Olympisch – ein Leben lang

Am 4. Februar beginnen in Peking die 24. Olympischen Winterspiele. Wir blicken zurück: Sechs frühere Sportlerinnen und Athleten erzählen von ihren Erlebnissen, Enttäuschungen und Triumphen anno 1960, 1964, 1968 und 1972.

Texte von Fabian Rottmeier
Bild Olympische Ringe: © 2022 – IOC – All rights reserved


Eiskunstläufer Markus Germann in einem eleganten Sprung vor winterlicher Kulisse.
© Cyril Sturm / Foto Flury, Pontresina

Innsbruck als Kür

An den Spielen von 1964 stellte die Schweiz acht Eiskunstläuferinnen und -läufer. Ein Rekord – und ein Höhepunkt für Markus Germann.

Logo Olympische Ringe

«Meine Eltern blieben hart. Weil meine Schwester zum Eiskunstlaufen wollte, musste ich es ihr gleichtun. Vor dem ersten Training versuchte ich, die Kufen meiner Schlittschuhe zu zerschlagen. Ich schämte mich unter den vielen Mädchen. Aus Mangel an männlicher Konkurrenz gehörte ich jedoch schnell zu den Besten.Ich war ein guter Pflichtläufer, aber die Kür war nicht meine Stärke. Als ich 1964 mit 21 Jahren an die Olympischen Spiele von Innsbruck reisen durfte, hatte ich keine Chancen auf eine Medaille. Es war dennoch ein unvergessliches Erlebnis. Mehr konnte ich als Eiskunstläufer nicht erreichen, zumal ich Teil einer geschichtsträchtig grossen Schweizer Eiskunstlauf-Delegation war: Zu acht nahmen wir teil, vier Läufer und vier Läuferinnen. Das gab es bis heute nie mehr.

Portrait von Markus Germann

Mein Götti mietete ein Kleinflugzeug, damit auch meine Eltern und meine Schwester dabei sein konnten. Das Stadion war zwar voll, aber es konzentrierte sich alles auf die Besten. Wegen mir kam sonst niemand. Aufgeregt war ich natürlich trotzdem. Ich wurde 19., drei Ränge vor einem gewissen Ondrej Nepela. Der spätere tschechoslowakische Olympiasieger und mehrfache Weltmeister nahm 13-jährig teil! Das war damals noch erlaubt.

Die prägendste Erinnerung? Als ich sah, wie die Österreicher Skihelden von der Menge ins olympische Dorf getragen wurden. Es war eine Art Geburtsstunde des Starkults.Zwei Jahre später hörte ich als Läufer auf, konzentrierte mich auf mein Zahnarztstudium – und beschloss, Funktionär zu werden. Ich hatte als Athlet zu viele krumme Sachen gesehen. Einige Jahre durfte ich Denise Biellmann persönlich betreuen. Daneben trieb ich meine Preis- und Schiedsrichterkarriere voran, die mich schliesslich an zwei weitere Winterspiele bringen sollte: 1980 nach Lake Placid und 2010 nach Vancouver. Als Preisrichter war ich immer mindestens so nervös wie als Athlet, denn: Meine Noten vergaben Medaillen.»


Der Goldriese im Eiskanal

Das Team Schweiz 1 macht im Februar 1972 bei den Olympischen Winterspielen in Sapporo, Japan, den Bob startklar. Das Team, von rechts nach links, Jean Wicki, Edy Hubacher, Hans Leutenegger, Werner Camichel gewinnt Gold.
Olympiagold: Steuermann Jean Wicki fuhr zusammen mit Hans Leutenegger, Werner Camichel und Edy Hubacher (ohne Helm) auf den ersten Platz in Sapporo 1972. (© Keystone)

Edy Hubacher schaffte das Kunststück, sowohl an Sommer- als auch an Winterspielen teilzunehmen – und 1972 Gold und Bronze zu holen.

Logo Olympische Ringe

«Ich mag den Begriff Serendipity, also die Gabe, zufällig glückliche Entdeckungen zu machen. Er passt zu meiner Biografie. Mein unverhoffter Einstieg in den Bobsport ist das beste Beispiel dafür. Er begann damit, dass ich 1970 als Zehnkämpfer in Magglingen trainierte. Unweit von uns: die Bobteams. Ohne weitere Absicht versuchte ich mich an einem Bob mit Rädern als Anschieber – und unterbot die Bestzeit.

Weil ich zwar 2,03 Meter gross, aber nicht besonders mutig bin, brauchte es viel, bis mich Bobpilot Jean Wicki für einen Test überreden konnte. In der ersten Fahrt im Zweierbob schlug es mich im Schlitten wild hin und her. Mein Rücken war in der Folge voller Blutergüsse. Dass ich mich bloss in den Kurven hätte festhalten sollen, um Kraft zu sparen, verriet mir Jean erst, als ich ihm eröffnete, dies sei meine letzte Fahrt gewesen. Beim Stichwort «Sapporo 1972» hatte er mich dann doch im Sack. Der auch für seine riskante Fahrweise bekannte Walliser versprach meinem Trainer, künftig Stürze zu vermeiden, und mir eine Olympiamedaille. 

Portrait von Edy Hubacher

Meine Premiere im Viererbob wurde zum Desaster: im Horseshoe-Corner, der berüchtigten engen Kurve in St. Moritz, wurde ich wegen der starken Zentrifugalkraft bewusstlos und brach mir zwei Rippen. Unsere Olympia-Teilnahme in Sapporo wurde trotzdem zur Erfolgsgeschichte – auch dank Pepi Bader. Der deutsche Konkurrent sah, dass ich mit meinen Schuhen am Start rutschte, und schenkte mir eines seiner Paare. Einzige Bedingung: Ich soll die Adidasstreifen entfernen und die Geste für mich behalten, damit er keinen Ärger kriege. Mit griffigen Sohlen fuhren wir im Zweierbob zu Bronze. Eine Woche später lenkte Jean Wicki unseren Vierer mit Hausi Leutenegger und Werner Camichel zu Olympiagold.

So schön diese Erfolge auch waren, stolz darauf zu sein, blieb mir fremd. Wertvoller waren die Einblicke in weitere Sportarten und der Austausch unter den Athleten. Diese Erlebnisse begründeten meinen Kampf gegen Rassismus und mein Engagement für Special Olympics zugunsten von Menschen mit geistiger Beeinträchtigung.»

Edy Hubacher hat für uns drei Fotos aus seinem Archiv hervorgeholt. Sehen Sie sich hier seine Fotos an.


Ein 5. Platz mit Folgen

Die Schweizer Skifahrerin Liselotte «Lilo» Michel in Aktion
Lilo Michel im Olympia-Riesenslalom auf dem Weg zum 14. Platz. (© Keystone/Photopress-Archiv/Str)

Skifahrerin Lilo Michel kehrte zwar 1960 ohne Medaille aus Kalifornien zurück, dafür mit einem neuen Traumziel: San Francisco.

Logo Olympische Ringe

«Ich war 21 Jahre alt, flog das erste Mal nach Übersee – und ahnte noch nicht, dass diese USA-Reise mein Leben prägen sollte. Mit im Gepäck: ein Reiseglätteisen. Da mein Programm mit drei Skirennen dicht gedrängt war, kam dieses weit mehr im olympischen Dorf herum als ich. Auch Russinnen liehen es aus.

Bereits die Ankunft im kalifornischen Skiresort Squaw Valley war unvergesslich: Meterhoch türmte sich der Schnee am Strassenrand. Spärlich beleuchtet, sah die Landschaft magisch aus. Mein Vater war ein begnadeter Skifahrer und fuhr am Lauberhorn einst aufs Podest. Seit ich als Zehnjährige zu Hause in Mürren einen Film der Spiele von 1948 in St. Moritz gesehen hatte, waren diese Wettkämpfe mein Traum. Meine Vorfreude war gross – mit Ausnahme der Abfahrt, die ich zum Auftakt wegen einer verletzten Teamkollegin nur ungern bestritt. Ich hatte immer Lampenfieber vor den Rennen. Entweder es verging, sobald ich im Rennen war – oder es kam nicht gut. Da ich überraschend gut unterwegs und mir sicher war, dass ich nie wieder eine Olympiaabfahrt absolvieren würde, entschied ich mich im Zielschuss für die riskante Linie – und stürzte. 

Portrait von Lilo Michel

Das Ziel erreichte ich mit über 23 Sekunden Rückstand. Im Riesenslalom liefs etwas besser: Platz 14. Mit meinen 1,95 Meter langen Ski gelang mir dafür im abschliessenden Slalom ein schöner Erfolg. Nach dem ersten Lauf war ich lediglich 13. Im zweiten Durchgang schieden aber viele Fahrerinnen an einer heiklen Stelle aus. Weil die besser Klassierten damals noch zuerst starteten und zwei Schweizerinnen bereits ausgeschieden waren, wollte ich auf keinen Fall der dritte Ausfall sein. Das ist mir mehr als geglückt. Ich wurde als beste Schweizerin Fünfte und habe mich riesig darüber gefreut.

Vor dem Rückflug genoss mein Team einen kurzen Aufenthalt in San Francisco. Die Stadt zog mich derart in den Bann, dass ich beschloss, dahin auszuwandern. Nach abgeschlossener Ausbildung setzte ich den Plan um. Ab 1962 lebte ich sechs Jahre dort und arbeite als Spitallaborantin. Squaw Valley besuchte ich im Winter fast jedes Wochenende – trotz sechsstündiger Anfahrt. Manchmal gab ich sogar, wenn auch etwas widerwillig, Skilektionen. Der Liebe wegen kehrte ich 1968 in die Schweiz zurück. Ich hatte mich in San Francisco verliebt – in einen Berner!»

Lilo Michel hat für uns ihr Fotoalbum geöffnet. Sehen Sie sich hier ihre alten, schönen Skifotos an.


Geteilte (und getrübte) Freude

Die Berner Schwestern Therese und Heidi Obrecht nahmen 1964 als Skifahrerinnen in Innsbruck teil – mit unterschiedlichen Vorzeichen.

Logo Olympische Ringe

Therese Obrecht (T): Obwohl die Teilnahme 1964 ein grosser sportlicher Erfolg bedeutete, verbinde ich mit Innsbruck leider nicht viel Gutes. Ich war mit einer Infektion am Knöchel angereist – die Folge einer Strahlentherapie zur Behandlung einer Bänderverletzung. Zudem reagierte mein Körper auf das verabreichte Penicillin allergisch. Der Arzt im Olympiadorf meinte, so könne ich nicht Ski fahren. Aber intern hiess es, ich müsse starten. Für die Schweiz. Mit einbandagiertem Knöchel legte ich einen schlechten Slalom hin und wurde 25. Als dann einer monierte, ich sei gefahren wie eine Oma, wollte ich abreisen. Ich bereue es bis heute, dass ich auch die Abfahrt und den Riesenslalom absolviert habe.
Heidi Sulser-Obrecht (H): Ich erinnere mich, wie früh du starten musstest, und war erstaunt, wie viel Zeit du im Ziel verloren hattest.

Aktuelles Portrait von Therese Obrecht
Therese Obrecht

T: Es hatte viel Neuschnee auf der Piste, als ich mit der Nummer 3 startete.
H: Österreich und Frankreich hatten im Gegensatz zu uns bereits Funkgeräte am Start und im Ziel. Als die erste Österreicherin ihren Lauf beendet hatte, begannen ihre Kolleginnen am Start plötzlich, ihre Ski neu zu wachsen. Wir blieben im Ungewissen. Auch ich verlor mit der Nummer 31 viel Zeit.
T: Es war das einzige Abfahrtsrennen, in dem ich als 19. sogar von einer Britin geschlagen wurde.
H: Am Ende gingen alle drei Medaillen an Österreich. Ich wurde in der Abfahrt (als beste Schweizerin, Anm. d. Red.) 17., im Slalom 14. Das war zwar enttäuschend, entsprach aber meinen Saisonleistungen. Aber an Grossanlässen erträumt man sich halt mehr.
T: Im Vergleich zu den grossen Nationen waren wir Amateurinnen. Die Schweizer Delegation reiste ohne Medaille nach Hause. Ein Debakel.

Portrait von Heidi Obrecht
Heidi Obrecht

H: Die Spiele waren dennoch ein Erlebnis – trotz der Resultate und der trostlosen Unterkunft. Wir hatten viel Kontakt mit anderen Teilnehmenden.
T: Wir waren in Neubauten untergebracht, die von Stacheldraht umzäunt waren. Ein trauriger Anblick. Zudem war 1964 ein schneearmer Winter. Auf unserer zweistündigen Anreise zu den Pisten sahen wir täglich Armeelastwagen, die Schnee transportierten.
H: In Erinnerung blieben mir auch unsere Kleider. An der Eröffnungszeremonie liefen wir in weissen Hosen, braunen Mänteln und hohen Hüten ein. Es sah seltsam aus.
T: Wir fühlten uns wie Stewardessen der russischen Aeroflot. Verständlicherweise wollte am Ende der Spiele niemand mit uns die Kleider tauschen.

Die beiden Schwestern haben für uns alte Fotos aufgestöbert. Sehen Sie sich hier ihre nostalgischen Skifotos an.


Fahnenträger mit Ruhepuls 32

Langläufer und Skispringer Alois «Wisel» Kälin gewann 1968 in Grenoble sensationell die Silbermedaille in der Nordischen Kombination.

Alois Kälin bei seiner Rückkehr von den Olympischen Winterspielen in Grenoble in Zürich. Er wird durch eine Menschenmenge getragen.
Am Zürcher Hauptbahnhof bereiteten 10000 Menschen Alois Kälin einen begeisterten Empfang. (© Keystone/Str)
Logo Olympische Ringe

«Die Spiele von Grenoble begannen denkwürdig: An der Eröffnungsfeier durfte ich als Schweizer Fahnenträger einlaufen. Eine grosse Ehre. Vier Tage später ging es für mich auch sportlich los – mit der Nordischen Kombination: Nach einer dürftigen Leistung beim Skispringen – mir gelangen wie gewohnt nur in den Trainings gute Sprünge – hatte ich es meiner tollen Langlaufform zu verdanken, dass ich mir tatsächlich noch Silber sichern konnte.

Portrait von Alois Kälin

Ich gewann als erster Schweizer überhaupt in dieser Disziplin eine Medaille. Entsprechend wurde ich gefeiert. Bei der Rückkehr unserer Delegation empfingen uns 10 000 Menschen am Zürcher Hauptbahnhof. Weiter nach Einsiedeln gings gar per Extrazug. Verrückt!

Als Olympia-Vorbereitung bin ich im Herbst in Gummistiefeln um den Mythen gerannt. Das habe ich den Norwegern abgeschaut. Ich habe hart trainiert. Zu hart, wie sich beim zweiten Olympia-Einsatz in der Langlaufstaffel herausstellte. Ich war der Langsamste aus unserem Quartett. Ein Tiefpunkt. Ich zog meine Lehren daraus, und vier Jahre später holten wir in Sapporo in der Staffel sensationell Bronze. Einige meiner 2,10-Meter-Latten bewahre ich bis heute im Keller auf.

Damals hatte ich einen Ruhepuls von 32. Heute liegt er bei 50. Ausdauersport ist auch eine Art ‹Krankheit›. Selbst mit 82 Jahren laufe ich noch immer Gefahr, mich beim Wandern zu übernehmen. Deshalb lasse ich mich gerne von einer jüngeren Begleitung etwas bremsen.»


Beitrag vom 17.01.2022

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.