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Wintergast im Seidengefieder

Ein seidig weiches, glänzendes Gefieder zeichnet den Seidenschwanz aus. Der hübsche Vogel brütet im Norden und fliegt in manchen Jahren, wenn die Nahrung knapp wird, scharenweise zum Überwintern in Mitteleuropa ein.

Text: Esther Wullschleger Schättin

Ihre Heimat soll «das ferne Böhmen» gewesen sein, wurde früher überliefert, und so sind sie auch als «Böhmervögelchen» bekannt. Im englischen Sprachgebrauch hat sich dies gehalten, und noch heute heisst der Vogel mit seinem seidig weichen, in Beigetönen gehaltenen Gefieder «Bohemian Waxwing», frei übersetzt «Böhmischer Wachsflügel».

Dabei nehmen die Engländer Bezug auf die wachsartig glänzenden roten Hornplättchen, welche die Federspitzen der Armschwingen am Flügel schmücken. Diese scheinen eine soziale Bedeutung zu haben und sind bei älteren Individuen ausgeprägter, wobei die roten Pigmente aus der Nahrung der Tiere stammen. Die Geschlechter sind sich sehr ähnlich und beide tragen eine markante Federhaube, an der diese Vögel gut zu erkennen sind.

Seltener Wintergast

Feine, glockenartig trillernde «Sirrr»-Rufe verraten die Anwesenheit des etwa starengrossen Wintergastes, der auf der Suche nach Nahrung im Winter weit umherstreift und nur unregelmässig so weit südwestlich gelangt, dass er hierzulande erscheint. In früheren Jahrhunderten sorgten diese Vögel für Angst und Schrecken, wenn sie in manchen Wintern unversehens in riesigen Schwärmen auftauchten. Sie wurden als unheilvolles Zeichen gesehen, und man fürchtete, dass sie Krieg, Pest und Tod ankündigen würden.

Im Sommerhalbjahr brütet der Seidenschwanz in den Wäldern der nördlichen Taiga von Norwegen über Russland bis nach Kanada, wobei er relativ offene, lockere Wälder bevorzugt.

Der attraktive Vogel ist auf Beerennahrung angewiesen, verzehrt aber auch zahlreiche Insekten, wenn diese in der wärmeren Jahreszeit genügend vorhanden sind. Oft werden die Kerbtiere im Flug erhascht, etwa wenn sie massenhaft aus Gewässern aufsteigen. Insekten werden als wichtige Nestlingsnahrung reichlich an die Jungvögel verfüttert, die relativ spät im Jahr in einem napfförmigen Nest aus feinem Material wie Gras, Tierhaaren und Moos heranwachsen.

Gemeinsame Futtersuche

Im Winter ziehen die geselligen Seidenschwänze auf der Suche nach Nahrung nomadisch umher. In grösseren Verbänden fällt es den Vögeln leichter, die weit verstreut vorkommenden Nahrungsquellen zu finden. Dabei sind sie nicht besonders scheu und finden sich auch in Parks oder Gartenanlagen des Siedlungsraums ein, wo Gehölze mit winterlichen Wildfrüchten vorkommen. Beliebt sind auch Waldrandgebiete, wo fruchttragende Bäume und Sträucher häufig sind. Oft sammeln sich die Vögel an einer übersichtlichen Stelle, etwa auf einem hohen Baum, von wo sie eine Nahrungsstelle im Überblick haben. In einem günstigen Moment fliegt dann der ganze Schwarm zum anvisierten Beerenstrauch. Erstaunlich schnell und geschickt picken die Vögel die einzelnen Beeren ab, um sie eine, nach der anderen ganz zu verschlucken.

Winterfrüchte wie Hagebutten oder die Beeren von Ebereschen, Wacholder, Liguster, Weissdorn werden in grossen Mengen verzehrt, ebenso die Beeren des Schneeballs, welche von anderen Vogelarten meist gemieden werden und deshalb lange am Strauch bleiben, und die weissen Beeren der Misteln, die als halbparasitische Pflanzen in Baumkronen wachsen. Auch frostweiches Obst nimmt der nicht sonderlich wählerische Seidenschwanz als Winternahrung an.

Der Seidenschwanz ist ein Früchtespezialist und weist eine ausserordentlich grosse Leber auf, die es ermöglicht, schädlich wirkende Substanzen aus der Nahrung besonders schnell und effizient abzubauen. So können diese Vögel erhebliche Mengen angegorener Beeren verzehren, welche nicht mehr ganz frisch am winterlichen Gehölz hängen.

Der Fruchtzucker der Beeren vergärt im Lauf der Zeit zu Alkohol, wenn Hefen in die Wildfrüchte gelangt sind. Die Konzentration steigt gegen den späteren Winter hin an, bleibt aber normalerweise sehr gering, sodass dies für die Vögel keine merklichen Beeinträchtigungen mit sich bringt.

Gesellig und kommunikativ

Die Seidenschwänze sind eine etwas aussergewöhnliche Vogelgattung unter den Singvögeln. Sie tragen keinen weitreichenden, akustisch komplexen Gesang vor, mit dem typische Singvögel wie die Amseln Partner anlocken oder Rivalen vom Territorium abhalten. Sie sind sehr gesellig und kommunizieren untereinander mit verschiedenen Rufen, welche unterschiedliche Bedeutungen haben.

Weltweit gibt es drei Arten von Seidenschwänzen, die alle im hohen möglichst in eine Wildvogelstation gebracht, Norden brüten, wobei unser in Europa bekannter «Böhmischer» Seidenschwanz die weiteste Verbreitung aufweist. In Nordamerika lebt zudem der etwas kleinere Zedernseidenschwanz mit einem gelben Bauch, und in Japan kennt man den Blutseidenschwanz als Wintergast, der im nordöstlichen Asien brütet. ❋

Alkohol in Wildfrüchten sorgt für beschwipsten Flug

Sehr vereinzelt wurde von Seidenschwänzen und anderen Vögeln berichtet, die nach dem Konsum von angegorenen Beeren nicht mehr ganz flugtüchtig waren. Im Extremfall verunglückten sie scharenweise, prallten im Flug gegen Hindernisse wie Autos. Ähnliche Vorkommnisse wurden aus Australien bekannt, wo Loris, kleine Papageien, allzu stark vergorenen Blütennektar aufgenommen hatten. Für die im Rausch unbeholfenen Vögel sind solche Zwischenfälle sehr gefährlich, auch Beutegreifern fallen sie leicht zum Opfer. Betroffene Tiere werden wo sie sich gut geschützt erholen können.