70. Ein Gespräch zu viert und ein Besuch am Scheuerrain Aus «Staatsmann im Sturm»

Um 16 Uhr 30 am Dienstag, 10. September, wartet Jakob Schaffner wie abgemacht mit «zwei Herren» im Arbeitszimmer des Bundespräsidenten. Pilet erscheint wie üblich pünktlich. Der Briefwechsel zwischen Schaffner und Pilet lässt darauf schliessen, dass Pilet es vernachlässigt hat, Erkundigungen über die beiden Begleiter Schaffners einzuziehen. Möglichweise hat seine Sekretärin dies für ihn getan.

Bei der Begrüssung stellt Pilet fest, dass er einen der beiden Begleiter seit zehn Jahren kennt. Dem jetzt 43-jährigen Ingenieur Dr. Max Leo Keller begegnete Pilet, als er als Verkehrsminister das Wasseramt unter sich hatte. Keller besitzt langjährige Erfahrung im Kraftwerkbau und der Energiepolitik. Er arbeitete bei verschiedenen grossen Firmen wie Brown Boveri in der Schweiz und einige Jahre auch in Amerika. Von 1932 bis 1939 leitete er in Bern erfolgreich die wegen der Wirtschaftskrise geschaffene kantonalen Zentralstelle für die Einführung neuer Industrien. Nebenbei promovierte er an der Uni Bern zum Dr. rer. pol. und schreibt nun als freier Journalist Artikel über Betriebswirtschaft. Der gebürtige Zürcher ist Direktor der verbotenen Neuen Basler Zeitung, deren Wiederzulassung für ihn ein ideelles und finanzielles Hauptanliegen ist. Man darf ihn ohne Übertreibung als Schweizer Nazi bezeichnen. Schliesslich redet selbst der deutsche Gesandte Otto Köcher von ihm und seinen Freunden als «Nationalsozialisten».

Der zweite der beiden Herren ist der 28-jährige Ernst Hofmann, der in der Führung der Nationalen Bewegung der Schweiz durch sein besonders eifriges Werben um bundesrätliches Wohlwollen hervortritt. Hofmann ist Elektromonteur, jetzt Journalist und Verleger in Kilchberg. Im «Führerkreis» des NBS ist er für «politische Fragen» zuständig. Er hat schon mit Polizeichef Balsiger, Bundesanwalt Stämpfli und Bundesrat Baumann geredet. An einer Veranstaltung von Zürcher Industriellen und Financiers trat Hofmann an Bundesrat Wetter heran, um von ihm eine Unterredung mit dem Bundespräsidenten zu erreichen.

Unmittelbar nach Ende des Gesprächs zwischen Pilet und den drei Besuchern machte sich Keller stenografische Notizen. Diese persönlichen Aufzeichnungen wurden erst 1948 bei einem Gerichtsprozess bekannt. Da Pilet sich bei dem Treffen nur ganz wenige Stichworte aufschrieb, ist das Protokoll Keller die einzige direkte Quelle für ein Gespräch, dem die deutschschweizerische Nachkriegsgeschichtsschreibung zentrale Bedeutung beimessen wird. Laut Keller verlief die Unterredung wie folgt:

Nach der Begrüssung gibt Pilet Schaffner als erstem das Wort. Der Schriftsteller erklärt, die NBS-Führung habe aus Sorge um das Land das Gespräch verlangt. Ernst Hofmann, der zweite Redner, versichert den Bundesrat der «unbedingten Treue und Loyalität» der Bewegung zur Heimat. Er erwarte, dass die NBS «als Trägerin einer neuen Weltanschauung anerkannt und ihr die verfassungsmässigen Rechte gewährleistet» würden.

Darauf ergreift Pilet das Wort. In der Bundesratssitzung vom Vormittag hat Etter gesagt, dass es verfrüht wäre, wenn der «Bundesrat jetzt schon positiv oder negativ Stellung nehmen wollte zu Bewegungen und Erneuerungstendenzen». Pilet hält sich an diese bundesrätliche Vorgabe. Im Einvernehmen mit der Bundesanwaltschaft verlangt er von seinen Gesprächspartnern bezüglich ihrer Loyalität zur Schweiz vier schriftliche Zusicherungen:

1. Dass die Nationale Bewegung der Schweiz für die Freiheit und Unabhängigkeit des Landes kämpfen will und sich keine andere Schweiz denken kann als eine unabhängige und freie.

2. Dass sie keine Weisungen vom Auslande bekommt, sondern nur aus innerer Überzeugung tätig sei.

3. Dass sie kein Geld vom Auslande empfange.

4. Dass sie keine unzulässige Mittel gegen die Sicherheit des Staates verwenden wolle.

Als letzter Redner verlangt Keller die Wiederzulassung seiner Neuen Basler Zeitung und kritisiert die deutschfeindliche Haltung der Schweizer Presse. Notizen Keller:

Ich fügte hinzu, mit einem Herrn Schürch vom Bund oder Herrn Bretscher von der Neuen Zürcher Zeitung werde man deutscherseits bestimmt nicht mehr sprechen. Wir wüssten genau, was für uns politisch und wirtschaftlich auf dem Spiele stehe, und deshalb sei es Pflicht, dass sich alle gutwilligen und berufenen Kreise aus Staat und Wirtschaft dafür einsetzten, dass eine historische Lösung für die Schweiz auch im neuen Europa gefunden werde.

Pilet hört sich die Ausführungen der NBS-Herren an, ähnlich, wie er dies bei seiner Aussprache mit den Volksbundvertretern Anfang August getan hat, höflich und wohlwollend. Keller fasst Pilets Antwort so zusammen:

Bundesrat Pilet bemerkte in seinen weiteren Ausführungen, dass er unsere Absicht teile, dass man die Verbindungen mit Deutschland aufrechterhalten müsse, er wüsste auch, wen man hinschicken sollte, doch hätte sich eine Rede aussenpolitisch ausserordentlich ungünstig ausgewirkt und ihm dies verunmöglicht. (Bpr Pilet gab keine nähere Bezeichnung, doch handelt es sich um die Rede des Generals auf dem Rütli). Er gab auch zu, wie wir über unsere Auslandsvertretungen sprachen, dass es schwer sei, an die massgebenden deutschen Stellen heranzukommen, und meinte, wenn wir es tun sollten, er seinerseits nichts dagegen einzuwenden habe, doch erwarte er, dass wir ihn nachher unterrichten würden.

Was Pilet den Fröntlern sagt, denkt er auch. Seine Worte unterscheiden sich kaum von denjenigen, die er im Bundesrat äussert. Es war allerdings unklug, mit Schweizer Nazis von der Idee eines Sonderemissärs nach Deutschland zu sprechen und die Rütlirede Guisans zu kritisieren. Dem Kollegen Häberlin ist schon früh in Pilets Amtszeit aufgefallen, dass dieser sich etwas «gerne reden hört». Der Bundespräsident hätte gutgetan, im Gespräch mit ausgesprochenen Freunden Nazideutschlands mehr Vorsicht walten zu lassen.

Man kann es Schaffner, Hofmann und Keller nicht verübeln, wenn sie zum Schluss kommen, dass der Bundespräsident weitgehend mit ihnen einiggeht. Die Unterredung, aus der Pilet wegen der auf 17 Uhr 30 angesetzten Fortsetzung der Bundesratssitzung vorzeitig weggehen muss, endet in gutem Einvernehmen.

Mit der Abfassung des Communiqués lassen sich die NBS-Leute Zeit bis zum nächsten Tag, Mittwoch, dem 11.September. Dichter Schaffner ist bereits abgereist. Keller und Hoffmann tun dies in Zusammenarbeit mit dem erfahrenen Journalisten Heinrich Wechlin, der als «geistiger Kopf» im Führerkreis der Bewegung gilt. Die sich als Zündstoff erweisenden Bemerkungen, wonach die NBS «Trägerin des neuen politischen und sozialen Gedankens» sei und die Unterredung, «einen ersten Schritt zur Befriedung der politischen Verhältnisse in der Schweiz» darstelle, gehen auf Wechlins Konto. Ebenso die falsche Behauptung, die Mitteilung an die Presse erfolge im «Einverständnis mit dem Herrn Bundespräsidenten».

Am Abend des 11. September erhält neben der SDA und einigen andern Schweizer Redaktionen auch das DNB (Deutsche Nachrichtenbüro) die von Wechlin redigierte NBS-Meldung. Sie wird bereits in der Nacht vom Deutschen Kurzwellensender ausgestrahlt. Es folgt am Donnerstag, 12. September, die Aufregung in den Redaktionsstuben, der Vollmachtenkommission und bei einzelnen Bundesräten. Am Freitag, 13. September, der Sturm in der Deutschschweizer Presse, der am Samstag nicht abflaut. Pilet wird mit Schmähbriefen überschüttet.

Am Samstag, 14. September, telegrafiert ein vorzüglich informierter Köcher nach Berlin:

Empfang Vertreter «Nationale Bewegung Schweiz» durch Bundespräsident herbeigeführt durch vor Wochen einsetzende Schritte bei Pilet durch Oberst Wille, Zürcher Industriellen Bon, Schaffner, zuletzt Bundesrat Wetter (Wirtschaft). Taktisches Hauptziel bei der Anstrebung des Empfanges für Nationalsozialisten, Anerkennung oberster Spitze, Legalität der Bewegung, wovon Erschwerung polizeilicher Verfolgung und Gewinnung Presse- und Versammlungsfreiheit erwartet. Daher Mitteilung an Presse, besonders auch zweiter Absatz über «ersten Schritt zur innern Befriedung».

Gleichentags schickt Legationsrat Rezzonico im Auftrag Pilets Frölicher eine Mitteilung über die Audienz. Die chefs du Mouvement National Suisse hätten seit langem versucht, von M. le Président de la Confédérationempfangen zu werden, um ihm ihre aspirations et leurs buts darzulegen. Die Bewegung habe nach der Unterredung der Presse ein Communiqué versandt, das in «unglücklichem Wortlaut» gefasst worden sei, der geeignet war, «eine Verwirrung hervorzurufen». Der Bundesrat habe sich seinerseits zu einer nötigen Richtigstellung veranlasst gesehen. In der Mitteilung des Departements heisst es weiter wörtlich:

Trotz dieser Richtigstellung ergeht sich die Schweizer Presse seit einigen Tagen in eher heftigen Angriffen gegen den Bundespräsidenten, dem vorgeworfen wird, einer subversiven Bewegung eine Audienz gewährt zu haben. Wir haben es nicht nötig hinzuzufügen, dass uns dieser Vorwurf nicht nur ungerecht, sondern zumindest inopportun erscheint. Wir schicken Ihnen beiliegend zu Ihrer Orientierung mit dieser Affäre zusammenhängende Presseausschnitte. Die Lektüre dieser Ausschnitte illustriert auf eloquente Weise die Schwierigkeiten, denen der Bundesrat bei der Führung seiner Aussenpolitik ausgesetzt ist.

Um 15 Uhr 55, immer noch am selben Samstag, nimmt die «Sektion Telephon & Telegraph » der APF ein vom Zürcher Apparat des überwachten Max Leo Keller geführtes Gespräch auf:

Hier Pilet-Golaz – hier Keller – Ständerat Keller? – nein, Dr. Keller, Max-Leo, Grüss-Gott Herr Bundespräsident, hätten Sie, ich wollte sagen, wäre es möglich, dass ich Sie sprechen könnte, aber nicht offiziell und zwar wegen Folgendem: Sie machten eine Bemerkung, dass Sie etwas beabsichtigt hätten, dass Ihnen die Sache unmöglich gemacht worden sei, wissen Sie, was ich meine?

P-G: Nein!

K: Es sei Ihnen unmöglich geworden wegen einer Rede, eine Absicht durchzuführen.

P-G: Ja, aber wann wollen Sie mich sehen?

K: Wann es Ihnen passt. Ich glaube nämlich, dass ich Ihnen behilflich sein könnte.

P-G: Das soll natürlich in Ruhe behandelt werden.

K: Ganz richtig, unbedingt.

P-G: Ich habe Ihnen das gesagt, in Ruhe. Wollen Sie morgen am Ende des Vormittags zu mir kommen?

K: Würde es Ihnen passen, etwa um 11 Uhr.

P-G: Jawohl.

K: Sind Sie immer noch am Scheuerrain?

P-G: Jawohl. K: Gut, dann komme ich morgen. Ich danke. Auf Wiedersehen, Herr Bundespräsident.

Zum Autor

Hanspeter Born, geb. 1938, Schulen in Bern, Dr. phil. hist.; Redaktor beim Schweizer Radio, USA-Korrespondent; Auslandchef der Weltwoche (1984–1997);Autor von Sachbüchern, darunter «Mord in Kehrsatz», «Für die Richtigkeit –Kurt Waldheim» sowie (mit Benoit Landais) «Die verschwundene Katze» und «Schuffenecker’s Sunflowers».

Wie verabredet reist Keller am Sonntag nach Bern und erscheint bei den Pilets am Scheuerrain. Nach dem Gespräch verfasst er stenografisch eine Aktennotiz. Tut er dies zuhanden des Führerkreises der NBS oder als Gedankenstütze für die von ihm geplanten Besprechungen mit Naziwürdenträgern in Deutschland? In seiner Aufzeichnung schreibt Keller, anlässlich des Empfangs im Bundeshaus habe der Bundespräsident gesagt, er sei sich «der Notwendigkeit einer Fühlungnahme mit Deutschland voll bewusst»:

Ich teilte ihm nun meine Absicht mit, nächste Woche nach Deutschland zu fahren, wo ich geschäftlich (Neue Basler Zeitung) zu tun hätte, und erklärte mich bereit, gegebenenfalls bei massgebenden deutschen Stellen für die Beseitigung der Hindernisse einzutreten. Ich möchte aber nichts unternehmen, ohne sein Einverständnis zu haben. P. antwortete, dass er bereits in dieser Sache wieder einen Vorstoss unternommen habe und zuerst die Reaktion abwarten müsse, bevor etwas Neues unternommen werde. Dagegen begrüsste auch er die freundliche Fühlungnahme und Verbindung mit einflussreichen deutschen Kreisen, so wie es Bundesrat Wetter anlässlich der Zusammenkunft bei Dr. F. Meyer getan habe. Nach meiner Rückkehr solle ich ihm darüber berichten. Wir müssten aber auch die gegenwärtige aufgeregte Stimmung im Lande Rücksicht nehmen und vorsichtig sein, damit nicht neue Unruhe geschaffen werde.

Man sprach noch über die Unterredung vom Dienstag. Pilet sagte, die Mitteilung der NBS sei «nicht unrichtig» gewesen, aber sie seien zu rasch vorgestossen und dadurch sei der «Sturm» entstanden:

Es werde nun wieder einige Zeit dauern, bis man wieder etwas unternehmen könne. Mit unserem Volk sei es wie mit einem schwer kranken Patienten, der allmählich gesund werde. Man dürfe auch dem nicht allzu viel auf einmal zu essen geben. Wir brauchten Zeit, viel Zeit. Nicht einmal alle seine Kollegen im Bundesrat seien sich klar. Wetter, Etter und auch Minger seien durchaus für eine Verständigung mit Deutschland. Baumann hingegen sehe es nicht ein. Es gehe langsam, wir müssten vorsichtig sein und viel Geduld haben. Er wisse, dass er nicht beliebt sei im Parlament und dass ihn die Linksbürgerlichen geradezu hassen. Das erschwere die Arbeit, er sei aber zäh und werde zum Ziel kommen.

Welcher Teufel ritt Pilet, dass er derart freimütig und unvorsichtig aus der Schule plauderte? Es stimmt, dass Pilet im Parlament nicht populär ist, und zweifellos hassen ihn einzelne Linksbürgerliche, aber ist es Sache eines Bundespräsidenten einem Vertreter einer nazifreundlichen Bewegung solche Interna zu verraten?

Der selbstbewusste Keller, der die Situation für ernster hält, als der Bundespräsident dies tut, macht ihn – immer gemäss seiner Aktennotiz – darauf aufmerksam, dass die Schweiz nicht so viel Zeit habe, sich umzustellen. Man müsse der NBS endlich die Möglichkeit geben, «wieder vors Volks zu treten». Dazu hätten sie «nicht nur ein moralisches Recht, sondern dies sei eine politische Erkenntnis»:

Ich unterstrich dann die Notwendigkeit, dass wir uns nicht länger als Bürger zweiter Klasse behandeln lassen könnten, und wenn der Bundesrat der Meinung sei, dass wir – wie er sich ausgedrückt habe – Patrioten seien, dann müsse er auch zu uns stehen und uns entsprechend der Verfassung Recht gewähren: entweder erhalten wir gegen die unqualifizierten Angriffe den verfassungsmässigen Schutz, oder wir müssen ihn uns sonst wie verschaffen.

Pilet geht nicht auf diese unterschwellige Drohung ein, sondern beruhigt Keller mit der Feststellung, dass er nicht daran denke, sich von der Unterredung vom Dienstag zu distanzieren:

Er werde sich das Recht auch dem Parlament gegenüber vorbehalten, Persönlichkeiten, die er für richtig befinde, zu empfangen. Er werde auch sagen, dass er in der Unterredung nichts vernommen habe, das ein Bundespräsident nicht hätte hören dürfen.

Wir stünden gar nicht so weit auseinander, und es werde schon alles recht herauskommen, mehr Ruhe und Geduld, er arbeite dafür.

Plus de calme et de patience, j’y travaille. So wird sich Pilet ausgedrückt haben. In seiner Übersetzung der Äusserungen des Bundespräsidenten mag Keller die eine oder andere piletsche Nuance entgangen sein. Es gibt jedoch keinen Grund, daran zu zweifeln, dass der Nazi Keller das Gespräch einigermassen korrekt wiedergegeben hat.

In der Aktennotiz gibt sich Keller das letzte Wort. Er macht Pilet darauf aufmerksam, dass die «Zeit ein wichtiger, ja entscheidender Faktor» sei:

Die Weltgeschichte richte sich nicht nach uns. Meiner Meinung nach müssten wir vor der Beendigung des Krieges mit Deutschland zu einer Verständigung kommen, allenfalls hätten wir nichts mehr zu verhandeln.

Sollte Hitler den Krieg gewinnen, dann hätte Max Leo Keller sicher recht.

Die Unterredung hatte laut Keller anderthalb Stunden gedauert. Seine Aktennotiz ist viel zu kurz, um das ganze Gespräch wiederzugeben. Keller hat das Gespräch nicht wissentlich verfälscht, aber er hält nur fest, was er für wichtig hält.

Am Montag, 16. September, muss Pilet feststellen, dass die Chefredaktoren der beiden führenden Zeitungen der welschen Schweiz, Gazette de Lausanne und Journal de Genève, Georges Rigassi und René Payot, ihn zwar verteidigen, aber gleichwohl die Audienz für verfehlt halten. Die Gazette erinnert daran, dass «le sieur Hofmann» und «le sieur Keller» Redaktoren von Blättern sind, die der Bundesrat mit guten Gründen verbot, das Schweizervolk wegen Unruhestiftung, die Neue Basler Zeitung wegen finanzieller Abhängigkeit von Deutschland. Fazit Rigassi:

Die gesamte presse confédérée bedauert einmütig, dass die Audienz Personen gewährt wurde, die diese nicht verdienten. M. Pilet-Golaz hat es wahrscheinlich für seine Pflicht gehalten, der «Nationalen Bewegung der Schweiz» die Möglichkeit zu geben, ihre politischen Pläne auseinanderzusetzen, und hat zweifellos versucht, sie auf bessere Absichten zurückzubringen. Dieser an sich lobenswerte Versuch ist an der Haltung seiner Gesprächspartner gescheitert.

Im Journal de Genève kritisiert Payot die Naivität oder Vertrauensseligkeit des Bundespräsidenten:

Die Ausübung der Diplomatie hat ihn nicht genügend misstrauisch gemacht. Wenn er misstrauischer gewesen wäre, hätte er die Veröffentlichung eines ohne sein Wissen redigierten Communiqués und dessen Worte er erst nachträglich in Abrede stellen konnte, nicht zugelassen.

Die NBS-Vertreter könnten nun behaupten, sie seien durch den Empfang des höchsten Magistraten gewissermassen rehabilitiert. Allerdings dürfe man nichts dramatisieren und im Empfang kein Zeichen für eine Änderung der Bundespolitik sehen. Dem Bundespräsidenten gibt Payot den Rat, sich künftig an J.J. Rousseau zu halten: «Es sind die kleinen Vorsichtsmassnahmen, welche die grossen Tugenden bewahren.» 

Pilet weiss jetzt, dass er einen Fehler begangen hat. Es liegen handschriftliche Notizen vor, die sich der Bundespräsident für ein Rücktrittsschreiben gemacht hat. Es existiert auch eine Schreibmaschinenfassung einer Demissionserklärung, datiert September 1940, aber ohne Angabe des Tages. Pilet hat nach dem vom Frontistenempfang ausgelösten Sturm an Rücktritt gedacht. Schon einmal, am 29. Juli, als er einflussreiche Parlamentarier gegen sich wähnte, bastelte Pilet an einem Demissionsbrief, den er allerdings nie ins Reine schrieb. Ob Pilet in depressiver Stimmung zweimal innert sechs Wochen an Rücktritt dachte oder ob er mit der Demissionsdrohung Druck auf die Bundesratskollegen ausüben wollte, lässt sich nicht klären.


«Staatsmann im Sturm»

Cover: Staatsmann im Sturm

Hitlers Blitzsiege machten 1940 zum gefährlichsten Jahr in der jüngeren Geschichte der Schweiz. Das völlig eingeschlossene Land war auf Gedeih und Verderb Nazi-Deutschland ausgeliefert. Die Last seiner Aussenpolitik lag auf den Schultern von Bundespräsident Marcel Pilet-Golaz. Mit viel Geschick steuerte er die Schweiz unbeschadet durch stürmische Monate. In der Geschichtsschreibung gilt der Waadtländer als «Anpasser», der den Nazis zu Gefallen war. Hanspeter Born zeichnet ein anderes Bild des Juristen, Schöngeists und Landwirts aus der Romandie. Seine auf Primärquellen, teils unbekannte Dokumente aus dem Familienarchiv Pilet, beruhende Studie wertet den Umstrittenen als klugen und standfesten Staatsmann.«Die kapitale Mission des Bundesrates in den gegenwärtigen Zeitläufen besteht darin, das Land in der Unabhängigkeit und Freiheit zu erhalten. Sein Wille, hiefür seine ganze Energie und seine ganze Umsicht einzusetzen, braucht keinerlei besondere Erwähnung. Dinge, die sich aufdrängen und über jeder Diskussionstehen, verlieren, wenn man sie wiederholt.» Marcel Pilet-Golaz, Lausanne, 12. September 1940


Hanspeter Born, Staatsmann im Sturm. Pilet-Golaz und das Jahr 1940. Münster Verlag 2020, gebunden, mit Schutzumschlag, 540 Seiten, CHF 32.–. ISBN 978-3-907 146-72-, www.muensterverlag.ch

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlagsgestaltung: Stephan Cuber, diaphan gestaltung, Liebefeld
Umschlagsbild: KEYSTONE-SDA / Photopress-Archiv 

Beitrag vom 19.05.2024

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