69. Schriftsteller Jakob Schaffner Aus «Staatsmann im Sturm»

Die Presse nennt den Empfang der Frontisten den «Audienzskandal». Für Pilet ist es die affaire Schaffner. Presse und Öffentlichkeit kennen die Vorgeschichte nicht, die zum Empfang vom 10. September geführt hat. Diese Vorgeschichte, die zu allerlei Gerüchten und Verdächtigungen Anlass gab und die auch die Geschichtsschreibung bisher nicht vollständig erhellt hat, verdient es chronologisch nacherzählt zu werden.

Nachdem sich Anfang Juni verschiedene frontistische Gruppen und Persönlichkeiten zur Nationalen Bewegung der Schweiz NBS zusammengeschlossen hatten, ersuchten Dr. Max Leo Keller und Fritz Hofmann «im Namen des Führerkreises» der NBS Bundespräsident Pilet-Golaz in Briefen vom 17. Juni und 26. Juni um eine «dringliche Unterredung». Pilet liess die Briefe unbeantwortet, worauf die beiden Herren am 22. Juli nachhakten. Sie zeigten sich pikiert vom bundesrätlichem Schweigen: «Über diese Art der Behandlung landeswichtiger Angelegenheiten wollen wir uns zu diesem Zeitpunkt nicht weiter aufhalten.» Weiter schrieben Keller und Hofmann:

Heute, Herr Bundespräsident, sind wir in die Lage versetzt, offen mit Ihnen zu sprechen. Wir verfügen über bestimmte Informationen und diese sind ernster Natur, dass wir mit Ihnen darüber zu sprechen wünschen. Wir ersuchen Sie hiermit, uns bekannt zu geben, wann diese Unterredung mit Ihnen stattfinden kann.

Für den Fall «keiner oder einer abschlägigen Antwort in nützlicher Frist» drohten Hofmann und Konsorten mit dem Gang an die Öffentlichkeit. Wieder keine Antwort von Pilet.

Am 11. August veröffentlichte die deutsche Zeitschrift Das Reich einen Aufsatz des Schweizer Schriftstellers Jakob Schaffner mit dem Titel «Die Schweiz im neuen Europa». Das Reich ist, anders als das hetzerische Parteiorgan Der völkische Beobachter, eine literarisch anspruchsvolle, ja gediegene Wochenzeitung. Im Reich dürfen die besten, nicht verbotenen oder nicht ins Exil gedrängten deutschen Feuilletonisten relativ unabhängig schreiben. Relativ. Die Zeitschrift ist ein Liebkind Goebbels, der beweisen will, dass Deutschland auch unter den Nazis das Land der Dichter und Denker bleibt. Der Propagandaminister schreibt selber im Reich und bedient sich dabei einer feineren Sprache als sonst. Er war ja früher Schriftsteller.

Jakob Schaffner, der Autor des Reich-Aufsatzes, ist eine literarische Grösse ersten Ranges. Seine Werke erzielen grosse Auflagen. Von der Literaturkritik in der Schweiz und in Deutschland wird er ernst genommen. Schaffner wurde 1875 als Sohn eines Schweizers und einer Süddeutschen in Basel geboren. Sein Vater, ein Gärtner, starb, als Jakob acht Jahre alt war. Die Mutter wanderte nach Übersee aus, ohne ihn mitzunehmen. Der Junge wuchs in einem ärmlichen, streng pietistisches Waisenheim in Oberbaden auf, in das ihn die Grosseltern gesteckt hatten. Er lernte Schuhmacher und übte später in Basel, Wien und Deutschland die verschiedensten Berufe aus. In der Freizeit schrieb er Novellen und Romane, die beim Publikum Gefallen fanden.

Schon früh begeisterte Schaffner sich für Hitler und die nationalsozialistische Bewegung. 1937 schwärmte er, es sei «weltplanmässig kein Zufall, dass der Führer des neuen Reiches eine Baumeisterseele hat»:

Ob es nun dieser gigantische Aufmarschplatz ist, das Werk der Autobahnen, die neue Kriegsflotte, hinter der das Volk sicher wohnen soll, die Volksarmee, die ihm wieder Ansehen und seinem Recht Nachdruck verleihen wird, das Sozialwerk, sozusagen die Krypta, auf welcher der ganze Bau ruht, die SA, die Hitlerjugend, das Winterhilfswerk, der neue Seelenaufbau der NS-Kulturgemeinde, die Arbeitsfront, das Werk «Kraft durch Freude», der Arbeitsdienst: es ist alles aus demselben Geist und in gleichem Sinn entstanden.

Zwei Seelen wohnen, ach! in Schaffners Dichterbrust. Der 65-Jährige vergöttert Hitler und den deutschen Gemeinschaftsgeist, aber er liebt ebenso inbrünstig die alte Heimat Schweiz. In seinem Reich-Essay versucht Schaffner nicht ungeschickt, den Deutschen zu erklären, wieso es die Eidgenossen nicht wie die Sudentendeutschen oder die Österreicher heim ins Reich drängt. Das Schweizervolk habe «in Wahrung der uralten deutschen Bräuche, Rechte und Freiheiten» gegen den habsburgischen Feudalismus und gegen die wortbrüchigen habsburgischen Kaiser gekämpft. Die «Katastrophe des Dreissigjährigen Kriegs» und den «Untergang aller deutschen Stämme» habe die Eidgenossenschaft nicht mitgemacht. Im Westfälischen Frieden von 1648 wurde ihre Unabhängigkeit vom Reich und ihre Neutralität anerkannt:

Die Neutralität, die ihnen in Münster international bestätigt wurde, hatten sie für sich nach der verlorenen Schlacht von Marignano, dem «Rückzug aus der Weltgeschichte» beschlossen und als Bundesgrundsatz feierlich aufgerichtet.

Jetzt sind neue Zeiten angebrochen:

Auf den Schlachtfeldern Frankreichs ist Europas Schicksal entschieden und mit all seinen Völkern und Staaten über seine neue Seinsform das Urteil gefällt. Dass ein kleines Volk wie die Schweiz sich der Umschmelzung wird allein entziehen können, denkt wohl kaum noch jemand bei uns, ob er nun sauer oder froh dazu steht. Nur eines erwarten alle in grosser Zuversicht: dass jener Unterschied, den ich deutlich gemacht habe, ausreichen wird, um das, was künftig getan werden muss, in freier Selbstbestimmung tun zu dürfen.

Die Eidgenossenschaft ist für Schaffner «die Möglichkeit und das Vorbild des neuen Europas» Hitlers:

So wie die alten «Orte» des alten eidgenössischen Bundes völkisch brüderlich verbunden und freibestimmt ihren Jahrhunderten das Gesicht gaben, so wird das alte Europa endlich seine Sehnsucht sich erfüllen, wird volkhaft brüderlich verbunden und freibestimmt nunmehr seine Jahrhunderte antreten und einer Epoche das Gesicht geben.

Was bedeutet dies für die Schweiz? Sie wird sich den

wirtschaftlichen und verkehrspolitischen Vereinheitlichungen entziehen weder wollen noch können, denn sie liegt mitten in Europa und ist keine Insel im Atlantischen Ozean. Im übrigen nehme ich getrost an, wird sie volle Selbstbestimmung und innere Freiheit geniessen.

Das Schweizer Feuilleton staunte über den Aufsatz des als unverbesserlicher Nazi abgestempelten Ex-Baslers. War er nicht vielleicht ein heimlicher Patriot?

Die linksfreisinnige National-Zeitung befand, der Aufsatz Schaffners könne «in wesentlichen Teilen ohne Bedenken unterschrieben werden». Immerhin missfielen dem Blatt «die kritischen Vorbehalte und gelegentlich sogar drohenden Untertöne ». Schaffners Bemerkungen über die «Sonderstellung der Eidgenossenschaft» jedoch hätten Gewicht und seien richtig. 

Zum Autor

Hanspeter Born, geb. 1938, Schulen in Bern, Dr. phil. hist.; Redaktor beim Schweizer Radio, USA-Korrespondent; Auslandchef der Weltwoche (1984–1997);Autor von Sachbüchern, darunter «Mord in Kehrsatz», «Für die Richtigkeit –Kurt Waldheim» sowie (mit Benoit Landais) «Die verschwundene Katze» und «Schuffenecker’s Sunflowers».

Nach Publikation seines Artikels reist Schaffner in die Schweiz, um zu erfahren, wie seine Worte in der Heimat angekommen sind. Er logiert im Badehotel Ochsen in Baden. Am 16. August schreibt Schaffner selbstbewusst dem Bundespräsidenten:

Mein grosser Aufsatz in der deutschen Zeitschrift «Das Reich» wird Ihnen nicht entgangen sein. Ich konnte darin natürlich nicht die schweren Besorgnisse aussprechen, die mich wegen unserem Vaterland drücken, ich konnte sie nicht einmal durchscheinen lassen. Auch Ihnen wird sich die Überzeugung immer mehr aufdrängen, dass das Verhältnis der Schweiz zu Deutschland entlastet werden muss von gewissen Spannungen, in die wir durch das Verhalten unserer Offiziellen und Offiziösen zum Reich geraten sind.

Schaffner warnt Pilet, dass die Schweiz «zu Umstellungen, die wir nicht selber leisten wollen oder nicht mehr können, auf kaltem Weg gezwungen werden» könne. Er möchte, dass die Schweiz «das Nötige aus eigener Erkenntnis und eigener Kraft und aus freiem sittlichen Wille» leiste:

Zu diesem Zweck ist es dringend geboten, verehrter Herr Bundespräsident, dass man in diesem Land diejenigen Kräfte und Menschengruppen frei wirken lässt, die den entsprechenden Gedankengängen von jeher nahe gestanden haben. Diese Gedankengänge mit Landesverrat gleichsetzen zu sehen, das dürfen wir uns heute wohl mit Recht verbitten, dagegen beanspruchen wir für uns den Genuss eines bürgerlichen Rechts, das in der Verfassung verankert ist.

Schaffner hat drei spezifische Forderungen:

Dass 1. die Nationale Bewegung freigegeben, 2. das Verbot der Neuen Basler Zeitung sofort aufgehoben und 3. Dr. Zander freigelassen wird.

Diese Passage und den folgenden Schluss des Briefs markiert Pilet mit blauem Randstrich: 

Ohne eine persönliche Aussprache zwischen Ihnen und uns wird Ihnen eine solche Massnahme nicht denkbar sein, und um diese Aussprache ersuche ich Sie hiermit so höflich wie dringend. Es dürfte wohl klar sein, dass selbst bei einer Verweigerung die Bewegung nicht mehr aufzuhalten wäre: der Grund, warum wir die offene Aussprache suchen.

Hochachtungsvoll ergebenst – Jakob Schaffner

Der Zufall will es, dass Pilet zur gleichen Zeit wie Schaffner ebenfalls in Baden zur Kur weilt. Im Verenahof, der neben dem Ochsen liegt und unter gleicher Leitung steht. Wahrscheinlich hat der Bundespräsident Schaffners Brief erst nach seiner Rückkehr ins Bundeshaus gesehen. Dort erhält er einen neuerlichen Brief des Dichters, datiert 1. September. Schaffner ist diesmal kurz angebunden:

Seit meinem Brief sind wieder drei Wochen ins Land gegangen, ohne dass sich irgend etwas verändert oder gar entschieden hätte. Dabei werden Sie mit mir einig sein, dass durch eine Hinausschiebung die Fragen nicht bloss nicht gelöst, sondern ständig gefährlicher und schwerer werden. Es wird die Zeit kommen, dass die Führer jener Richtung, deren Freigabe allein die Situation erleichtern kann, eine Verantwortung für das kommende ablehnen. Um das wenn möglich doch noch zu vermeiden, bitte ich am Donnerstag nochmals mit Ihnen sprechen zu können. Ich werde am Mittwoch im Hotel Bellevue eintreffen und erhoffe dort ihren gütigen Bescheid.

Der Wortlaut des Schreibens lässt darauf schliessen, dass Schaffner Pilet in Baden getroffen und mit ihm gesprochen hat. Pilet, der in seiner Kur nicht gestört werden wollte, muss den Dichter ersucht haben, sein Anliegen schriftlich zu formulieren. Weil Pilet ihm nicht geantwortet hat, setzt Schaffner ihn jetzt unter Druck.

Am 5. September, dem Donnerstag, an dem Schaffner Pilet eigentlich sprechen wollte, antwortet der Bundespräsident schriftlich:

Verschiedene Umstände – unter anderem eine Abwesenheit meinerseits, dann die Abwesenheit mehrerer meiner Kollegen – haben mir es nicht erlaubt, Ihr Audienzgesuch früher zu beantworten. 

Es wäre mir möglich, Sie Dienstag, den 10. September, zu empfangen. Die Besprechung fände in meinem Arbeitszimmer statt, es sei denn, dass Sie von so viel Herren begleitet werden, was ich nicht annehme. In diesem Falle müsste ich ein anderes Lokal wählen. Sie können hierüber meinem Sekretariat Mitteilung machen (Telephon 61.508).

Drängen lässt sich Pilet nicht. Schaffner wird sich einige Tage gedulden müssen. Der Schriftsteller sagt Pilets Sekretariat telefonisch zu und bestätigt schriftlich, dass er sich «mit zwei Herren im Arbeitszimmer des Herrn Bundespräsidenten einfinden» werde.

«Staatsmann im Sturm»

Cover: Staatsmann im Sturm

Hitlers Blitzsiege machten 1940 zum gefährlichsten Jahr in der jüngeren Geschichte der Schweiz. Das völlig eingeschlossene Land war auf Gedeih und Verderb Nazi-Deutschland ausgeliefert. Die Last seiner Aussenpolitik lag auf den Schultern von Bundespräsident Marcel Pilet-Golaz. Mit viel Geschick steuerte er die Schweiz unbeschadet durch stürmische Monate. In der Geschichtsschreibung gilt der Waadtländer als «Anpasser», der den Nazis zu Gefallen war. Hanspeter Born zeichnet ein anderes Bild des Juristen, Schöngeists und Landwirts aus der Romandie. Seine auf Primärquellen, teils unbekannte Dokumente aus dem Familienarchiv Pilet, beruhende Studie wertet den Umstrittenen als klugen und standfesten Staatsmann.«Die kapitale Mission des Bundesrates in den gegenwärtigen Zeitläufen besteht darin, das Land in der Unabhängigkeit und Freiheit zu erhalten. Sein Wille, hiefür seine ganze Energie und seine ganze Umsicht einzusetzen, braucht keinerlei besondere Erwähnung. Dinge, die sich aufdrängen und über jeder Diskussionstehen, verlieren, wenn man sie wiederholt.» Marcel Pilet-Golaz, Lausanne, 12. September 1940


Hanspeter Born, Staatsmann im Sturm. Pilet-Golaz und das Jahr 1940. Münster Verlag 2020, gebunden, mit Schutzumschlag, 540 Seiten, CHF 32.–. ISBN 978-3-907 146-72-, www.muensterverlag.ch

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlagsgestaltung: Stephan Cuber, diaphan gestaltung, Liebefeld
Umschlagsbild: KEYSTONE-SDA / Photopress-Archiv 

Beitrag vom 12.05.2024

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