitäten. Die Flinkheit seiner offenen Intelligenz, die Lebhaftigkeit seines Benehmens, das gewisse Etwas von Ungezwungenheit in seiner Persönlichkeit sind Dinge, die diejenigen, denen sie abgehen, schwer verzeihen können. Sie erklären, wenn die Gelegenheit sich bietet, wie zusammengebraute Ressentiments mit einer Gewalt hervorbrechen, die, von apathisch scheinenden Typen herkommend, erstaunt.

Für Grellet ist die parlamentarische Abrechnung mit dem «ersten Magistraten der Eidgenossenschaft» eine Boulevardkomödie. Er erinnert daran, dass Pilets Ankläger Oprecht aus der Finanzdelegation ausgeschlossen wurde, weil er vertrauliche Armeepapiere preisgab, und dass sein anderer Ankläger Duttweiler in seinem Rundschreiben an die Parlamentarier «Nachrichten von internationaler Bedeutung » ausplauderte, die er nur als Mitglied der zur Geheimhaltung verpflichteten Vollmachtenkommission kennen konnte. Der Clou des Schwanks ist für Grillet die von L. F. Meyer, Nietlispach und Grimm – ce dernier evidemment l‘esprit fort de cette trinité – verfasste Erklärung der fünf Fraktionen, die versuchte, Unvereinbares unter einen Hut zu bringen. Man habe es dem «unqualifiziertesten unter den drei»– Meyer – überlassen, dem Bundespräsidenten Lehren über korrektes Verhalten zu geben.

Am selben Tag legt Pilet der Bundesratssitzung einen Bericht Frölichers vor. Der Gesandte weiss nicht, ob die «in Frankreich gefundenen Dokumente, die unsern Generalstab belasten», zu einer diplomatischen Aktion benutzt oder zur späteren Verwendung vorerst auf Eis gelegt werden. Die Mitteilungen aus Berlin sind wenig ermutigend:

Unser Gesuch um Öffnung der elsässischen Grenze wurde abgelehnt, weil, wie ich ebenfalls vertraulich erfuhr, der Aussenminister auf unserer Note den Randvermerk anbrachte: «Kommt jetzt nicht in Frage». – Die Sprengung der Eisenbahnbrücke in Savoyen und die bisherige Nichtöffnung der Zufahrt über Bellegarde lassen verschiedenen Vermutungen Raum. Unser Gesuch, die Fluglinie Schweiz-München wieder zu eröffnen, wurde aus allgemeinen politischen Gründen bisher verweigert. – Man stösst an eine Wand, wenn man die Frage der Internierten in der Schweiz erörtern möchte. Die Aktion der deutschen Ferienkinder ist aufgegeben worden. – Der Chef des Transportamtes, Herr Matter, hat ebenso wie die Gesandtschaft wenig Entgegenkommen gefunden bei seinen Bemühungen, den Abtransport der schweizerischen Güter in den besetzten Gebieten in die Wege zu leiten. Alles dies sind Symptome einer gespannten Lage.

Frölicher meint, man solle «eine Lösung suchen, solange man noch eine gewisse Bewegungsfreiheit hat, und nicht erst dann, wenn man aus dem letzten Loch pfeift». Der Bundesrat solle mit der von ihm vorgeschlagenen «Methode der Bausteine» zur Verbesserung der Beziehungen zu Berlin fortfahren:

Bei der Animosität, die hier gegen den General besteht, wäre es auch nützlich, wenn wenigstens die in Aussicht genommenen Veränderungen in der Umgebung des Generals zur Tatsache würden. Meine übrigen Ratschläge, die zwar bei Ihnen keine Gnade fanden, will ich nicht wiederholen, obwohl ich sie nach wie vor für richtig und dringlich halte. Vielleicht erwägt das Politische Departement auch die Frage, ob es nicht an der Zeit wäre, dass die Polnische und die Norwegische Gesandtschaft in der Schweiz ihre Tätigkeit einstellen, nachdem die betreffenden Regierungen nirgends mehr eine Souveränität ausüben. Dies hindert ja nicht, dass man den betreffenden Funktionären einen ehrenvollen Aufenthalt in der Schweiz ermöglicht.

Die neuen Ratschläge Frölichers für «Veränderungen in der Umgebung des Generals » und Schliessung der «polnischen und norwegischen Gesandtschaften» finden beim Bundesrat so wenig Gnade wie sein früheres Eintreten für ein Verlassen des Völkerbunds.

Zum Autor

Hanspeter Born, geb. 1938, Schulen in Bern, Dr. phil. hist.; Redaktor beim Schweizer Radio, USA-Korrespondent; Auslandchef der Weltwoche (1984–1997); Autor von Sachbüchern, darunter «Mord in Kehrsatz», «Für die Richtigkeit –Kurt Waldheim» sowie (mit Benoit Landais) «Die verschwundene Katze» und «Schuffenecker’s Sunflowers».

Den zweiten, für ihn persönlich ermutigenden Teil von Frölichers Mitteilung enthält Pilet der Bundesratssitzung vor. Darin spricht der Gesandte von einem «Lichtblick, dass die deutsche Presse von den Äusserungen des Bundespräsidenten in Lausanne auf Weisung des Auswärtigen Amtes in freundlicher Weise Kenntnis nahm, ebenso von der Tatsache, dass der Herr Bundespräsident Vertreter der sogenannten nationalen Erneuerung empfangen und angehört hat». Frölicher hofft, der Bundesrat lasse sich durch die Kritik der Parteipresse nicht irremachen:

Die gleichen Kreise, die die kluge Neutralitätspolitik von Herrn Motta sabotierten, versuchen auch heute in ihrer Verblendung eine kluge Nachkriegspolitik, von der wohl die Existenz unseres Landes abhängt, zu verunmöglichen. Dies sollte daher unter allen Umständen verhindert werden.

Hinter die Worte «kluge Nachkriegspolitik» hat Pilet mit Blaustift ein Fragezeichen gesetzt. Für Frölicher ist der Krieg vorbei, das Reich hat ihn gewonnen. Pilet hingegen sieht, dass die Royal Navy, unterstützt durch die Vereinigten Staaten mit ihren unversiegbaren Ressourcen, nach wie vor Herr über dem Atlantischen Ozean ist. Wer die Meere beherrscht, beherrscht die Welt.

Eine Woche später nach der Bundesratssitzung vom Freitag, 27. September, begleitet Bundeshauskorrespondent Georges Perrin, immer noch Verbindungsmann des Bundesrats zum Radio, den Bundespräsidenten auf seinem Heimweg. Perrin wird das Gespräch, das er an jenem Mittag mit Pilet geführt hat, nie vergessen.

Als er, mittlerweile 65 Jahre alt, im Journal de Genève in einer dreiteiligen Serie den eben erschienenen Bonjour-Bericht zum 2. Weltkrieg bespricht, endet er (27. Februar 1970) mit einer Reminiszenz:

Während wir die Kleine Schanze durchqueren, unterhalten wir uns über die politische Situation. Dann sagt er (und hier bin ich sicher, dass ich seine Erklärung beinahe Wort für Wort rapportiere): «Monsieur Perrin, die Deutschen werden den Krieg nicht gewinnen. Wenn Hitler Russland nicht angreift, werden die Feindseligkeiten fünfzehn Jahre andauern. Wenn sich Deutschland gegen die Sowjetunion wendet, kann der Krieg fünf Jahre dauern. Aber es sind nicht die Deutschen, die ihn gewinnen werden.»

Perrin, einer der zuverlässigsten Berichterstatter, die je im Bundeshaus gearbeitet haben, schliesst den Artikel mit den Worten:

In der Stimme des Magistraten lag der Akzent der Überzeugung. Heute wie gestern habe ich die unerschütterliche Gewissheit, dass M. Pilet-Golaz nicht an den Endsieg der Achse glaubte.


«Staatsmann im Sturm»

Cover: Staatsmann im Sturm

Hitlers Blitzsiege machten 1940 zum gefährlichsten Jahr in der jüngeren Geschichte der Schweiz. Das völlig eingeschlossene Land war auf Gedeih und Verderb Nazi-Deutschland ausgeliefert. Die Last seiner Aussenpolitik lag auf den Schultern von Bundespräsident Marcel Pilet-Golaz. Mit viel Geschick steuerte er die Schweiz unbeschadet durch stürmische Monate. In der Geschichtsschreibung gilt der Waadtländer als «Anpasser», der den Nazis zu Gefallen war. Hanspeter Born zeichnet ein anderes Bild des Juristen, Schöngeists und Landwirts aus der Romandie. Seine auf Primärquellen, teils unbekannte Dokumente aus dem Familienarchiv Pilet, beruhende Studie wertet den Umstrittenen als klugen und standfesten Staatsmann.«Die kapitale Mission des Bundesrates in den gegenwärtigen Zeitläufen besteht darin, das Land in der Unabhängigkeit und Freiheit zu erhalten. Sein Wille, hiefür seine ganze Energie und seine ganze Umsicht einzusetzen, braucht keinerlei besondere Erwähnung. Dinge, die sich aufdrängen und über jeder Diskussionstehen, verlieren, wenn man sie wiederholt.» Marcel Pilet-Golaz, Lausanne, 12. September 1940


Hanspeter Born, Staatsmann im Sturm. Pilet-Golaz und das Jahr 1940. Münster Verlag 2020, gebunden, mit Schutzumschlag, 540 Seiten, CHF 32.–. ISBN 978-3-907 146-72-, www.muensterverlag.ch

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlagsgestaltung: Stephan Cuber, diaphan gestaltung, Liebefeld
Umschlagsbild: KEYSTONE-SDA / Photopress-Archiv 

Beitrag vom 09.06.2024

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