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Dene wos guet geit 1. März 2021

Zeitlupe-Redaktorin Usch Vollenwyder (69) erzählt seit Beginn der Corona-Krise jede Woche aus ihrem Alltag im bernischen Gürbetal. Heute: der einen Glück, der anderen Leid und Mani Matters weise Worte.

«Aber Dir geht es doch gut.» Ich mag es nicht mehr hören. Natürlich geht es mir gut. Ich bin gesund. Ich kann im Homeoffice arbeiten. Ich habe meinen Lohn. Ich habe meine wichtigsten Menschen um mich. Ich wohne auf dem Land, mit Terrasse, Hund und Katze. Ich bin in einer Minute zu Fuss aus dem Dörfli hinaus und spaziere über Feldwege und der Gürbe entlang. Tiefkühltruhe und Weinkeller sind gut gefüllt. In den Regalen stehen genug Bücher, die ich noch nicht gelesen habe oder wieder einmal lesen könnte. Ja, mir geht es gut. Ich bin zwar corona-müde, aber schlecht geht es mir nicht.

Schuh- und Kleiderläden vermisse ich wirklich nicht. Der Fernseher ist kein Ersatz für die Kinoleinwand, aber ein Kinoabend vor dem Fernseher kann auch gemütlich sein. Kürzlich wurde Brahms’ Requiem aus dem Opernhaus Zürich per Live Stream übertragen – es war trotz technischer Distanz Hühnerhautmusik. Ein Nachtessen in einem feinen Restaurant wäre schön, doch mein Mann gibt am Herd sein Bestes. Ich möchte gern wieder mal über die Grenze reisen, aber die Schweiz bietet auch schöne Ecken. Trotzdem bin ich bedrückt. Und bekomme jedes Mal ein schlechtes Gewissen, wenn jemand zu mir sagt: «Aber Dir geht es doch gut.» 

«Dene wos guet geit, giengs besser, giengs dene besser, wos weniger guet geit.» So beginnt eines der Chansons des grossartigen Berner Troubadours Mani Matter. Meine kleinen Wohlfühlmomente verschwinden blitzartig, wenn ich über meine eigene Welt hinausschaue. Dazu genügt ein Blick in die Zeitung: zunehmende Arbeitslosigkeit und häusliche Gewalt, eine Vervielfachung von psychischen Störungen und Depressionen, steigende Armut und wirtschaftliche Not, Konkurse, Entlassungen, Schliessungen. Bildungsrückstand bei schwächeren Kindern. Einsamkeit und Isolation. Hinter jedem Titel eine Geschichte, hinter jedem Schlagwort menschliche Schicksale.

Ich träume oft von Corona. Und wenn ich am Morgen erwache, ist es immer noch da. Dann legt sich ein Schatten auf mein Gemüt. Dann nützt auch der von Expertinnen und Experten empfohlene dankbare Blick auf unser funktionierendes Staats- und Gesundheitssystem nichts mehr. Dann denke ich an die Menschen weltweit: Laut WHO fallen weitere 88 Millionen in absolute Armut zurück. Meine Freundin von der kleinen Insel im Indischen Ozean schreibt: «Seit den Wahlen im letzten Jahr ist die Staatskasse leer. Die Touristen bleiben aus. Was sollen wir nur tun?»

Und so kann ich auf die Frage, ob’s mir gut geht, nur mit einem «ja, eigentlich schon, aber…» antworten. Ich bin mit Mani Matter einig: «Dene wos guet geit, giengs besser, giengs dene besser, wos weniger guet geit.»

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Usch Vollenwyder

Zeitlupe-Redaktorin

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