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Crèmes mit Mehrwert

Hybrid-Kosmetik gehört die Zukunft. Sie ist vollgepackt mit unterschiedlichen Funktionen und soll unseren Pflegealltag revolutionieren – oder zumindest vereinfachen.  

Roland Grüter, Gartenkolumnist der Zeitlupe
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Text: Roland Grüter

Die amerikanische Nagelspezialistin Sally Hansen packt insgesamt sieben Funktionen in ihre Complete-Care-Lacke: Diese sind Grund- und Decklack, Wachstumsbeschleuniger, Festiger, Feuchtigkeitsspender, Nährstoffquelle und Schutzschild in einem. «Unsere Nagelpflege vereinigt in einer einzigen Flasche alle Elemente einer perfekten Maniküre», verspricht die Produzentin und folgert: «Wir machen die Sieben zu ihrer Glückszahl.» Zum kompletten Glück fehlt einzig, dass sich der Nagellack selbst aufträgt – doch wahrscheinlich wird sich auch diese Lücke zeitnah schliessen. Denn Hybrid-Kosmetik soll die Welt der Kosmetik revolutionieren, «Unmögliches möglich machen». 

Das zumindest behaupten Expertinnen und Experten. Sie schwärmen von Rouges, die zugleich Pflege und Sonnenschutz sind. Oder rühmen Mascaras, die Wimpern stärken, verlängern und sonstwie schöner aussehen lassen. Stimmen solche Lobpreisungen nur ansatzweise, bleiben unsere Spiegelschränke wohl bald halbleer. Und die Körperpflege wird zum Sprint. Aktuell wenden Frauen täglich durchschnittlich 40 Minuten dafür auf, Männer immerhin 32 Minuten. Das hat 2018 eine Umfrage in 4000 österreichischen Haushaltungen ergeben. Die Resultate dürften vorbehaltlos auf Schweizerinnen und Schweizer übertragbar sein.

Zauberwert der Zukunft

Trendauguren sind sich einig: «Hybrid-Kosmetik ist das Zauberwort der Zukunft». Darunter verstehen sie Produkte, die Konsumentinnen und Konsumenten wie vorgängig skizziert Mehrfachwirkung bieten. Darauf verweisen auf Verpackungen folgende Formeln: «5in1», «3in1» etc. Darüber hinaus sollen uns die Tausendsassas helfen, Zeit zu sparen. «Gerade am Morgen muss es zwischen Kaffee und Zmorge schnell gehen», ist in einschlägigen Onlineforen nachzulesen: «Mit Hybrid-Beauty lassen sich einzelne Make-up- und Pflegeschritte zusammenfassen – und genau das erspart Zeit.» 

Dieses Argument klingt auf den ersten Blick etwas verwegen: In der Männerkosmetik hat es jedoch seine Schlagkraft schon längst bewiesen. Viele Shampoos und Duschegels für Herren sind schon längst Mehrfachkönner, um den Pflegeaufwand möglichst effizient und klein zu halten. Nun wird diese Erfolgsformel auch in den klassischen Kosmetikbereich und auf unterschiedlichste Produktegruppen übertragen – von Crèmes, Make-ups bis hin zu den Seren. 

Was weniger stark hervorgehoben wird: Hinter den Hybrid-Funktionen wirken in der Regel höchstkomplexe, chemische Formeln, die kaum Rücksicht auf individuelle Hautbedürfnisse nehmen. Kritikerinnen befürchten denn auch, dass die Multitalente weit mehr allergische Reaktionen und Hautirritationen bewirken als Spezialisten – und raten Menschen mit empfindlicher Haut dazu, den Hybrid-Trend getrost an sich vorbei ziehen zu lassen. Zumal es entsprechende Produkt oft dicker aufzutragen gilt als herkömmliche, will man das erwünschte Ergebnis nur ansatzweise erreichen. Darüber hinaus sind die Multitalente in der Regel teurer. Begründet wird das mit der mitunter aufwendigen Forschung und Entwicklung der Inhaltsstoffe.

Doch lieber Naturkosmetik

Dennoch kommt ein deutsches Frauenmagazin zum Schluss: «Hybrid-Kosmetik ist eine spannende Innovation aus den Hightech-Abteilungen der Kosmetikkonzerne. Kombilösungen mit hohem Wirkpotential erleichtern unseren Alltag und schonen dazu noch Zeit, Geld und Ressourcen. Eine Beauty-Geschichte, die noch lange nicht auserzählt ist.» 

Wir jedoch ziehen ein anderes Fazit: Hybrid-Kosmetik ist zwar ein spannendes Feld (das hauptsächlich der Industrie neue Einnahmequellen erschliessen soll). Doch mit Blick auf die chemischen Inhaltsstoffe setzen wir weiterhin auf Naturkosmetik. Denn auch deren Erfolgsformel lässt sich sehen: 7-in-1 für die Umwelt.


Beitrag vom 03.05.2022

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