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Zwergenphilosophie 28. September 2020

Zeitlupe-Redaktorin Usch Vollenwyder ist 69 Jahre alt. Als Angehörige der Risikogruppe erzählt sie jede Woche aus ihrem Alltag im bernischen Gürbetal. Heute: von grossen Wünschen und kleinen Zwergen.

Die Dinosaurier in unserem Generationenhaus werden immer zahlreicher. Das Zimmer der Kleinen haben sie längst in Beschlag genommen, Tisch und Regale sind in eine Dinosaurier-Landschaft verwandelt. An Bäumen und Sträuchern – grössere und kleine Papierrollen, aus denen grüne Stoffreste quillen – tun sich Pflanzenfresser gütlich. Am Tisch mit den Würsten, Speckseiten und Poulets aus der Puppenstube lassen sich die Fleischfresser nieder. Die Wände sind tapeziert mit Dino-Zeichnungen, ein Saurier-Ballon schwebt unter der Zimmerdecke, und ein Dutzend Urzeitbücher stapeln sich neben dem Bett.

Vom Sohn meiner Redaktionsfreundin erhält die zukünftige Paläontologin die hölzernen Einzelteile eines ausgedienten Tyrannosaurus Rex-Skeletts. Im Nu ist es zusammengesetzt, thront seiner Grösse wegen in einer Zimmerecke und schaut zu, wie am Abend seine Dino-Geschwister zu Bett gebracht und am Morgen wieder geweckt werden. Als die Kleine aus Versehen auf ihrem Fotoapparat die Aufnahmen vom Saurierpark löscht, ist sie untröstlich. Ausgerechnet die Dinos seien weg, und die langweiligen Senfblumen immer noch da. Grosse Tränen kullern aus ihren braunen Augen. Auch ihr Herzenswunsch wird nicht Wirklichkeit: einmal einen richtigen, lebendigen Dinosaurier zu sehen.  

Selbst Mama und Papa können diesen Wunsch nicht erfüllen. Der Osterhase, der wider Erwarten den heiss ersehnten Schultornister brachte, kommt erst im nächsten Frühjahr wieder. Auch der Samichlaus und das Christkind sind noch weit weg. Ob vielleicht die Zwerge helfen können? «LIBE ZWÄRGE», schreibt sie. So gerne würde sie einmal einem Dino begegnen … Das Brieflein legt sie auf einen Teller, füllt ihn mit Haselnüssen und getrockneten Apfelschnitzen, und stellt ihn auf den Fenstersims. Am nächsten Morgen sind Brief, Nüsse und Schnitze weg. Auf dem Teller liegen ein Bergkristall und ein Umschlag.

«Die Dinosaurier lebten in einer anderen, längst vergangenen Zeit», schreiben die Zwerge in schönen, goldenen Buchstaben. Aber sie würden in Büchern, Museen und im Herzen von Kindern weiterleben. Und sie solle nie aufhören, grosse Wünsche zu haben. Die Zwerge müssen richtige Philosophen sein. Und so formuliere auch ich einen grossen Wunsch: Dass mir bewusst bleibt, dass das Leben vielfältiger und reicher ist, als es im Moment scheint – und dass Corona nur eine seiner vielen Facetten ist. 

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Usch Vollenwyder

Zeitlupe-Redaktorin