Hilde Schäffler © Sonja Ruckstuhl

«Einsamkeit ist ein schambesetztes Thema»

Kritische Lebenssituationen oder Angst vor Zurückweisung: Hilde Schäffler, Projektleiterin bei Public Health Services GmbH, weiss um die zahlreichen Hürden auf dem Weg aus der Einsamkeit.

Interview: Usch Vollenwyder

Umfragen zeigen: Bei Menschen über 75 steigt das Gefühl von Einsamkeit deutlich an. Warum gerade bei ihnen?

Ältere Menschen haben zahlreiche kritische Lebenssituationen zu bewältigen, die eng mit dem Gefühl von Einsamkeit verbunden sind: Mit der Pensionierung werden sie aus ihrem beruflichen Umfeld gerissen, sie finden keine sinnstiftende Aufgabe, Familienangehörige und Freunde werden krank oder sterben, und selber haben sie immer mehr mit körperlichen Einschränkungen zu kämpfen. Hinzu kommt die Wohnsituation: Die Kinder sind ausgeflogen, der Partner oder die Partnerin ist gestorben, man wohnt allein in seinen vier Wänden. 

Welches ist das grösste Risiko für Einsamkeit?

Einer der zentralsten Risikofaktoren, sich einsam zu fühlen, ist eine eingeschränkte Mobilität. Deshalb sind alle Massnahmen zu ihrer Aufrechterhaltung besonders wichtig. Dabei ist auch die Politik gefragt: Im Rahmen eines partizipativen Prozesses gilt es abzuklären, welche Bedürfnisse die älteren Menschen haben und welche Massnahmen ihre Selbstständigkeit und Lebensqualität im öffentlichen Raum -verbessern: dass der Bus in der Nähe ist; Einkaufsläden, Arzt oder Treffpunkte gut erreichbar und Wege sicher sind oder dass es einen unkomplizierten Transportdienst gibt. 

Auch in Gemeinden, in denen die äusseren Rahmenbedingungen gut sind, gehen viele Menschen kaum noch ausser Haus. Wie kann man sie unterstützen?

Eine wichtige Brückenfunktion haben die Mitarbeitenden von aufsuchenden Diensten wie Besuchsdienst, Mahlzeitendienst, Transportdienst, Spitex … Sie kennen einerseits die Betroffenen und andererseits die Anlässe und Angebote vor Ort. Wichtig ist ihre Schulung: dass sie für das Thema Einsamkeit sensibilisiert werden und im Gespräch ihre Klientinnen und Klienten entsprechend unterstützen können. Ebenso wichtig ist es, dass sich die verschiedenen Dienstleister im Interesse ihrer Kundschaft miteinander vernetzen und austauschen. 

Viele unterschiedliche Angebote stehen zur Verfügung – doch auch fitte Seniorinnen und Senioren nutzen sie nicht und fühlen sich einsam. Warum ist das so?

Viele Personen haben zwar das Bedürfnis nach mehr sozialen Kontakten, aber sie trauen es sich nicht zu, den ersten Schritt zu machen. Sie sind misstrauisch, weil sie zu oft schon negative Erfahrungen gemacht haben. Sie haben Angst vor Zurückweisung. Es ist ja tatsächlich nicht einfach, in einer bestehenden Gruppe Anschluss zu finden. Beispiele gibt es viele: Da überwindet man sich, an einen Mittagstisch zu gehen – und niemand redet mit einem. Die Gefahr ist gross, dass man nach einer solchen Enttäuschung keinen zweiten Versuch unternimmt. 

Was lässt sich dagegen tun?

Leiterinnen und Leiter von Gruppen oder Treffpunkten, von Kursen, geselligen Anlässen oder Mittagstischen müssen besonders aufmerksam sein: Sind neu Ankommende willkommen und gern gesehen? Können sie sich integrieren? Herrscht eine offene Atmosphäre? Leitende sollten sich bemühen, den ersten Kontakt aktiv und bewusst zu gestalten. Es gilt, ein gutes Klima für Interessierte zu schaffen. 

Wie definieren Sie Einsamkeit?

Einsamkeit ist ein subjektives Gefühl. Betroffene leiden unter dem Zustand, nicht mit anderen Menschen verbunden zu sein. Ihnen fehlt das soziale Umfeld. Einsamkeit hat man nicht gesucht. Erschwerend kommt hinzu, dass Einsamkeit ein schambesetztes Thema ist: Man redet nicht darüber und zieht sich zurück. Ein Teufelskreis beginnt. Der Weg aus der Einsamkeit scheint immer schwieriger.

Schützt ein grosser Bekanntenkreis vor Einsamkeit?

Ein grosser Bekanntenkreis mit nur oberflächlichen Beziehungen ist kein Mittel gegen Einsamkeit. Wichtiger ist die Qualität der Beziehungen. Qualität bedeutet: Ich habe jemanden, an den ich mich wenden kann, der mir zur Seite steht, von dem ich emotionale Unterstützung bekomme. Es genügen zwei oder drei Personen, denen man sich vertrauensvoll zuwenden kann. Solche Beziehungen sind der grösste Schutz vor Einsamkeit. Allerdings: Soziale Kontakte müssen gepflegt werden – schon sehr viel früher und nicht erst dann, wenn man sie braucht.

Gibt es nicht auch Menschen, die sehr gerne allein sind?

Allein sein oder einsam sein sind zwei völlig unterschiedliche Gefühlsebenen. Einsam sein ist mit Leiden verbunden, das Alleinsein kann man schätzen lernen: dass man Zeit für sich selber hat und sie gestalten kann, wie man will. Viele Menschen sind gerne allein. Seniorinnen und Senioren, die sich auf ihre inneren Ressourcen besinnen, über ihr Leben nachdenken, vielleicht sein Ende reflektieren können, erleben Zeiten des Alleinseins als Bereicherung und Stärke. 

Hilde Schäffler, Dr. phil.,

studierte in Wien Sozialanthropologie und kam 2007 als Gastwissenschaftlerin an die Universität Bern. Seit 2012 engagiert sie sich für die öffentliche Gesundheit, vorwiegend im Bereich psychische Gesundheit. Sie ist Projektleiterin bei Public Health Services GmbH, einer Organisation mit Schwerpunkt Prävention und Gesundheitsförderung. Im Auftrag der Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz entwickelte die 45-jährige Vorarlbergerin Vorgehensweisen und Massnahmen gegen Einsamkeit im Alter. Ihr «Planungsleitfaden zur Förderung der sozialen Teilhabe im Alter in Gemeinden» ist unter www.gesundheitsfoerderung.ch zu finden.


Adresse: Public Health Services GmbH, Sulgeneckstrasse 35, 3007 Bern,  Telefon 031 331 21 22, Mail info@public-health-services.ch, www.public-health-services.ch