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Ewigkeitssonntag 23. November 2020

Zeitlupe-Redaktorin Usch Vollenwyder (69) erzählt seit Beginn der Corona-Krise jede Woche aus ihrem Alltag im bernischen Gürbetal. Heute: von Steinen als Symbol der Trauer und Kerzen als Zeichen des Lichts. 

Einen Stein sollen wir mitbringen, steht auf der Einladung zur Gedenkfeier am Ewigkeitssonntag. Bis Ostern bleibe er als Erinnerung an die während des Jahrs verstorbenen Personen in der Kirche. Dann folgt der Hinweis, dass das Pfarrteam aus der schwierigen Situation das Beste zu machen versuche: Da nur fünfzehn Personen gleichzeitig anwesend sein dürfen, würden sich am Sonntagmorgen während zwei Stunden Musik und Texte, ein Steinritual und der Segen wiederholen. Man könne ein paar Minuten, maximal eine halbe Stunde bleiben. Sollte es zu Wartezeiten kommen, würde vor der Kirche ein wärmendes Feuer brennen. 

Zusammen mit meinem Bruder folge ich der Einladung. Der Name unseres Papas steht auf einer schwarz umrandeten Karte, daneben brennt eine Kerze in einem roten Glasgefäss. 55 Karten liegen auf den Stufen vor dem Altar, so viele Mitglieder der Kirchgemeinde sind seit dem letzten Ewigkeitssonntag gestorben. Zu jedem Namen gehört ein farbiges Licht – ein Teppich aus roten und grünen, aus gelben, orangen und blauen Teelichtern breitet sich aus. Auf der Empore spielt ein Quartett Barockmusik. Die Pfarrerin sagt ein paar Worte zu Begrüssung, spricht ein Gebet und fordert uns auf, unseren Stein in die Hand zu nehmen: Er wiege schwer – wie die Trauer, die auch oftmals schwer zu tragen sei. 

Meinen Stein habe ich von der Kleinen mitbekommen. Darauf hat sie einen Stern gemalt – der passe doch zum «Urgrossätte» im Himmel. Ich gehe in gebührendem Abstand nach vorne und lege ihn auf das weiche Tuch zwischen den farbigen Lichtern, auf dem schon einige Steine liegen: schön runde und besonders kantige, kleinere und grössere, einer ist mit Herzen bemalt, ein anderer mit Bändern verziert. Jeder wurde hingelegt von jemandem, der eine ihm nahestehende Person verloren hat. Jeder der Steine erzählt eine Geschichte; ich spüre einen Kloss im Hals. Aus einem Korb daneben können wir eine Kerze mitnehmen – ein Licht, wenn es allzu finster werde. Die Musik setzt wieder ein.

Verstohlen werfe ich einen Blick auf die Empore: Das Quartett spielt mit genügend Abstand und mit Maske. Auch die Pfarrerin zieht ihre schwarze Maske immer erst ab, wenn sie am Altar steht. Die fünfzehn Anwesenden – alle ebenfalls mit Gesichtsschutz – verlieren sich im grossen Kirchenraum. Die spürbare Distanz zwischen uns Trauernden ist grösser als der vorgeschriebene Corona-Abstand. Jeder ist allein. Auf der Kerze, die uns durch schwierige Momente im Alltag begleiten soll, stehen Dietrich Bonhoeffers Worte: «Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag.»

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Usch Vollenwyder

Zeitlupe-Redaktorin