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Angekommen 2. Juni 2022

Mehr als zwanzig Jahre lang arbeitete Usch Vollenwyder (70) bei der Zeitlupe. Seit Januar ist sie pensioniert. Jede Woche erzählt sie aus ihrem Alltag im bernischen Gürbetal. Heute: von der Ankunft in der alten Heimat.

Usch Vollenwyder
Usch Vollenwyder,
Zeitlupe-Redaktorin
© Jessica Prinz

Als ich aus dem Flugzeug steige, umfängt mich die feuchte Hitze wie ein warmes Tuch. Wie früher, vor fast fünfzig Jahren, als ich als junge Lehrerin für einige Jahre auf diese kleine Insel im Indischen Ozean kam. Am Himmel steht ein Regenbogen. Ich betrachte ihn als Willkommensgruss meiner alten Heimat. Dann erst sehe ich die dunkle Wolke über dem Morne Seychellois, mit 905 Meter der höchste Punkt der Insel. Feiner Sprühregen netzt die Frontscheibe des Taxis, das uns zur Ferienwohnung bringt. Eigentlich sollte jetzt, während des Südost-Monsuns, kein Wölklein zu sehen sein. Ich erinnere mich an monatelangen blauen Himmel, bis dann irgendwann im Oktober die Regenzeit begann. Ein Naturereignis: Das Wasser fiel in Strömen vom Himmel, wochenlang wurde kein Kleidungsstück mehr richtig trocken.

«Sanzman klima» sagt der Taxichauffeur und zuckt mit der Schulter. Doch geändert hat sich nicht nur das Klima. Ich erkenne die Stadt nicht wieder, die mir einst so vertraut war. Neue Gebäude ziehen sich in die Höhe, zwischen denen sich die alten Häuser im Kolonialstil ducken. Es braucht akrobatische Fahrkünste, um im Gewusel der Autos, Busse und Pickups mitzuhalten – und erst noch im Linksverkehr. Die früher üblichen Lamellenfenster sind Glasfronten gewichen, Klimaanlagen haben längst Einzug gehalten. Vor den handtellergrossen behaarten Spinnen – einst mein grosser Schreck – brauche ich mich nicht zu fürchten, sagt die Vermieterin. Da gäbe es keine. An der Decke der Terrasse tummeln sich nur einige wenige Geckos. Die Mückensprays sind bis jetzt im Koffer geblieben.

Unsere Ferienwohnung liegt am Strand, direkt gegenüber dem Pfarrhaus, in dem ich einst gewohnt habe. «Mon ti reste dan sa lakaz», sage ich allen, die es hören wollen, und zeige auf das inzwischen renovierte, gelb gestrichene Haus. Ich klaube mein Kreolisch hervor. Viele Wörter sind vergessen, aber die Angestellten der Vermieterin helfen mir, sie wiederzufinden. Sie lachen, wenn ich sage, dass ich «lontan lontan pase» – vor langer, langer Zeit – hier gewesen sei. Die wenigsten von ihnen waren damals schon auf der Welt; ich muss ihnen wie eine Zeitreisende vorkommen. 

Gleich um die Ecke ist eines der vielen kleinen «magazen», die es auch schon früher gab. Nur ist es heute vollgestopft bis unter die Decke mit allerlei Alltagsdingen, die man einst nicht brauchte. Ich zähle mehr als ein Dutzend Reissorten, kreuz und quer aufeinandergestapelt. Anno dazumal hatten wir die tägliche Reisportion jeweils aus einem grossen Sack abgefüllt und von Ameisen, Spreu und kleinen Steinchen gereinigt. Den Grosseinkauf machen wir in einem der neuen Supermärkte. «World Food Center» steht in grosser Schrift auf eine Wand geschrieben. Darunter hängt ein Bildschirm, auf dem sich die immer vier gleichen Landschaftsbilder abwechseln. Eines von ihnen zeigt die Stadt Bern.

Ich kann es kaum glauben: Da fliege ich zehntausend Kilometer weit, um Bern wiederzusehen. Dabei bin ich erst gerade angekommen. Wirklich angekommen.

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Beitrag vom 02.06.2022

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