Fink mit Pfiff

Der farbenprächtige Gimpel ist einer der schönsten Vögel in den winterlichen Wäldern, wo man ihn gelegentlich in kleinen Trupps antrifft. Manche Gimpel mit sonderbarem Ruf sind jedoch Wintergäste aus dem Norden.

Dichter Nebel umhüllt die Bergkuppe an einem Wintermorgen. Man sieht die eigene Hand kaum vor Augen. Doch aufgeregte helle Rufe verraten plötzlich einen kleinen Vogelschwarm, der sich unsichtbar nähert, sich einmal gegen links und dann wieder gegen rechts bewegt. Den feinen Rufen nach zu schliessen, sind es Gimpel, die etwas nervös vorbeiziehen und mit ihren Rufen im undurchdringlich scheinenden Nebel den Kontakt zueinander halten. Nach wenigen Sekunden ist alles wieder ruhig, die Laute der Vögel, die sich in der Ferne verloren haben, sind nicht mehr zu hören.

Rundliche Gestalt

Eine solche Begegnung im Nebel ist vielleicht ungewöhnlich, doch sind kleine Trupps von Gimpeln nicht selten im winterlichen Wald zu sehen. Die hübschen Vögel mit ihrer rundlichen Gestalt und dem kurzen, kräftigen Schnabel bleiben während der kalten Jahreszeit im Land und tun sich oft zur Nahrungssuche zu kleinen Verbänden zusammen.

Wie andere Finkenvögel verzehren Gimpel fast ausschliesslich Pflanzennahrung, und solche ist auch im Winter vorhanden. Hauptsächlich im Frühling fressen sie Knospen und Triebe, die sie mit dem kurzen, scharfrandigen Schnabel abtrennen. Im Sommer bis Herbst klauben sie Samen aus der Krautflora oder von Bäumen. Im Winter stehen vor allem Baumsamen oder auch Beeren auf dem Speisezettel. Das Innere des Oberschnabels bildet eine breite Platte, die die Gimpel einsetzen, um Beeren auszupressen und an deren Kerne zu gelangen. Das Fruchtfleisch «interessiert» sie dabei offenbar nicht, denn dieses lassen sie fallen und verzehren die Kerne.

Gelegentlich finden sich Gimpel als Gäste an Futterhäuschen ein, wenn auch seltener als die geläufigsten Vogelarten des Siedlungsraumes. Sie besiedeln unterholzreiche Nadel und Mischwälder, suchen aber auch zunehmend Parks und naturnahe Gartenanlagen auf, wo diese in einiger Waldnähe gelegen sind. Im Kulturland brauchen Gimpel jedoch hohe und dichte Hecken oder anderes Gestrüpp, um möglichst gut versteckte Stellen für ihr napfförmiges Nest zu finden. Fast noch mehr als andere Vögel verhalten sie sich zur Brutzeit extrem scheu und vorsichtig und sollten dann auch nicht gestört werden.

Vor allem das Gimpel-Männchen ist ein ausserordentlich attraktiver Vogel. Sein blaugrauer Rücken kontrastiert mit dem rötlichen Bauch und dem glänzend schwarzen Oberkopf. Dem Weibchen fehlt die rötliche Gefiederfarbe. Es weist einen hell braungrauen Bauch auf. Wie das Männchen trägt es aber eine schwarze Kopfplatte, nur bei den jungen Gimpeln fehlt diese noch. Die Kopfzeichnung hat den Vögeln auch den Namen Dompfaff eingebracht – wie die Mönchsgrasmücke mit ihrer schwarzen Kappe erinnerten sie damit offenbar an die Kopfbedeckung von Geistlichen. Gimpel wiederum heissen sie wegen ihrer ungelenk hüpfenden Fortbewegung am Boden. Der Name, zuerst als «Gümpel» überliefert, geht auf das Wort «gumpen» als mundartlicher Ausdruck für hüpfen zurück. 

Während die einheimischen Gimpel den Winter hierzulande verbringen können, ziehen Gimpel aus dem Norden zum Überwintern südwärts und suchen auch die Schweiz auf. So wird die Gimpelpopulation durch die Wintergäste zeitweilig ergänzt. Im Herbst und Winter 2004/2005 geschah ein besonders starker Zuzug von nordischen Gimpeln, die in verschiedenen europäischen Ländern zahlreich einfielen und für einiges Aufsehen unter den Ornithologen sorgten.

Aussergewöhnlicher Besuch

Diese Vögel fielen Vogelkundlern durch ihre ungewöhnlichen, etwas nasalen Rufe auf, die man von den heimischen Gimpeln nicht kannte. Sie klangen zwar auch fein, erinnerten aber an einen trompetenden Laut, und so bürgerte sich der Name «Trompetergimpel» für diese Wintergäste ein. Sie stammen aus dem Nordosten Europas bis Russland. Natürlich sind massenhafte Einflüge von nordischen Vögeln eher ein Ausnahmeereignis. Doch vereinzelte Gimpel mit trompetendem Ruf werden von Vogelbeobachtern seither alljährlich gemeldet.

Die Rufe des einheimischen Gimpels klingen wie ein feines, melancholisches «djü». Vor allem die Männchen tragen zudem einen leise zwitschernden Gesang mit knirschenden und flötenden Tönen vor. Sie sind als hervorragende Sangeskünstler bekannt, die verhältnismässig schnell neue Lautfolgen lernen. In früheren Zeiten brachte man jungen, aus ihren Nestern geholten Gimpeln pfeifend Volkslieder bei, die sie mit erstaunlichem Geschick nachzupfeifen lernten, und verkaufte die Tiere dann entsprechend teuer.

Esther Wullschleger Schättin