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Stärker als Corona 18. Januar 2021

Zeitlupe-Redaktorin Usch Vollenwyder (69) erzählt seit Beginn der Corona-Krise jede Woche aus ihrem Alltag im bernischen Gürbetal. Heute: vom zweiten Lockdown und alter Freundschaft. 

Während sich in Zürich der Schnee auftürmt, ist es bei uns grau, trüb und nass. Die Sonne macht sich rar, schon seit Tagen. Das triste Wetter schlägt aufs Gemüt. Dazu kommen die schlechten Nachrichten aus Bern: Ladenschliessungen, Homeoffice, Treffen nur noch zu fünft. Meine Stimmung ist wie das Wetter: Tristesse pur. Aus dem Selbstmitleid retten mich mangels Alternativen kulinarische Genüsse: Mein Mann bereitet Burrata zu, mit Orangenfilet, Basilikum, Lavendelsamen und Korianderkörnern. Ich gehe in den Keller und hole eine Flasche meines Lieblingsweins. 

Mit dem letzten Glas setzen wir uns vor den warmen Ofen und schauen dem Feuer zu. Draussen ist es dunkel geworden. Die Lebensgeister kehren langsam zurück. Abwechslungsweise zählen wir auf, warum es uns eigentlich doch gut geht. Er: «Wir haben einen warmen Ofen und guten Wein.» Ich: «Kühlschrank, Tiefkühltruhe und Keller sind mit Köstlichkeiten gefüllt.» Er: «Wir haben mehr als genug Lesestoff.» Ich: «Wir können jederzeit mit dem Hund hinaus an die frische Luft.» Er: «Wir sind alles andere als einsam.» Ich: «Selbst bei noch massiveren Einschränkungen wären wir wenigstens zu zweit.» 

Ich telefoniere meiner Senior-Freundin aus Basel. Sie ist siebzehn Jahre älter als ich. Sie nahm mich unter ihre Fittiche, als ich meine erste Stelle als begeisterte, aber unbedarfte junge Lehrerin antrat. Sie war meine Mentorin und meine Vertraute. Sie hielt zu mir und half mir durch alle meine Anfängerinnenfehler hindurch. Am Telefon wirkt sie bedrückt und etwas verloren. Doch, es gehe ihr gut. Aber die regen Kontakte von vor Corona würden ihr schon fehlen. Auch ich hatte mich zurückgezogen und aus Rücksicht auf ihr Alter nur telefoniert. Spontan frage ich: «Willst du zu uns kommen? Zu Bohnen und Speck wie früher? Oder zu Blut- und Leberwurst?» Es sind ihre Lieblingsspeisen.

«Ja, so gern, danke viel-, vielmal», sagt sie. Ihre Freude ist auch am Telefon zu hören. Ich hole sie am Bahnhof ab. Zerbrechlich ist sie geworden, unsicher wegen ihrer Sehbehinderung. Ich erinnere mich an unsere erste Begegnung im Frühling 1971, an ihre strahlend blauen Augen und an den dicken, rotbraunen Zopf, der über ihre Schulter baumelte. Jetzt sind die Augen blass, das Haar weiss und schütter. In den letzten Monaten hat sie es am Telefon immer wieder gesagt – nun erst realisiere ich es: Meine älteste Freundin ist alt geworden. Das Herz tut mir weh. Ich nehme sie in den Arm, drücke sie an mich, wiege sie hin und her. Die fünfzigjährige gemeinsame Geschichte ist stärker als Corona.

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Usch Vollenwyder

Zeitlupe-Redaktorin

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