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Lili Marleen 14. September 2020

Zeitlupe-Redaktorin Usch Vollenwyder ist 69 Jahre alt. Als Angehörige der Risikogruppe erzählt sie jede Woche aus ihrem Alltag im bernischen Gürbetal. Heute: von Seemanns- und Soldatenliedern. 

Zu Ferien in Norddeutschland gehört für mich der Besuch eines Shanty-Konzerts. In dieser rauen Gegend mag ich es, wenn gestandene Männer in Matrosenuniform Seemannsgarn spinnen, Wind, Wellen und Abenteuer auf hoher See besingen und in ihren Liedern von der Sehnsucht nach der Heimat und der Liebsten erzählen. Ich mag Lieder wie «Wo die Nordseewellen spülen an den Strand», «Kleine Möwe, flieg nach Helgoland» oder «Ahoi Hamburg». Doch in diesen Ferien ist es anders. Kein Shanty-Chor lädt zu Seemannsliedern und zum Mitschunkeln ein.

Aber immerhin ist ein Lale-Andersen-Abend angesagt. Bei schönem Wetter im Garten des Gemeindehauses, bei schlechtem in der evangelischen Kirche. Ein kühler Abend mit viel Wind gilt an der Nordseeküste als schönes Wetter, und so ist zwischen den Backsteingebäuden rund um die Kirche St. Peter eine kleine Bühne aufgebaut. Im Rasen davor stehen Stühle – einzeln, zwei oder drei nebeneinander, mit genügend Abstand dazwischen. Zwei Dutzend Zuhörerinnen und Zuhörer, die meisten sind Feriengäste, mummen sich auf den kalten Stühlen in Jacken und Pullover. 

Mit Liedern und Texten führt die Bremer Sängerin Stefanie Golisch durch das Leben von Lale Andersen. Viel habe ich von dieser norddeutschen Sängerin nicht gewusst: Dass sie zum Beispiel auch Lieder von Kurt Weill oder Bertold Brecht interpretiert hatte, oder dass sie mit dem Schweizer Musiker Artur Beul – dem Komponisten von «Nach em Räge schint Sunne» oder «Stägeli uf, Stägeli ab» – verheiratet war. Von Lale Andersen kannte ich nur «Lili Marleen», das Soldatenlied, mit dem sie Weltruhm erlangte: «Vor der Kaserne, vor dem grossen Tor, stand eine Laterne …» 

An diesem Abend lerne ich seine Geschichte kennen: Vom Soldatensender Belgrad während des Zweiten Weltkriegs beidseits der Fronten verbreitet und millionenfach geliebt und gehört, wurde das Lied 1942 vom deutschen NS-Regime wegen seiner «wehrkraftzersetzenden Wirkung» verboten und die Sängerin aus der Reichskulturkammer ausgeschlossen. Ihre Schallplattenaufnahmen durften nicht mehr am Radio gesendet, ihr Archiv musste vernichtet werden. Lale Andersen wurde es verboten, je noch vor Soldaten aufzutreten oder überhaupt dieses Lied anzustimmen.

Es ist still im Publikum. Die Kälte kommt nicht mehr nur von aussen. Stefanie Golisch gibt eine Zugabe. Natürlich «Lili Marleen». Aus Corona-Gründen müsse sie bitten, nicht mitzusingen. Nicht mitsingen zu dürfen, scheint mir plötzlich ein kleines Problem.

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Usch Vollenwyder

Zeitlupe-Redaktorin