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Horrorvorstellung 10. August 2020

Zeitlupe-Redaktorin Usch Vollenwyder ist 69 Jahre alt. Als Angehörige der Risikogruppe erzählt sie jede Woche aus ihrem Alltag im bernischen Gürbetal. Heute: von der Angst um andere.

Eigentlich dachte ich, dass ich mich mit Corona arrangiert hätte. Dass es in meinem Leben den Platz eingenommen hat, den ich ihm vor ein paar Wochen zugewiesen habe: ein unbequemer und unerwünschter Gast auf unbestimmte Zeit. Keinesfalls mehr sollte es zum Zentrum meines Alltags werden. Ich würde es zwar mit der nötigen Vorsicht und Skepsis behandeln und hoffen, dass es sich irgendwann freiwillig davonmachen würde. Doch der Tanz um das goldene Corona-Kalb sollte beendet sein. Und dann das:

Vor zwei Wochen hatte mein Mann leichte Halsschmerzen, ein Tag später tat ihm das Schlucken weh, am darauffolgenden Tag waren der Rachen gerötet und die Zunge belegt. Danach gingen die Halsschmerzen weg, dafür zeigte sich am Wochenende ein Ausschlag auf Schultern und Rücken. Am Dienstag fahre ich wie immer nach Zürich. Ein kurzer Austausch über Corona gehört zu unserer wöchentlichen Redaktionssitzung. Die einen sind vorsichtiger, die anderen legerer. Ich gehöre zur zweiten Gruppe. Meine Redaktionsfreundin zur ersten. Sie hat ein Argument, gegen das ich machtlos bin: «Ich will nicht schuld sein, wenn jemand wegen mir krank wird oder gar stirbt.» Das will ich auch nicht. Nie im Leben.

Nach der Arbeit treffe ich meine Schwester. Wir sitzen in einem Strassencafé. Gerade als sie erzählt, dass sich bei ihr mit ihrem Lungenkrebs laut der Ärztin ein Corona-Test erübrigen würde, kommt eine WhatsApp-Nachricht von meinem Mann: «Schwiegertochter und Internet meinen, es könnte Scharlach sein. Sitze jetzt im Sonderzimmer beim Arzt und muss Covid-Test machen.» Von einer Sekunde auf die andere wird mir schlecht. Die nachmittägliche Aufforderung meiner Redaktionsfreundin, doch auf mehr Abstand zu achten, hatte ich mit einem überlegenen Lächeln beantwortet. Meine Schwester hatte ich gar umarmt. Was, wenn der Test positiv ausfällt?

Der nächste Tag ist Horror. Mein Mann muss bis zum Resultat am Abend in Quarantäne bleiben. Ich habe genug Fantasie um mir auszumalen, was wäre wenn… Ich tigere durch die Wohnung, mache extralange Hunderunden. Von Zeit zu Zeit überkommt mich pure Angst: Nicht um mich, nicht einmal um meinen Mann. Aber um all diejenigen, denen ich zu nah gekommen bin. Ich schwöre bei allen Heiligen: Nie mehr spöttle ich über Besorgnis und Vorsicht anderer! Das erlösende Telefon kommt erst am nächsten Vormittag. Mein Mann hat weder Covid-19 noch Scharlach. Was sein rotgetupfter Oberkörper sein könnte – das vergass er in der Aufregung zu fragen.

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Usch Vollenwyder

Zeitlupe-Redaktorin