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Rückblick – Ausblick 4. Januar 2021

Zeitlupe-Redaktorin Usch Vollenwyder (69) erzählt seit Beginn der Corona-Krise jede Woche aus ihrem Alltag im bernischen Gürbetal. Heute: von Weihnachtsbeleuchtungen und einem Abendbummel zwischen den Jahren.

Alle Jahre wieder freue ich mich auf die Weihnachtsbeleuchtungen. Nicht auf die farbigen, blinkenden Rentiere, Samichläuse und Schneemänner, sondern auf die Lichterketten und Weihnachtssterne, welche Strassen, Hausfassaden und Tannenbäume in ihren warmen Schein tauchen. Mir gefallen auch die Laternen im Nachbardorf talaufwärts und ich freue mich über die Sterne im nächsten grösseren Dorf talauswärts. Seit einiger Zeit ist auch unser Dörfli stolze Besitzerin zweier schlichter Weihnachtssterne – angeschafft dank des Reinerlöses aus dem Bratwurst- und Getränkeverkauf vergangener 1.-August-Feiern.

Ein Bummel durch eine weihnachtlich geschmückte Stadt gehört für mich zur Altjahrswoche: Ich lasse mich verzaubern von den roten Kerzen im Zähringerstädtchen Murten, von den kleinen Tannenbäumchen an den Häusern in der Unteren Altstadt von Bern oder von den grünen Bogen aus Tannzweigen mit den vielen Lichtlein, die sich über Luzerns Rathaussteg spannen. Jedes Jahr bin ich auch fasziniert vom Lichtspiel Lucy in Zürichs Bahnhofstrasse, das allerdings von den aufdringlichen Lichtern der umliegenden Geschäfte übertrumpft wird.

Dieser traditionelle Spaziergang ist für mich wie eine Atempause zwischen den Jahren: Das alte ist noch nicht ganz vorbei, das neue hat noch nicht angefangen. Ich blicke zurück auf die letzten zwölf Monate und bin froh, dass die Weihnachtslichter einen versöhnlichen Schimmer darauf werfen – auch auf Schwieriges und Unvollkommenes. Mit ihrer Helligkeit und Wärme erwarten sie das neue Jahr, von dem ich jedes Mal hoffe, dass es mir wohlgesinnt ist. Den Abendbummel schliesse ich jeweils mit einem Glas Glühwein ab – und stosse auf die Zukunft an.

In dieser Altjahrswoche fahre ich nach Thun. Goldene Herrnhuter Sterne hängen über der Oberen Hauptgasse. Der Christbaum auf dem Rathausplatz ist über und über mit Lichtlein geschmückt, sodass die roten und goldenen Kugeln im Lichtermeer kaum mehr zu erkennen sind. Im Bälliz zieren Lichtgirlanden in Form von Tannenbäumen beide Seiten der Fussgängerzone. Nur beim Bahnhof ist die Beleuchtung üppiger; sie hängt wie ein schwerer Vorhang quer über der Bahnhofstrasse.

Die Geschäfte sind zu, die Restaurants auf bundesrätliche Anordnung hin geschlossen. Die Strassen, in denen sich üblicherweise Touristen und Einheimische drängen, sind leer. Und die paar wenigen Menschen, die an diesem frühen Abend unterwegs sind? Die meisten grüssen sich und lächeln einander zu – in einer Stadt, laut Wikipedia immerhin der elftgrössten der Schweiz, in der man sich in normalen Zeiten nie grüssen würde. Ich nehme es als gutes Omen für ein gutes neues Jahr.

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Usch Vollenwyder

Zeitlupe-Redaktorin