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Strom des Lebens 27. Juli 2020

Zeitlupe-Redaktorin Usch Vollenwyder ist 69 Jahre alt. Als Angehörige der Risikogruppe erzählt sie jede Woche aus ihrem Alltag im bernischen Gürbetal. Heute: vom Werden und Vergehen.

In unserem Dreigenerationenhaus sind die Dinosaurier los. Seit einigen Monaten bevölkern sie die Welt der Kleinen. Vier wohnen im Hühnerhaus, unsichtbar für die Augen von uns Erwachsenen. Manchmal sieht sie am Himmel einen Flugsaurier entschwinden – unverkennbar mit seinen Krallen an den Flügelspitzen. Seit dem siebten Geburtstag im Juni haben diese Urwesen auch das Kinderzimmer in Beschlag genommen: Fleisch- und Pflanzenfresser leben friedlich zusammen, werden am Abend zu Bett gebracht, sitzen tagsüber um einen Tisch und dürfen manchmal im Kaninchengehege zusammen spielen. 

Nur dunkel erinnere ich mich an den Brontosaurier, den Tyrannosaurus und noch an den Archaeopterix. Die Kleine hingegen weiss alles vom Spinosaurus, kennt den Plesiosaurus und verhaspelt sich selbst beim Namen «Quetzalcoatlus» nicht. Dass sie später eine Paläontologin wird, steht für sie jetzt schon fest. Ihr grösster Wunsch: Einmal einem richtigen, lebendigen Dinosaurier zu begegnen, am liebsten einem T-Rex. Niemand konnte ihr bisher diesen Wunsch erfüllen; jetzt hofft sie noch auf den Osterhasen: Immerhin hatte dieser im Frühling den Schulsack gebracht, den Mama und Papa zu teuer fanden.

Jeweils am Abend machen wir Saurier-Puzzle, blättern in Bilderbüchern oder arbeiten uns mit Hilfe von «Tiptoi», dem «Audiodigitalen Lern- und Kreativsystem» durch die Welt der Dinosaurier. Bei den Quiz- und Wissensfragen staunt die Kleine: Was Grosi alles nicht weiss … Immer wieder blättern wir zu den Bildern und Informationen über den Meteoriteneinschlag und die Vulkanausbrüche, die das Schicksal dieser Urtiere besiegelt haben. Während die Kleine den Dinos nachtrauert, staune ich über die Kraft des Lebens: Auch aus diesem Massensterben ist Neues hervorgegangen.

So sind unzählige Lebensformen im Verlauf von Jahrmillionen entstanden und wieder verschwunden. Und jetzt stehen wir Menschen als winzigste Glieder zuvorderst in der unendlich langen Kette des Lebens; dazugehörig und irgendwann der Vergangenheit angehörend. Ich brauche mich gar nicht so wichtig zu nehmen: Auch Corona und mein Leben werden dereinst weniger als eine Fussnote in der Erdgeschichte sein. In seinem Buch «Eine Hand voll Sternenstaub» schrieb der vor kurzem verstorbene Berner Schriftsteller Lorenz Marti: «Lebewesen kommen und gehen, das Leben bleibt.» Für mich ist es ein tröstlicher und hoffnungsvoller Gedanke.

Usch Vollenwyder

Zeitlupe-Redaktorin