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Das hat sich gewaschen

Bäder sind erholsam – richtig genutzt, können sie sogar gesundheitsfördernd und heilend sein. Balneologe und Sportmediziner Dr. Matthias Fenzl erklärt, wie sich die Kraft des (Heil-)Wassers gezielt nutzen lässt.

Text: Roland Grüter

Wie belebend und heilend Wasser sein kann, erkannte der deutsche Pfarrer Sebastian Kneipp (1821–1897) bereits im 19. Jahrhundert. Er fand heraus, dass Gehen in eiskaltem Wasser die Selbstheilungskräfte des Körpers aktiviert und dadurch das Immunsystem stärkt – und setzte kalte und heisse Güsse, Wechselbäder, Waschungen, Taulaufen oder Wassertreten therapeutisch ein. In seinen Kuren kombinierte er die Wasserkraft mit Kräuteranwendungen, Bewegungsanreizen und einer optimierten Ernährung. Eine bewährte Kombination, die bis heute anerkannt ist: Dieses Jahr feiert die Kneipp-Bewegung den 200. Geburtstag ihres Begründers.

«Die Wissenschaft hat viele Erkenntnisse von Kneipp erst nachträglich bestätigt», sagt Dr. Matthias Fenzl, Sportwissenschaftler im Medizinischen Zentrum Bad Ragaz. Er ist unter anderem Balneologe (ein Experte der Bäderheilkunde) und setzt Wasser ebenfalls gezielt in Therapien ein – egal, ob als Bad, Trinkkur oder in Inhalationen. «Wasser ist zwar die Königsdisziplin, um Verletzungen des Bewegungsapparates zu kurieren oder den Körper nach operativen Eingriffen wieder fit zu machen, etwa nach dem Ersatz eines Hüftgelenkes», sagt Matthias Fenzl. Bei allen anderen körperlichen Leiden komme Wasser hingegen nicht gebührend zum Einsatz. «Viele wissen erst gar nicht, dass Bewegung im Wasser gleich wirken kann wie ein Medikament. Es gibt genügend Studien, die diese Wirkkraft belegen», sagt der Fachmann. Unter anderem lässt sich mit gezieltem Ausdauertraining im Wasser der Blutdruck in 8 bis 16 Wochen nachhaltig senken. 

So baden Sie richtig

Dr. Matthias Fenzl
Dr. Matthias Fenzl

Matthias Fenzl bezieht das Wasser im Medizinischen Zentrum Bad Ragaz aus der Taminaquelle, der wasserreichsten Thermalquelle Europas. Diese wurde schon im frühen Mittelalter entdeckt und bietet reinstes Quellwasser mit einer Temperatur von 36,5 °C. Das Heilwasser enthält Ionen wie Chlorid, Fluorid und Hydrogenkarbonat. Das körperwarme Quellwasser eignet sich insbesondere für die Behandlung von Beschwerden des Bewegungsapparates. In der Folge beschreibt der (Aqua-)Experte die Vorteile dieses Elements – und wie es sich gezielt nutzen lässt.

Wir alle plantschen dann und wann im Wasser – nutzen wir damit bereits die Vorteile des Wassers?
Wellness tut zwar Körper und Geist gut. Nur: Die Menschen sind dabei eher passiv, weniger aktiv. Wer die Vorzüge von Wasser voll ausschöpfen will, muss zielgerichtet trainieren. Viele Balneologen und Heilbäder bieten entsprechende Therapien an.

Wie lange dauern therapeutische Anwendungen?
Stationäre Therapien drei bis vier Wochen, ambulante 12 bis 16 Wochen. Sie umfassen drei bis fünf Applikationen pro Woche – und spezifisch zusammengestellte Übungen. Auch die Trainingsintensität ist für den Erfolg massgebend. Ohne Fleiss, kein Preis.

Taugen solche Kuren für alle gleich gut? 
Nein. Wer unter schweren Erkrankungen leidet, muss davor zwingend Rücksprache mit der Hausärztin, dem Hausarzt nehmen. Dazu zählen unter anderem: Herzschädigung (Herzschwäche, Rhythmusstörungen, frischer Herzinfarkt), unbehandelter Bluthochdruck, Venenentzündungen im Unter- und Oberschenkelbereich (Emboliegefahr) und ausgeprägte Blutergüsse, Schilddrüsenüberfunktion, akute Entzündungen, Infekte sowie Epilepsie (Ertrinkungsgefahr).

Gesundheit ist massgebend, nicht das Alter

Müssen ältere Menschen ebenfalls besondere Regeln beachten?
Nicht das Alter, sondern die körperliche Fitness ist entscheidend, welche Bäder sich eignen und welche eben nicht. Für gesunde ältere Menschen gelten deshalb die gleichen Regeln wie für jüngere – Tauchen und Luftanhalten sind heikel, weil dadurch der Blutdruck gesteigert wird. Auch Schwimmer mit ungenügender Technik überfordern sich schnell. Sie stossen dabei schnell an ihre Leistungsgrenze, was bei eingeschränkter Pumpkraft des Herzens schnell zu einer Überforderung führen kann. Hier ist Wasserlaufen empfehlenswerter, die Belastungsintensität kann besser dosiert werden und zudem nutzt man den Wasserdruck in der Senkrechten besser aus als in der Horizontallage beim Schwimmen.

Unterwasseraufnahme einer Aerobic-Klasse. Zeitlupe.
Wassergymnastik fördert Beweglichkeit und Koordination. © shutterstock

Man hört allenthalben, dass ältere Menschen mit Herzproblemen vorsichtiger sein müssen: Stimmt das denn nicht? 
Grundsätzlich können auch Personen mit Herzinsuffizienz ein warmes Vollbad nehmen. Die Aufenthaltsdauer in heissen Bädern (unter 40°C) sollte jedoch nicht länger als 15 Minuten dauern. Die Kerntemperatur des Körpers erhöht sich dabei um durchschnittlich 0.6°C, was den Organismus vergleichsweise wenig belastet. Bei schweren Erkrankungen sollte man zwingend Rücksprache mit dem Hausarzt nehmen.

Wie können ältere Menschen die Vorzüge des Wassers jenseits therapeutischer Anwendungen nutzen?
Beispielsweise in Sturztrainings. Sturzprophylaxe lässt sich in Bädern prima trainieren, hierfür werden vielerorts in Bädern Kurse angeboten: Denn im Wasser können Menschen das Fallen üben, ohne dabei Blessuren zu riskieren. In solchen Trainings lässt sich das Reaktionsvermögen verbessern und Ängste abbauen. 

Wie lange darf man überhaupt in warmem Wasser baden?
Kommt darauf an, wie hoch die Temperatur ist. In Bädern, die 34,5 °C  warm sind, sollte man bis 50 Minuten verbleiben. Die Blutplasmawerte für Stresshormone nehmen dann am stärksten ab, ohne das Herz dabei im Übermass zu belasten. Voraussetzung ist jedoch, dass die Menschen gesund sind. 

Streicheleinheiten für die Haut – und die Seele

Weshalb entspannt warmes Wasser?
Durch den Wasserdruck atmet man tiefer, und mit dem Atemzyklus schwingen Herzfrequenz und Blutdruck im Gleichklang (Kohärenzprinzip). Der Kreislauf wird angeregt, das vegetative Nervensystem wird stimuliert: Entspannung! Darauf zielen viele Wellness-Anwendungen: Letztendlich sind sie Streicheleinheiten für die Seele. Sie stimulieren das Vegetativum, fördern das Wohlgefühl. 

Mit welchen Vorzügen wirkt Wasser insbesondere? 
Die darin enthaltenen Stoffe wirken genauso anregend wie die Temperatur des Wassers und seine physikalischen Eigenheiten. Durch den Druck des Wassers werden beispielsweise das Herzminuten-Volumen, das Blutumlaufvolumen und der Umlauf des Blutkreislaufes markant erhöht. Dies führt dazu, dass verschiedene Organsysteme besser durchblutet werden, insbesondere aber das Weichteilgewebe. Langfristig wird der Blutdruck gesenkt.

In der Folge gehen wir auf die einzelnen Wirkungsgebiete genauer ein. Starten wir mit der physikalischen Wirkkraft des Wassers. Worauf basiert diese?
Der Auftrieb im Wasser vermittelt uns das Gefühl der Leichtigkeit, manchmal sogar der Schwerelosigkeit. Bewegungen fallen uns trotz allfälliger Beeinträchtigungen leichter, im Idealfall schmerzen sie sogar weniger. Die Muskulatur wird durch den Widerstand des Wassers mehr gefordert – und gestärkt. Gleichzeitig werden die Gelenke geschont und der Gleichgewichtssinn trainiert.

Eine Seniorin treibt entspannt auf dem Wasser eines Schwimmbeckens. Zeitlupe
Im Wasser stellt sich ein Gefühl der Leichtigkeit ein. © shutterstock

Welche Vorteile resultieren daraus? 
Der Wasserdruck wirkt sich positiv auf unser Herz-Kreislauf-System aus. Das Herz kann seine Leistung leichter erbringen, die Gefässe erweitern sich – werden diese Vorteile gezielt therapeutisch eingesetzt, senken sie langfristig den Blutdruck. Durch den Druck wird das Körpergewebe besser entwässert und die Venenfunktionen verbessert. Darüber hinaus stimuliert dieser die Nieren, hat eine ausschwemmende und harnfördernde Wirkung. Und, zu guter Letzt: Durch den Wasserdruck ist beim Einatmen die Atemmuskulatur stärker gefordert – was zu einer Verbesserung der Lungenkapazität und Lungenelastizität führt.

Bäder mit 34.5°C sind am verträglichsten

Wie sieht es mit den thermischen Einflüssen aus?
Kommt drauf an, wie warm das Wasser ist. Bäder mit 34.5°C sind salopp formuliert am verträglichsten. Sie fordern dem Körper keine Sonderleistung ab, um die Temperatur zu regulieren. Solche Bäder sind ideal für Menschen mit rheumatischen Erkrankungen, psychosomatischen Störungen – oder zur Erholung nach Krankheiten oder operativen Eingriffen. Die empfohlene Mindestaufenthaltsdauer umfasst hier idealerweise 50 Minuten.

Was passiert in wärmerem Wasser?
Überwarme Bäder (39°C) lassen die Temperatur im Körperinnern ansteigen. Die Hautgefässe werden erweitert, man schwitzt. Die Überwärmung löst eine Reihe von Reaktionen aus, welche die Hitze mindern sollen. Die Herzfrequenz spielt dabei eine wichtige Rolle. Hochkomplexe Mechanismen bewirken Anpassungen in den Gefässwänden, die Verkalkung von Gefässen und Thromben vorbeugen. Spezielle Eiweisse, sogenannte Hitzeschockproteine, lösen überdies spontane Immunreaktionen aus. Die Muskeln entspannen sich. Das Körpergewebe wird dehnbarer. Diese Bäder empfehlen sich bei Überlastungen (psychisch und physisch), bei rheumatischen Erkrankungen, Herz-Kreislauf-Regulationsstörungen und Immunschwäche. Die Anwendung heisser Vollbäder ist unbedenklich sofern diese nicht länger als 15 Minuten sind. Bei Krampfadern (ab Stadium II) und Stauungszuständen im Beinbereich sollte man jedoch davon absehen – und gemeinhin kalte Bäder vorziehen.

Wann sind kalte Bäder von Vorteil?
Kalte Bäder (17°C) kommen oft nach Warmwasserbädern oder Saunagängen zum Zug. Sie sollen die zuvor angeregte Hautdurchblutung drosseln und die Kerntemperatur senken – dieses Gegenspiel regt den Herz-Kreislauf und das autonome Nervensystem enorm an. Darüber hinaus wird im Wechselspiel zwischen heiss und kalt der Stoffwechsel angeregt, und die Spannkraft der Muskeln wird grösser. Der «Kälteschock» kann beispielsweise entzündungsbedingte Schmerzen lindern und das Immunsystem anregen. Kältebäder helfen beispielsweise bei chronischer Venenschwächen, entzündlichen Gelenkerkrankungen, Herz-Kreislauf-Regulationsstörungen, Niereninsuffizienz und bei Schwellungen nach operativen Eingriffen. Die empfohlene Anwendungszeit beträgt hier zwischen 1 und 3 Minuten.

Kneipp empfiehlt Wechselbäder: Zurecht? 
Ja. Wechselwarme Bäder bringen den Kreislauf enorm auf Trab, weil der der Körper die Körpertemperatur stabil halten muss, indem er den Gefässtonus anpasst und dadurch die Hautdurchblutung drosselt (Kälte) oder anregt (Wärmezufuhr). Um diesen Mechanismus in Gang zu bringen, genügen bereits Teilbäder. Diese sind maximal kniehoch, man watet dabei in zwei bis drei Abfolgen wechselweise durch warmes (1 bis 3 Minuten) und kaltes Wasser (15 bis 30 Sekunden).  Bei Wechselvollbädern startet man erst in kaltem Wasser (1 Minute), wechselt dann in warmes (3 Minuten), um neuerlich in kaltes Wasser einzutauchen (1 Minute). Wichtig: Bei wechselwarmen Anwendungen wird «nur» zwei Mal gewechselt, dann ist der Effekt am höchsten. Achtung: Bei Diabetes und Arteriosklerose können brüsk wechselnde thermische Reizen paradoxe Gefässreaktionen bewirken.

Haut lässt gewisse Stoffe passieren

Viele Heilquellen beinhalten spezifische Mineralstoffe. Werden diese von der Haut tatsächlich aufgenommen?
Der osmotische Druck öffnet die Hautbarriere – eine Schutzfunktion – tatsächlich. Mineralstoffe und organische Mineralkomplexe, etwa Kalzium, Schwefel oder Salze, können in der Folge aufgenommen werden. Dazu braucht es eine Mindest-Badezeit von 20 bis 30 Minuten. Und die im Wasser gelösten Ione müssen hochkonzentriert sein. Im Gegenzug werden körpereigene Schadstoffe ausgespült – was eine doppelt reinigende Wirkung hat. 

Welche Vorteile bietet Wasser unserer Gesundheit darüber hinaus?
Der Widerstand und die kleinen Verwirbelungen animieren die Hautsensorik – ähnlich wie Streicheleinheiten. Das Gehirn wird dadurch komplex stimuliert – was zur nachhaltigen Entspannung führt.

In manchen Bädern soll dieser Effekt mit Düsen verstärkt werden: Nützen diese? 
Ja. Die feinen, zur Wasseroberfläche strömenden Bläschen in Luftperlbädern halten beispielsweise die Sinneshaare auf der Haut in ständiger Bewegung und reizen die Nervenenden. Auch Whirl-Vibrationen, wie sie Luftdruckaggregate bewirken, stimulieren die Rezeptoren, sie versetzen zudem das Weichteilgewebe in Schwingung. Klingt kompliziert, lässt sich aber in einfachen Worten zusammenfassen: Als Sofortreaktion stellt sich ein Wohlbefinden ein, der Körper entspannt psychisch und physisch. In gewissen Bädern erzeugen Einlassdüsen am Beckenrand einen Druckstrahl, der den Körper durchdringt und als Schwingschall ins Innere fortgeleitet wird. Dadurch wird die Muskulatur aktiviert, der Stoffwechsel des Gewebes angeregt, was bei Weichteilschwellung entstauende Wirkung zeigt. Kleine, kreisende Bewegungen schützen vor Überreizungen der Haut-Rezeptoren. Der Wasserstrahl sollte hauptsächlich Muskelpartien erfassen. 

Ein Seniorenpaar sitzt im Sprudelbad und lächelt in die Kamera. Zeitlupe
Luftbläschen und Whirl-Vibrationen sorgen für Wohlbefinden und Entspannung © shutterstock

Sie setzen Wasser auch in Trinkkuren ein. Weshalb?
Hier wirkt das Wasser und die darin gebundenen Mineralstoffe im Innern des Körpers. Trinkkuren mit mineralisierten Wässern können strapazierte Schleimhäute beruhigen, Harnwege durchspülen und das Harnmilieus (Veränderung des Harn-pH-Wertes) ausgleichen. Die Wirkung entfaltet sich auch im Magen-Darmbereich und beschleunigt die Magenentleerung, der Gallenfluss wird angeregt. Dazu trinkt man zwischen 7,5 und 15 Deziliter Heilwasser, verteilt über den Tag – zusätzlich zur täglich empfohlenen Flüssigkeitsaufnahme von zwei Litern. Trinkkuren werden oftmals mit ausschwemmenden Bädern kombiniert.

Letzte Frage: Worauf gilt es zu achten, wenn man aus dem Bad steigt?
Verlässt man das Becken, fällt der Wasserdruck weg, das Blut versackt sozusagen in den Beinen – deshalb drohen Schwindel- und Sturzgefahr. Also immer schön langsam das Becken verlassen. Und: Unbedingt rutschfeste Badeschlappen ins Bad mitbringen. Sonst riskiert man ebenfalls einen Sturz.


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