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Vo Züri uf Bärn (Schluss) 26. April 2022

Mehr als zwanzig Jahre lang arbeitete Usch Vollenwyder (70) bei der Zeitlupe. Seit Januar ist sie pensioniert. Jede Woche erzählt sie aus ihrem Alltag im bernischen Gürbetal. Heute: von Flexibilität, Freiheit und der Ankunft in Bern. 

Usch Vollenwyder
Usch Vollenwyder,
Zeitlupe-Redaktorin
© Jessica Prinz

Spontan entscheide ich mich am Ostersonntag, die letzte Etappe meiner Wanderung von Zürich zurück nach Bern zu machen. Sie beginnt am frühen Morgen am SBB-Bahnhof in Zollikofen. Nach einer gefühlten Ewigkeit der Hauptstrasse entlang biegt der Wanderweg endlich ab und der schöne Teil der Etappe steht bevor: «Dere schöne, schöne, schöne grüene Aare naa, dere Aare naa». Wie häufig an der Aare kommt mir diese Zeile von Endo Anaconda, einem meiner letzten Interviewpartner, in den Sinn. Laut singe ich den Text in der noch kühlen Morgenluft und grüsse dabei den raubauzigen Sänger im Jenseits.

Die Reichenbachfähre, die mich ans andere Ufer bringen sollte, nimmt erst um zehn Uhr Fahrt auf. Also wandere ich weiter flussabwärts. Beim Zehndermätteli hat die Fähre wegen Niedrigwasser den Betrieb eingestellt. Spätestens jetzt muss ich die geplante Route ändern. Ich überdenke die Möglichkeiten und konsultiere das Handy. Einmal mehr ist Flexibilität angesagt – wie mehrmals während meines Wander-Pensionierungsprojekts, das am 1. März mit einem letzten Glas Prosecco mit meinem Redaktionsteam und dem anschliessenden Spaziergang vom Büro in den Hauptbahnhof von Zürich wie geplant gestartet war. 

Doch bereits am zweiten Tag gab es eine Änderung: Wir mussten unsere Katze einschläfern und die Wanderlust war mir vergangen. Am dritten Tag hatte ich nebst Picknick auch Hundefutter, Kulturbeutel und Pyjama in den Rucksack gepackt. Die beiden Hotels in Wettingen wollten jedoch keine Hunde zum Übernachten – von da an buchte ich nur noch das heimische Hotelzimmer. Die nächste Etappe musste ich überspringen, weil unsere langjährige Redaktionssekretärin, die mich begleiten wollte, an der Arbeit war. Kleine und grössere Unwägbarkeiten hatten die Liste, die ich mir erstellt hatte – mit Datum, Start- und Zielbahnhof, exaktem Routenverlauf, Kilometer- und Zeitangaben – schon am zweiten Wandertag überholt. 

Doch während im Berufsleben ein geplatzter Termin oder eine unvorhergesehene Begegnung meine Agenda durcheinanderbringen konnte, genoss ich nun eine neu gewonnene Freiheit und Flexibilität: Mit meiner ältesten und längsten Freundin aus Seminarzeiten schaffte ich es einmal nur wenige Kilometer bis zum nächsten Café – dann blieben wir sitzen und redeten uns vom hundertsten ins tausendste. Ein andermal war ich dafür so gut unterwegs, dass ich bis weit in den Abend hineinlief. Noch immer fehlt mir ein Teilstück nach Brugg: Meine Füsse hatten mich in Turgi nicht mehr weitergetragen. Und weil ich aus einem Regentag zwei Etappen gemacht hatte, war ich am 31. März nicht wie geplant in Bern, sondern erst in Zollikofen angekommen. 

Auf einem Umweg über die Felsenau erreiche ich die Stadt. Es passt: Während ich das letzte Stück «dere schöne, schöne, schöne grüene Aare naa» wandere, habe ich die Lorraine-Eisenbahnbrücke im Blick. Die Züge verkehren langsam, gerade haben sie den Hauptbahnhof verlassen oder fahren ein. Tausende Male bin ich während meines Berufslebens in einem von ihnen gesessen, habe hinunter auf den Aareweg geschaut und mir nicht vorstellen können, dass ich ihn dereinst zu Fuss gehen würde. 

Die neue Erfahrung, meine Tage flexibel und weitgehend frei zu gestalten, nehme ich in die Zukunft mit. Die Pensionierung fühlt sich gut an.


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Beitrag vom 26.04.2022

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