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Zermatt (2) 29. Juni 2020

Zeitlupe-Redaktorin Usch Vollenwyder ist 69 Jahre alt. Als Angehörige der Risikogruppe erzählt sie jeden Montag aus ihrem Alltag im bernischen Gürbetal. Heute: Von der Rückkehr der Touristen. 

«Schön, kommen Sie wieder nach Zermatt», begrüsst eine junge Tourismusfachfrau die ankommenden Gäste auf dem Bahnhofplatz. Hinter einem Tresen wird Fendant ausgeschenkt, eine Musikkapelle spielt Ländler, Wochenendausflügler und Feriengäste stossen zusammen auf die freien Tage an. Abstand herrscht weder vor noch hinter dem Tresen; die sich verbrüdernden Zermatt-Aufenthalter scheinen den Gedanken an Corona mit dem Alltag zu Hause gelassen zu haben. Man hört Schweizer- und Hochdeutsch, viel Französisch und wenig Spanisch. Asiatische Touristinnen und Touristen sucht man vergebens. 

Aber auch ohne sie bewegt sich eine Menschenmenge durch Zermatts Hauptgasse, vorbei an Uhren-, Mode- und Sportgeschäften, an Souvenirshops und Restaurants. Diese sind voll; die Bedienung freundlich und zuvorkommend – und trotz Virenalarm den Gästen sehr nah. Zermatt ist so, wie ich es mir vorgestellt habe: Ferienappartementhäuser reihen sich an Hotels, auf fast jeden Gipfel und Grat fährt eine Bergbahn. Eine Reise wert ist jedoch der Blick auf das Matterhorn: Wie eine mächtige Steinpyramide erhebt es sich hoch über das Dorf. 

Von den seitenlangen, auf der Webseite von Zermatt aufgelisteten Schutzkonzepten ist kaum etwas übriggeblieben. Im Hotel erinnert einzig der Desinfektionsmittel-Spender daran, dass da doch noch was wäre … Am reichhaltigen Frühstücksbuffet kann man sich selber bedienen, einzig Fussabdrücke auf dem Boden weisen die Richtung, in welcher man sich zu bewegen hat. Weit beugt sich der Kellner über unseren Tisch: Naja, so halb-halb würden die Vorgaben schon noch eingehalten, meint er. Nur einmal bremst mich Corona: Als ich im Coop die vergessene Zahnpasta einkaufen will und vor der Tür warten muss, bis die Ampel auf Grün schaltet.

Alle, die während des Lockdowns Geburtstag hatten, bekommen von Zermatt Tourismus ein Bahnbillett auf den Gornergrat geschenkt. Mein Stier-Mann lässt sich das nicht entgehen. In der Abfahrtshalle verteilt eine fröhliche Mitarbeiterin Papiertüten mit dem Foto des Matterhorns und der zweideutigen Aufschrift «Mit Abstand am Schönsten.» In der Tüte finden sich eine Maske und ein Reinigungstüchlein. Ob wegen der freundlichen Aufforderung oder aus Gründen der Vernunft: Die meisten ziehen sich den Gesichtsschutz über. Der Zug ist aber auch proppenvoll: Zermatt ist definitiv aus dem Lockdown-Schlaf erwacht.

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Usch Vollenwyder

Zeitlupe-Redaktorin