Der Edelkrebs ist der einheimische Verwandte des berühmten Hummers. © Rémi Masson / Biosphoto

Ritter in Bach und Teich

Flusskrebse sind grosse und doch sehr unauffällige Bewohner verschiedener Gewässer. Sie sind gefährdet durch eingeführte exotische Krebsarten und durch den Verlust von sauberen, naturnah strukturierten Wasserlebensräumen. 

Text: Esther Wullschleger Schättin

Es sind stattliche Tiere und doch werden sie kaum je von jemandem gesehen. Die einheimischen Edelkrebse, die grössten Flusskrebse des Landes, können über 15 Zentimeter lang werden und ähneln in ihrer Gestalt mit den mächtigen Scheren dem Hummer.

Tatsächlich sind Flusskrebse mit diesem Bewohner des Meeresbodens, der so oft für Gourmetzwecke gefangen wird, recht nahe verwandt. Ähnlich wie dieser leben sie sehr heimlich und bleiben tagsüber in ihren Verstecken im Gewässer, unter Steinen, Wurzelstöcken oder in einer selbst gegrabenen Wohnhöhle, um vor allem nachts auf Nahrungssuche zu gehen.

Flusskrebse sind flexible Allesfresser und erbeuten zu einem guten Teil Kleintiere wie Schnecken, Muscheln, Würmer oder Insektenlarven. Sie nehmen aber auch Aas auf, das im Wasser liegt, oder Wasserpflanzen. Manchmal zerstückeln sie mit ihren Mundwerkzeugen auch Laub und sogar modriges Holz, um es portionenweise zu verzehren. Dadurch, dass sie vermodernde Reste von Tieren und Pflanzen aufnehmen, sorgen die Krebse wie eine «Gesundheitspolizei» für mehr Sauberkeit im Gewässer.

Da Flusskrebse stetig wachsen, müssen sie ihren harten Panzer von Zeit zu Zeit häuten. Ganz frisch gehäutete Krebse kennt man als «Butterkrebse», denn die unter dem abgestreiften Panzer zum Vorschein kommende Haut ist noch weich und hell, bevor sie zu einem leicht grösseren, dem Wachstum des Tieres entsprechenden Panzer aushärtet. In dem weichen Zustand sind die «gepanzerten Ritter» wehrlos gegenüber Beutegreifern wie auch kannibalischen Artgenossen, und können sich kaum bewegen. Sie verbergen sich deshalb zur Häutung möglichst im Pflanzengestrüpp, in Nischen oder anderen Verstecken. Auf die Nahrungsaufnahme müssen die «Butterkrebse» eine Zeitlang verzichten, bis die ebenfalls gehäuteten, noch weichen Mundwerkzeuge ausgehärtet sind. 

Im Herbst, wenn es kühl wird, paaren sich die einzelgängerischen Edelkrebse. Während der anschliessenden langen Zeit der Brutpflege muss das Weibchen den heiklen Häutungsvorgang vermeiden. Sonst würde es die rund 200 Eier, die es an der Unterseite des Schwanzes angeheftet hat und monatelang mit sich herumträgt, mit dem abgestossenen Panzer verlieren. Es wächst daher während der Brutpflege kaum und bleibt allgemein kleiner als gleichaltrige Männchen. 

Flohkrebse, Krabben, Asseln

Krebstiere kommen in einer enormen Arten- und Formenvielfalt vor. Die grosse Mehrheit sind Meeresbewohner und besiedeln von der Tiefsee bis zur Küste, wo die als «Seitengänger» erstaunlich flinken Krabben auffallen, alle möglichen Nischen. Millimeterkleine Krebschen wie Wasserflöhe und Hüpferlinge sind eine bekannte Erscheinung in Teichen und Seen der Welt. Manche Flohkrebse kommen als blinde, pigmentlose Tiere in unterirdischen Höhlenwassern vor. Salzkrebschen sind Überlebenskünstler, deren Eier jahrelange Austrocknung überdauern, während landlebende Asseln als wichtige Bodenaufbereiter in der Streuschicht des Bodens Nahrung finden.

Die Jungkrebschen entwickeln sich schon im Ei zu einem fast fertigen Krebs, während andere Krebstiere meist spezielle Larvenstadien durchlaufen. Nach dem Schlüpfen im Juni bleiben die noch mit Dotter in ihrem Vorderkörper versorgten Krebschen einige Tage bei der Mutter und halten sich mit den kleinen Scheren an ihr fest, bevor sie dann eigene Wege gehen. Erst mit etwa drei Jahren werden junge Edelkrebse geschlechtsreif. Sie sind langlebige Tiere und können bis etwa 20 Jahre alt werden. 

Der Edelkrebs war im Mittelalter als klösterliche Fastenspeise geschätzt und blieb weiterhin äusserst beliebt als Speisetier. Heute ist er aus vielen Gewässern verschwunden und sehr gefährdet, wenn auch nicht ganz so stark wie die beiden anderen, kleineren einheimischen Flusskrebse, der Dohlenkrebs und der in der nordöstlichen Schweiz vorkommende Steinkrebs. 

Einerseits setzt den Flusskrebsen in heutiger Zeit der Verlust natürlicher, sauberer Wasserlebensräume zu. Sie sind auf sauerstoffreiche Gewässer mit guter Wasserqualität angewiesen wie Teiche oder Seen, Bäche oder langsam fliessende Flüsse, die reichlich Versteckstrukturen wie unterspülte Wurzelstöcke anbieten. Zudem müssen die einheimischen Krebse vor den Vorkommen ausgewilderter exotischer Krebsarten, die eine gefährliche Krankheit übertragen, abgeschirmt und geschützt werden. 

Als die Bestände der Flusskrebse allmählich schwanden, hatte man im späteren 19. Jahrhundert damit begonnen, amerikanische Flusskrebse in europäische Gewässer einzuführen. Das erwies sich als verheerend, denn die Krebse aus Nordamerika brachten mit der Krebspest einen Krankheitserreger mit, der die Bestände der einheimischen Arten zusammenbrechen liess. Während die amerikanischen Krebse resistent gegen den Pilz sind und diesen latent in sich tragen können, ohne zu erkranken, sterben die europäischen Flusskrebse massenweise durch den Krankheitserreger. Die exotischen Krebse gefährden die europäischen zudem durch ihre Konkurrenz. Arten wie der amerikanische Kamberkrebs können sich durch ihre hohe Nachkommenszahl viel rascher fortpflanzen als die heimischen Flusskrebse. ❋

Mehr Infos: www.flusskrebse.ch