Zermatt (1) 22. Juni 2020

Zeitlupe-Redaktorin Usch Vollenwyder ist 69 Jahre alt. Als Angehörige der Risikogruppe erzählt sie jeden Montag aus ihrem Alltag im bernischen Gürbetal. Heute: von Wochenendträumen und Schutzkonzepten.

Als unser Papa im Februar starb, standen nebst aller Trauer jede Menge administrativer Aufgaben an. Mein Bruder und ich waren uns einig: Wenn alles erledigt ist, schenken wir uns ein Wochenende, denken zurück an die vergangenen Wochen und blicken vorwärts in eine Zukunft ohne Vater. Doch dann kam Corona und alles stand still. Erst jetzt ist es soweit: Papas Wohnung ist geräumt, der Nachlass geregelt, die Corona-Massnahmen weitgehend aufgehoben. Dem geplanten Wochenende zu viert steht nichts mehr im Weg. Wir haben nur noch die Qual der Wahl. Wohin?

Schliesslich einigen wir uns auf Zermatt. Ich bin noch nie dort gewesen. Vielleicht, weil ich die verwitterten Holzhäuser und Ställe im kleinen Weiler am Walliser Schattenberg, in dem meine Grosseltern mütterlicherseits wohnten, nie mit dem mondänen Zermatt in Einklang bringen konnte. Zermatt ist in meiner Vorstellung bis heute ein seiner Seele beraubtes Bergdorf für die Schönen und Reichen aus aller Welt und für unendlich viele asiatische Feriengäste geblieben. Doch diese bleiben jetzt aus, und ich trällere mit meiner Kompatriotin Sina: «Wänn nit jetz wänn dänn.»

Ich google nach der Website von Zermatt; das Matterhorn erscheint flächendeckend auf dem Bildschirm. Darüber diskret ein dunkelroter Balken mit dem Hinweis, dass seit dem 6. Juni alle Freizeitbetriebe und touristischen Angebote wieder offen sind. Für mehr Informationen tippe ich den Link an. Es öffnet sich ein weiteres Bild vom Matterhorn, gefolgt von den üblichen Hinweisen: Abstand halten, Hygiene beachten. Die beiden Wörtchen «Corona» oder «Covid-19» sind auch hier nirgends zu lesen – jedermann und jede Frau weiss schliesslich, worum es unter dem Titel «Aktuelle Situation in Zermatt» geht.

Unter den allgemeinen Informationen sind die Links zu den verschiedenen mehr- und vielseitigen Schutzkonzepten aufgelistet – von Zermatt Tourismus über den Bergführerverband zu den Hotels und Restaurants bis hin zur Gornergrat Bahn. Am meisten interessiert mich das Merkblatt für Wandernde: So gehören neu Masken und Desinfektionsmittel in den Rucksack, Weidegatter sollen mit dem Ärmel oder einem Taschentuch geöffnet, und gebrauchte Taschentücher in einem geschlossenen Behälter wieder mitgenommen werden. Ich bin gespannt auf das Wochenende: Jede der 72 Stunden, die wir insgesamt in Zermatt verbringen, ist coronamässig durchleuchtet und durchdacht. Da kann ja nichts schief gehen!

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Usch Vollenwyder

Zeitlupe-Redaktorin