Jungbrunnen mit Nebenwirkungen

Die Anti-Aging-Auguren glauben an ein neues Wundermittel: Retinol. Es soll uns wieder jugendlich schön erstrahlen lassen – mit allerlei Nebenwirkungen. 

Retinol! Wer mit 60 von faltenloser Jugendlichkeit träumt, liest aus den sieben Buchstaben allerlei Glücksversprechen. Denn dieser Stoff, der in vielen Anti-Aging-Crèmes und -Seren enthalten ist, soll die Alterung der Haut nicht nur verlangsamen. Nein, die Produzenten schreiben ihm wahre Wunderkräfte zu. Retinol soll Fältchen, Sonnenschäden, Altersflecken und Unreinheiten schwinden oder ganz verschwinden lassen. 

Der Teint im Gesicht und Dekolletee wird frischer – und damit jene, die auf Retinol schwören, ein gutes Stück zufriedener. Spätestens nach vier Wochen soll die Wunderpflege wirken. Entsprechend wird sie im Internet und in der Lifestyle-Presse gelobt und gepriesen. Allenthalben werden Dermatologen in den Zeugenstand gehoben, Studien und glückliche Anwenderinnen zitiert.

Die Beauty-Branche spricht denn auch von einer neuen Ära der Hautpflege und einem Megatrend. Sie hat sich mit voller Wucht darauf ausgerichtet: Kaum eine namhafte Kosmetikmarke, die uns nicht mit diesem Jungbrunnen beglücken will. Fachleute raten Frauen und Männern, Retinol-Produkte bereits ab Mitte 20 ins tägliche Pflege-Programm aufzunehmen. Und damit die Uhr langsamer laufen zu lassen, bevor sie überhaupt zu ticken beginnt.

Vitamin A – neualtes Wundermittel

Einfach formuliert: Retinol ist nichts anderes als Vitamin A, mit dem unser Körper die Zellteilung und -erneuerung mitsteuert. Der amerikanische Biochemiker Elmer McCollum hat den Wirkstoff 1913 entdeckt, 1937 erhielt der Schweizer Chemiker Paul Karrer für seine Forschung zur Wirkungsweise des Vitamins sogar den Nobelpreis. Es wird über die Nahrung aufgenommen und grösstenteils in der Leber gespeichert. Dieses Reservoir speist die Zellen in der Folge mit neuer Power. 

Retinol schützt die oberste Hautschicht und regt ausserdem die Bildung von Kollagen an. Lange wurde es in der Behandlung von Pickeln und unreiner Haut benutzt, nun gilt es als Messlatte aller Anti-Falten-Wirkstoffe. Äusserlich angewandt fördert es die Hauterneuerung, hellt den Teint auf und bringt die Kollagenproduktion auf Trab. Das zumindest versprechen die Beauty-Unternehmen.

Wo Licht ist, ist aber auch Schatten. Retinol trocknet mitunter die Haut empfindlich aus oder lässt sie sogar pellen. Darüber hinaus macht sie die Menschen anfälliger auf UV-Strahlung. Deshalb sollte man entsprechende Präparate ausschliesslich abends anwenden, bevor man sich schlafen legt. Sonst wird der Segen schnell zur Sorge: Die Haut leidet und wird statt rosiger rot und fleckig.

Die verschiedenen Präparate sind unterschiedlich hoch dosiert. Anfängerinnen und Anfänger sollten ihre «Verjüngungskur» mit einer erbsengrossen Menge und einer niedrigprozentigen, rezeptfreien Formel (0,01 % bis 0,03 %) starten – anfänglich nur zweimal in der Woche. Treten in dieser Angewöhnungszeit keine Nebenwirkungen auf (u.a. Trockenheit, leichte Rötung und Sonnenempfindlichkeit, schuppende Haut), kann man die Anwendungsrate steigern und allenfalls zu konzentrierterem Retinol wechseln. Personen, die unter Ekzemen oder Rosazea leiden, sollten auf den Beauty-Turbo verzichten oder zumindest sehr vorsichtig damit um gehen.  Maximal 3 Milligramm täglich

Vorsicht bei der Dosierung

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung rät allen zur Vorsicht – und zu einer täglichen Aufnahmemenge von maximal 3 mg. Darin sind alle Quellen eingeschlossen, die Vitamin A aufnehmen können. Im Normalfall wird dieser Höchstwert selbst mit Vitamin-A-reicher Ernährung und regelmässiger Verwendung von Kosmetika nicht erreicht.

Für Frauen nach der Menopause – und damit bei der wohl wichtigsten Zielgruppe von Anti-Aging-Produkten – liegt der Grenzwert weit niedriger, bei 1,5 mg. Grund dafür sind Studien, die einen möglichen Zusammenhang zwischen einer hohen Vitamin-A-Zufuhr und einer Verminderung der Knochendichte nahelegen. Damit steigt das Risiko für Osteoporose und Frakturen. 

Dieser Preis für etwas Jugendlichkeit ist hoch – die 270 Franken, die beispielsweise Joanna Vargas für ihr Super Nova Retinol Treatment Serum (30 ml) verlangt, sind vergleichsweise ein Klacks.

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