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Keine Manieren 24. August 2020

Zeitlupe-Redaktorin Usch Vollenwyder ist 69 Jahre alt. Als Angehörige der Risikogruppe erzählt sie jede Woche aus ihrem Alltag im bernischen Gürbetal. Heute: von ungerechtfertigten Boni und einem grossen Politiker.

Beim Lesen der Tageszeitung traue ich meinen Augen nicht: Eine Debatte um Boni für die Swiss-Teppichetage? Das kann ja wohl nicht sein in diesem Corona-gebeutelten Jahr, wo Jobs verloren gehen, die Arbeitslosenzahlen steigen, Kulturschaffende kein Einkommen haben, Menschen für Lebensmittel Schlange stehen und die Fluggesellschaft selbst mit einer Milliarde Franken an Staatshilfe gerettet werden muss. Die Boni seien für 2019, Lohnbestandteil und vertraglich vereinbart, lautet die Argumentation der Befürworter. Formell bestehe kein Problem und auf eine moralische Wertung werde verzichtet, heisst es aus Ueli Maurers Finanzdepartement. 

Nicht alles, was legal ist, ist auch legitim. «Das si kener Maniere», hätte mein Papa zu einem solchen Ansinnen gesagt. «Keine Manieren» – das war denn auch das schlimmste aller Schimpfwörter, das je über die Lippen meines höchst korrekten Berner Vaters kam: «Keine Manieren» hatten für ihn rechtsgerichtete Politiker, die pauschal über Ausländerinnen herzogen. Aber auch Asylsuchende, die sich nicht an die geltenden Regeln hielten. Sozialschmarotzer zeigten für ihn ebenso wenig Manieren wie Topmanager mit millionenschweren Abfindungen.

Einer, der sein Leben lang gegen Missstände ankämpfte und bis zuletzt dagegen anschrieb, war der vor wenigen Tagen verstorbene SP-Politiker Helmut Hubacher. Mag die Schweiz im weltweiten Vergleich auch eine «Insel der Glückseligkeit» sein, ist diese Glückseligkeit doch nicht gleichmässig verteilt. Hubachers Stimme und Schreibe hob herrschende Ungerechtigkeiten hervor. Seine letzte Kolumne unter dem Titel «Das letzte Mal» hat mich besonders berührt. Er schrieb von seiner schweren Krankheit, blickte in Kürzestform auf sein reiches Leben zurück und blieb sich selber treu: Wenige Reiche würden auf Kosten des Volkes sehr viel Vermögen beziehen – «geradezu unanständig luxuriös». 

Es ist einige Jahre her, dass ich mit Helmut Hubacher für die Zeitlupe ein Interview führen durfte. Es war eines der Gespräche, das mir unvergessen bleibt – so klar, gradlinig und offen diskutierte der ehemalige Politiker, so engagiert und gelassen gleichzeitig. Was würde er zu Boni für die Swiss-Topmanager und -Verwaltungsratsmitglieder gesagt haben? In einer Zeit, in der Solidarität, politische Sorgfalt und Rücksichtnahme besonders gefragt sind? Ich bin überzeugt: «Das sind keine Manieren» wäre auch seine Meinung.

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Usch Vollenwyder

Zeitlupe-Redaktorin