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Leben mit dem Unfassbaren

Wenn ein Kind stirbt, bricht für seine Eltern und Geschwister eine Welt zusammen. Betroffen sind auch die Grosseltern. Sie ertragen die Trauer um ihr Enkelkind meist besser als den Schmerz ihres Sohnes oder ihrer Tochter, dem sie ohnmächtig gegenüberstehen.

Von Usch Vollenwyder

Es ist ein besonderer Ort im Wald, ein schöner Platz auf einer Lichtung. Dort spielten Roger K. und sein Enkel Nico In­dianerhäuptling und Häuptlingssohn. Zu­sammen hatten sie Feuer gemacht, mit einem Sackmesser durfte Nico einen Spiess für den Cervelat schnitzen. «Es war ein besonderer, ein intensiver Tag», er­ innert sich der zweifache Grossvater. «Die Welt war gut.» Das Foto, auf der der blon­de, blauäugige Häuptlingssohn und seine Schwester in die Kamera lachen, ist eines von Roger K.s Lieblings-­Erinnerungsbil­dern. Nicht die leiseste Vorahnung habe den glücklichen Tag getrübt.

Weniger als zwei Jahre später stirbt Nico mit acht Jahren an einem Hirn­tumor. Nach der Diagnose im Juli 2013 schreibt sein Vater ins Tagebuch: «Der Hammerschlag. Das Allerschlimmste ist eingetroffen. Es kann doch einfach nicht sein. Warum? Wieso? Nicht fassbar.» Un­gefragt werden Nico, seine Eltern, Gross­eltern und die ganze Familie gezwungen, sich mit einem unerträglichen Schicksal auseinanderzusetzen. Die folgenden Mo­nate sind geprägt von Angst und Ver­zweiflung, von Wut, Erschöpfung und immer wieder tiefster Trauer.

Und trotz allem auch von Momenten des Glücks und der Freude. «Spass muss trotzdem sein, und den haben wir immer wieder mal», schrieb Nicos Vater Anfang Februar 2014 ins Tagebuch. Das Tage­buchschreiben war eine seiner Möglich­keiten, mit dem Unabänderlichen Schritt zu halten. Daran liess er auch die Grosseltern teilhaben – ein Geschenk: Roger K. sah, wie sein Sohn seinen Schmerz verarbeitete, und war sich sicher, dass er daran nicht zerbrechen würde. Das Tage­buch hält Nicos letztes Lebensjahr fest, mit seinen Höhen und tiefsten Abgrün­den und mit unvergesslichen Erlebnissen für die ganze Familie: einmal die Wale in Amerika sehen, noch ein paar Tage Win­terferien im Bündnerland verbringen, nach Frankreich zu den anderen Gross­eltern fahren …

«Der Tod eines Kindes stellt das Leben seiner Angehörigen auf den Kopf. Der Schock ist so gross, dass sie manchmal um ihren Verstand fürchten. Der Wunsch, alles sei nur ein böser Traum, erfüllt sich nicht», sagt Hanna Wintsch, Leitende Psychologin am Ostschweizer Kinder­spital St. Gallen: «Trauer kostet zudem Substanz und macht unendlich müde.» Die grosse Erschütterung, die der Tod eines Kindes auslöst, macht vor den Grosseltern nicht halt. Auch sie werden oft körperlich und psychisch bis an ihre Grenzen gefordert.

Grosseltern wechseln sich vielfach mit den Eltern in der Betreuung des kranken Kindes ab, sie kümmern sich um die ge­sunden Geschwisterkinder, übernehmen Fahrdienste, helfen im Haushalt der be­troffenen Familie. Daneben trauern sie um ihr Enkelkind, sie wären bereit, an seiner Stelle zu sterben, und hadern oft mit dem Tod, der die Generationenfolge nicht einhält. Manche sehen sich um ein Stück Zukunft betrogen: Sie müssen Schritt für Schritt Abschied nehmen von Vorstellungen und Träumen.

Während direkt betroffene Eltern und Kinder von einem grossen Hilfs­ und Unterstützungsangebot profitieren können, hat die Gesellschaft keinen festen Platz für verwaiste Grosseltern. Ihr Leid wird oft übersehen oder unterschätzt. Für sie gibt es kaum Unterstützung oder An­sprechpartner; sie werden selten als Fa­milienmitglieder mit einer schmerzvollen Verlusterfahrung wahrgenommen. Wenn sie ihre Erfahrungen nicht mit Gleich­ gesinnten teilen können, sind sie mit ih­rer überwältigenden Trauer meist allein.

Auch in ihrer Rolle sind sie oft un­sicher: Sind sie selbst Betroffene? Oder ausschliesslich Unterstützende und Hel­fende? Wie viel Trauer dürfen sie zeigen? Mit wem können sie sie teilen? Wo sollen sie sich einbringen und wo sich zurück­ halten? Meist versuchen Grosseltern den Schmerz zu unterdrücken und achten wenig auf ihre eigene Trauerbewälti­gung. Wollen sie eine existenzielle Erfah­rung wie den Tod ihres Enkelkinds heil durchstehen, müssen sie jedoch zu sich und zueinander Sorge tragen.

«Das Leben hat mich nicht darauf vorbereitet, ein Kind in den Tod zu begleiten. Mit so etwas rechnen Grosseltern ganz einfach nicht.»

Roger K. als Psychologe weiss um diese Prozesse. Sein Weltbild, wonach im Leben nicht alles machbar und das Schicksal letztlich unberechenbar ist, hilft ihm durch schwierige Zeiten. Schon zehn Jahre zuvor, als seine erwachsene Tochter Regula gestorben war, ging er sorgfältig und achtsam mit sich selber um. Auch während Nicos Erkrankung suchte er das Gespräch mit einem Thera­peuten. Und machte, was ihm guttat: Austausch mit Freunden und Auszeiten und Ferien mit seiner Frau. Er spürte die guten Schwingungen zwischen ihnen beiden, die sie durch die gemeinsame Trauer trugen.

Das junge Paar war froh, dass die Eltern bedingungslos hinter ihren Entscheidun­gen standen, und war dankbar für ihre konkrete Hilfe: eine Besorgung hier, eine helfende Hand da. Ein gemeinsames Mit­tagessen, ein paar gemeinsame Ferien­tage, ein Nachmittag mit Nicos Schwes­ter. Viele Krankenbesuche. Lange Tele­fongespräche zwischen der Grossmutter und dem Vater von Nico taten beiden Sei­ten gut. Die gute Beziehung zwischen Roger K. und seinem Sohn wurde tief und innig wie zu Kindertagen.

Und immer wieder gaben die Enkel An­lass zum Staunen. Zu ihrem eigenen Geburtstag wünschte sich Nicos Schwester nichts anderes, als dass ihr Bruder nicht sterbe. In einem eher kirchenfernen Fam­ilienumfeld stellte Nico religiöse Fragen: «Der liebe Gott will doch nicht, dass ich sterbe», meinte er. Und fragte seinen Papi kurz vor dem Tod: «Wo werde ich begraben sein? Bei Regula?» Sein Vater ver­neinte: «Nein, bei der Kirche im Dorf.» Und Nico antwortete: «Das ist gut. Ich möchte ein weisses Kreuz.» Er machte sein Testament: Die Bergbahn sollte Peter, die Ritterburg Thomas bekommen.

Nicos körperliche Veränderungen aus­zuhalten, fiel Roger K. schwer. Nach den Chemotherapien und Bestrahlungen wur­de sein Enkel entsetzlich mager. Die not­wendige Kortisonbehandlung schwemmte seinen kleinen Körper auf. Der Tumor entstellte sein Gesicht, ein Rollstuhl und Sauerstoff wurden nötig, Nico konnte nicht mehr sprechen. Roger K., der bis weit in sein Erwachsenenleben hinein im wörtlichen Sinn Berührungsangst vor dem Tod gehabt hatte, suchte die physi­sche Nähe zu seinem todkranken Enkel. Es war sein grösstes Bedürfnis, ihn zu streicheln und seine Hand zu halten. Nico starb in der gleichen Nacht wie zehn Jahre zuvor seine Tante Regula.

Stirbt ein Enkelkind, erfahren Gross­eltern dreifaches Leid. Sie müssen den eigenen Schmerz aushalten, leiden mit dem Enkelkind und stehen ohnmächtig dem Schmerz ihres erwachsenen Kindes gegenüber. Sie sorgen sich um die Ge­sundheit ihres Sohnes oder ihrer Tochter und ihres Schwiegerkinds und fragen sich, ob die Beziehung der Eltern die Be­lastung aushalte. Oft ist es für sie weit schlimmer, das Leid ihrer Kinder und En­kel zu ertragen, als wenn es sie selber treffen würde.

So gibt es Bilder, die Susanne G. ihr Le­ben lang nicht mehr vergessen wird: Wie ihre Schwiegertochter das frische Heu im kleinen Kindersarg mit Blumenblüten be­streute. Wie ihr Sohn seine in ein blaues Tuch gehüllte Tochter vom Spitalbett hochhob und sanft in ihr Totenbettchen legte. Wie ihm der Schreiner den Sarg­deckel und die dazugehörigen Schrauben reichte und der Sarg endgültig verschlos­sen wurde. Danach trug ihn ihr Sohn auf seinen starken Armen aufrecht durch den Gang der Geburtsabteilung zum Auto des Bestatters. Sie weiss noch, dass sie dachte: Kein Vater sollte sein Kind in einen Sarg betten müssen. Und keine Grossmutter sollte ihrem Sohn dabei zu­ sehen müssen.

Alle hatten sich so sehr auf das kleine Wesen gefreut. Es war das erste Gross­kind für Susanne und Christian G. Neun Monate waren vergangen, das kleine Mädchen konnte jeden Tag kommen. Es war ein strahlend schöner Samstag im Sommer 2010, als das Telefon läutete. Die zukünftige Grossmutter erkannte auf dem Display die Nummer ihres Sohnes, hob den Hörer ab und fragte fröhlich: «Und, ist die Kleine da?» Keine Antwort, und dann: «Sie ist gestorben.» Für Susan­ne G. überzog sich der sonnige Tag von einer Sekunde auf die andere mit einem «schwarzen Tuch. Ihr Herz tat körperlich weh, als ihr Sohn leise sagte: «Mir ist, als hätte ich mein Leben lang auf meine Tochter gewartet. Und jetzt ist sie tot.»

Posttraumatische Reifung

Wem es gelingt, eine solche dem Kör­per und der Seele alles abverlangende Erfahrung gut durchzustehen, geht ge­stärkt daraus hervor. «Ich habe eine neue Lebensdimension kennengelernt. Ich bin den Sternen nähergekommen», sagt Roger K. «Ich bin nachsichtiger und ge­lassener geworden. Das Leben kann mir nicht mehr viel anhaben», meint Susan­ne G. «Post­traumatische Reifung» nennt die Psychologie diesen Prozess: «Es gibt Menschen, auch Grosseltern, die an einer solchen Situation zerbrechen. Und es gibt andere, die erzählen, sie seien da­durch reifer, reicher und sensibler auch für die Leiden anderer geworden», sagt die Psychoonkologin und Traumathera­peutin Hanna Wintsch.

Nico und Lea bleiben unvergessen. Manchmal kommt Sehnsucht nach den Kleinen auf, manchmal kehrt ein Stück Trauer zurück, und Jahrestage sind im­mer noch schwierig zu meistern. Doch beide Grosselternpaare haben gelernt, mit dem Unfassbaren und Unabänderlichen weiterzuleben. Fast auf den Tag genau ein Jahr nach Leas Tod bekamen Susanne und Chris­tian G. ein gesundes Grosskind ge­schenkt. In ihrem Garten pflanzten sie zum Andenken an Lea einen Kirsch­baum – über und über ist er jeweils im Frühling mit rosa Blüten bedeckt.

Helen und Roger K. freuen sich über ihre Enkelin, mit der sie nach wie vor viel Zeit verbringen. Wenn Roger K. auf seiner regelmässigen Joggingrunde auf der Waldlichtung vorbeikommt, wo er und Nico Indianerhäuptling und Häupt­lingssohn spielten, fühlt er sich seinem Enkel besonders nahe: «Ich habe diesen Platz zu einem persönlichen Kraftort mit glücklichen Erinnerungen umgedeutet.» Und Susanne G. schrieb in einem Brief: «Ich bin dankbar für das kleine Wesen, das wie ein kostbarer Gruss aus einer anderen Welt bei uns angeklopft hat.» 

*Zitat aus: «Sternenkind. Wie Till seinen Himmel fand» von Brigitte Trümpy-Birkeland

Aus Zeitlupe 6/16.

Im Interview mit Psychologin und Psychotherapeutin Hanna Wintsch erfahren Sie, was Grosseltern helfen kann, wenn ein Enkelkind stirbt.

Weitere Informationen

Buchtipp:
In ihrem Buch «Sternenkind» beschreibt die Glarnerin Brigitte Trümpy-Birkeland, wie sie zusammen mit ihrem Mann Heiri ihre Tochter und deren Familie durch die Krankheitszeit ihres Enkels Till begleitete.
Brigitte Trümpy-Birkeland: «Sternenkind. Wie Till seinen Himmel fand», ist im Wörterseh-Verlag für ca. CHF 10.– nur noch als E-Book erhältlich.  

Kontakt:
Brigitte Trümpy-Birkeland vernetzt und unterstützt Grosseltern, die ein Enkelkind verloren haben: Verein Sternentaler, Löntschweg 1, 8754 Netstal, kontakt@sternentaler.ch, www.sternentaler.ch

www.sternenkinder-grosseltern.ch, www.verein-regenbogen.ch, www.herzensbilder.ch 


  • Memento mori – sei dir deiner Sterblichkeit bewusst: In unserem Themenschwerpunkt widmen wir uns einen Monat lang Themen rund um den Tod und das Sterben. Zum Dossier.

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