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Freude herrscht 2. Juni 2020

Zeitlupe-Redaktorin Usch Vollenwyder ist 69 Jahre alt. Als Angehörige der Risikogruppe erzählt sie jeden Montag aus ihrem Alltag im bernischen Gürbetal. Heute: vom neuen Alltag und Beethovens «Ode an die Freude».

Der Tag beginnt anders. Als wäre mir eine schwere Decke vom Herzen gezogen. Der Himmel scheint blauer, die Sonne heller, mein Tal grüner. Die Sorgen schwinden, die nächtlichen Alpträume verblassen. Kein Unheilsprophet und keine Schwarzmalerin können mir die Freude an meinem neuen, alten Alltag nehmen. Und niemand kann in mir die Angst vor einer sogenannten «zweiten Welle» schüren. Zumindest heute nicht. Ich freue mich rundum über die Lockerungen: Dass ich wieder mehr selber bestimmen kann. Dass ich Verantwortung zurückbekommen habe. Dass ich mein Gleichgewicht zwischen Übervorsicht und Unvernunft selber ausloten darf.

Ich bin aber auch froh, zusammen mit der grossen Mehrheit in unserem Land ungeschoren davongekommen zu sein. So ungeschoren, dass sogar Fussballspiele und Fernreisen wieder ins Auge gefasst werden. Dabei brauche ich weder das eine noch das andere. Ich kann ebenfalls aufs Gurtenfestival oder auf Wellnessanlagen verzichten. Für mich muss selbst die Aare nicht «bebadbar» sein, wie unser frisch pensionierter oberster Schweizer Gesundheitshüter verspricht. Ich freue mich ganz einfach, mit dem Zug wieder zur Arbeit zu fahren, unter Freundinnen und Kollegen zu sein, Gäste zu haben oder zu einem Nachtessen eingeladen zu werden.

Mit den Lockerungen lässt sich die Angst der letzten Wochen jedoch nicht einfach wegzaubern. Neues Vertrauen kann nicht mit dem Ende der Massnahmen verordnet werden: Meine holländische Freundin kommt für ein Bier höchstens in den Garten. Ein früherer Arbeitskollege verzichtet nach wie vor aufs Enkelhüten. Unser Nachbar im Spital darf täglich nur von einer Person und höchstens während einer halben Stunde besucht werden. Ein Freund fährt lieber siebzig Kilometer mit dem Auto zur Arbeit, als dass er den Zug nehmen würde.

Die wiedergewonnene Freiheit ist mit Auflagen verbunden. Damit kann ich leben: Häufiges Händewaschen ist ein Ritual geworden. Ohne Handschlag kommt man auch durchs Leben. Als im Radio Beethovens «Ode an die Freude» ertönt, singe ich laut mit. Seit Wochen zum ersten Mal wieder! Ich stutze erst bei den Worten «Seid umschlungen, Millionen! Diesen Kuss der ganzen Welt!» Ich spüre kurz, wie meine Freude überschattet wird. Ich mag es, wenn ich geherzt werde. Und ich umarme gern andere Menschen. Doch körperliche Nähe bleibt in weite Ferne gerückt. Daran will ich nicht denken. Zumindest heute nicht.  

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Usch Vollenwyder

Zeitlupe-Redaktorin