© Rahel Mazenauer

Von der Grimmialp nach Lambarene

Während mehrerer Jahre verbrachte der junge Albert Schweitzer seine Ferien auf der Grimmialp im Berner Oberland. Ein Themenweg mit Informationstafeln und Zitaten geht dem Leben und Wirken des berühmten «Urwalddoktors» nach.

Text: Usch Vollenwyder

Zuhinterst im Diemtigtal, dem grössten Seitental des Berner Simmentals, liegt die Grimmialp. Wie in einer Arena wird sie von Nadelwäldern, Hügelzügen und Berggipfeln umschlossen. Die typischen Oberländer Bauernhäuser, Ställe und Ferienwohnungen stehen verstreut in der grünen Landschaft. Der Bergfrühling hat begonnen – auf den Wiesen blühen Kerbel und Margeriten, Storchenschnabel und Hahnenfuss, dazwischen Enzian und Hufeisenklee, Sonnenröschen und Kugelblume. Auf den Weiden grasen Simmentaler Kühe mit schön geschwungenen Hörnern.

Von den Parkplätzen hinten im Tal sind am frühen Morgen erst wenige besetzt. Der Rundweg zu Ehren von Albert Schweitzer, dem wohl berühmtesten Diemtigtaler Feriengast, beginnt beim Hotel Kurhaus Grimmialp. Er ist knapp fünf Kilometer lang und führt durch die Landschaft, in der der «Urwalddoktor» in jungen Jahren Ruhe und Erholung suchte. In regelmässigen Abständen laden Ruhebänke und Thementafeln mit Fotos, Informationen und Zitaten zum Sinnieren über das Wirken und Gedankengut des gebürtigen Elsässers ein. Zusätzlich können sich Interessierte mit Hilfe einer App auch virtuell in das facettenreiche Leben Schweitzers vertiefen.

Blauseeli – ein mystischer Kraftort

Der knapp zweistündige Themenweg weist nur hundert Meter Höhenunterschiede auf und ist mit grün-weissen Wegweisern signalisiert. «Albert Schweitzer 1875–1965» steht auf der leicht gewölbten Rückenlehne der Holzbank am Ausgangspunkt der Wanderung. Von dort aus führt der Weg zunächst über eine Alpweide. Die Kühe sind Touristinnen, Wanderer und auch Hunde gewöhnt; sie heben nicht einmal ihre Köpfe. Auf der Talstrasse geht es weiter bis zu den letzten Wohnhäusern am Ende der Streusiedlung Schwenden.

Beim türkis schimmernden Blauseeli – es gilt im Naturpark Diemtigtal als mystischer Kraftort – beginnt der Weg sanft anzusteigen und führt schliesslich entlang des Bergwalds zurück Richtung Schwenden. Sonnenlicht fällt durch die Nadelbäume auf den Waldboden. Der Weg ist von einem weichen Teppich brauner Nadeln übersät, es riecht nach Harz und Sommer. In der Ferne ist das Geläut der Kuhglocken zu hören; man fühlt sich weit weg vom Alltag.

Nach einer guten Stunde Wanderzeit beginnt der Abstieg wieder hinunter zur Talstrasse. Die letzte Informationstafel befindet sich in der Nähe der über hundertjährigen, mit Schindeln gedeckten Kapelle Schwenden. Von dort aus dauert es nur noch wenige Minuten, und das Hotel Kurhaus Grimmialp, Ausgangs- und Zielort der Wanderung, ist erreicht.

Gäste von weit her

1899 wurde das Kurhaus erbaut. Das aus der Alp Grimmi zugeleitete mineralhaltige Wasser lockte Gäste von weither zu Trink- und Badekuren ins Berner Oberland. Zu den ersten gehörte auch Albert Schweitzer. Zwischen 1901 und 1909 verbrachte er achtmal Ferien im damaligen Grand Hotel. Briefe aus dieser Zeit an seine Freundin und spätere Ehefrau Helene Bresslau zeugen davon, wie sehr er die Ruhe und Abgeschiedenheit dieser Bergwelt geschätzt hat: «Welch ein Friede! Es kommt mir vor, als gehörten sie mir, diese Berge (…)»

Albert Schweitzer war zu dieser Zeit bereits Theologe und Organist. Auf der Grimmialp entstanden verschiedene seiner Schriften; hier schrieb er auch einen Teil seines Werkes über den Komponisten Johann Sebastian Bach. Diese Ferienwochen in der intakten Natur, umgeben von einer faszinierenden Tier- und Pflanzenwelt, prägten und beeinflussten auch Schweitzers Ethik «Ehrfurcht vor dem Leben». Schliesslich reifte auf der Grimmialp auch der Entschluss, Medizin zu studieren und im westafrikanischen Lambarene ein Urwaldspital zu gründen.

1913 war es so weit: Albert und Helene Schweitzer-Bresslau reisten in die kleine Stadt am Ufer des Ogowe, mitten im Regenwald des zentralafrikanischen Staates Gabun. Zum 100-Jahr-Jubiläum der Gründung des «Urwaldspitals» eröffnete der Schweizer Hilfsverein für das Albert-Schweitzer-Spital in Lambarene zusammen mit Diemtigtal Tourismus den Albert-Schweitzer-Themenweg – zur Erinnerung an den einstigen Universalgelehrten und Nobelpreisträger. Der Rundweg reiht sich ein in die Angebote für einen sanften Tourismus, dem sich das 16 Kilometer lange Diemtigtal mit dem Label «Regionaler Naturpark» verschrieben hat. ❋

Weitere Informationen

❱ Naturpark Diemtigtal, Bahnhofstrasse 20, 3753 Oey, Telefon 033 681 26 06, Mail info@diemtigtal.ch, Internet diemtigtal.ch, albert-schweitzer-weg.ch 

❱ Schweizer Hilfsverein für das Albert-Schweitzer-Spital in Lambarene, Tannenbergstrasse 58, 8625 Gossau, Telefon 044 360 38 05, Mail sekretariat@albert-schweitzer.ch, Internet albert-schweitzer.ch

❱ Eine eigens geschaffene App mit Grafiken, Audio- und Videobeiträgen sowie interaktiven Elementen zum Albert-Schweitzer-Weg kann auf der Webseite des Naturparks oder bei der Starttafel beim Kurhaus Grimmialp aufs Handy heruntergeladen werden.

Beitrag vom 15.06.2020