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Maskerade 25. Januar 2021

Zeitlupe-Redaktorin Usch Vollenwyder (69) erzählt seit Beginn der Corona-Krise jede Woche aus ihrem Alltag im bernischen Gürbetal. Heute: vom Appell an die Solidarität und ein bisschen Grosszügigkeit.

Eine entfernte Bekannte am Telefon schimpft wie ein Rohrspatz: Grad diese Woche sei sie wieder einer ohne Maske im Coop begegnet, der habe sie dann aber die Leviten gelesen! Auch meine mir liebe Schwägerin korrigiert Unbelehrbare – sie versuche es jeweils mit einer witzigen Bemerkung. Für unsere deutsche Freundin ist es selbstverständlich: «Die vielen Jungen, die sich ohne Maske stark fühlen, mache ich selbstverständlich auf das Gebot der Solidarität aufmerksam.» Und eine befreundete Pflegefachfrau aus dem Nachbardorf erzählt nach einem Skitag, wie sie jeden Maskenlosen in der Gondel dazu gebracht habe, dass er seinen Gesichtsschutz bis über die Nase hochgezogen habe.

Jeder und jede weiss in der Zwischenzeit, wo eine Maske zu tragen ist. Im Zug und beim Einkaufen muss man die wenigen Maskenlosen schon fast mit der Lupe suchen. Wenn ich eine dieser Ausnahmen sehe, denke ich, dass sie ein ärztliches Attest hat. Oder zur Kategorie der Maskenverweigerer gehört, oder der nachpubertären Trotzphase noch nicht entwachsen ist. Ich spare mir die Energie, diese beiden Spezies zurechtweisen zu wollen – auch nicht mit einem kleinen Witzchen. Wer’s nach bald einem Jahr Pandemie noch nicht gelernt hat, bei dem ist wohl Hopfen und Malz verloren.

Der Skiort Laax händigte medizinisch Dispensierten eine blaue Armbinde aus, um sie erkenntlich zu machen – zu kompliziert sei die Überprüfung und zu grob seien die Auseinandersetzungen zwischen Maskenlosen und Maskenträgern geworden. Die Kusine meines Mannes, die vom Hausarzt wegen ihres Asthmas ein Attest erhalten hat, kann ein Lied davon singen: gehässige Kommentare beim Einkaufen, böse Blicke im Tram, giftige Bemerkungen unterwegs. Und das Marzili-Bähnli, das sie nur transportierte, wenn keine Maskentragenden unterwegs waren. Schliesslich kaufte sie sich eine superdünne Spezialmaske aus Textilfasern: Sie habe es nicht mehr ausgehalten, ständig diese Anfeindungen zu spüren.

Corona macht dünnhäutiger, es macht müde und empfindlich. Anders kann ich mir die vielen kleinen und grösseren Gehässigkeiten nicht erklären – geht’s ums Masketragen, ums Impfen oder ums Dafür und Dagegen von Massnahmen. In der Not rücke man zusammen, heisst es. Trotzdem müsste doch noch ein bisschen Platz für Toleranz und Grosszügigkeit übrig bleiben.

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Usch Vollenwyder

Zeitlupe-Redaktorin

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