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Einwanderer auf vier Pfoten

In den letzten Jahren wurden in der Schweiz verschiedentlich Goldschakale gesehen und fotografiert. Die kleinen Wildhunde stammen aus dem Südosten und dehnen ihr Vorkommensgebiet in Richtung Mitteleuropa aus. 

Text: Esther Wullschleger Schättin

Der erste Goldschakal, der in der Schweiz nachgewiesen wurde, tappte 2011 in eine Fotofalle, die für ein Luchsmonitoring aufgestellt wurde. Auch im Bayerischen Wald sorgten von Wildkameras aufgenommene Bilder des «kleinen Bruders des Wolfes», den man in der heimischen Natur nicht vermutet hätte, für Aufsehen. Mittlerweile haben sich alljährlich weitere Nachweise ergeben. Vom Tessin bis in die Waadt, aus dem Bündner Oberland und dem Kanton Schwyz sind Goldschakale gemeldet worden. Doch die Schakale können sehr weite Strecken zurücklegen, sodass man davon ausgeht, dass sich derzeit nicht viele Individuen des sehr heimlich lebenden, dämmerungs- und nachtaktiven Tieres in der Schweiz aufhalten.

Goldschakale sind kleine Wildhunde, die ganz ähnlich leben wie der Koyote in Nordamerika, der sich dort in moderner Zeit ebenfalls erstaunlich stark auszubreiten vermochte. Auch sie sind anpassungsfähig, in der Grösse zwischen Fuchs und Wolf und mit Letzterem nah verwandt. Abgesehen von der Grösse ähneln sie frappant den Wölfen. Das Männchen des Goldschakals ist etwas grösser als das Weibchen, aber mit einer Schulterhöhe bis 50 Zentimeter immer noch deutlich kleiner als ein Wolf. Mit dem kurzbeinigen Fuchs ist der Schakal weniger leicht zu verwechseln. Er trägt einen buschigen Schwanz, der im Verhältnis deutlich kürzer ist als beim Fuchs und meist eine schwarze Spitze aufweist. Der Kopf des mehrheitlich goldbraunen Schakals wirkt zierlicher als jener des Wolfes. Typisch für den Goldschakal sind ein weisser Kehlfleck und ein ausgeprägtes helles Querband über der Brust. Auf der Rückenseite trägt er eine dunkel abgesetzte Schabrackenzeichnung, die aber nicht so deutlich ist wie beim Schabrackenschakal, den man als vorwitzigen Aasverzehrer in der ostafrikanischen Savannenlandschaft kennt. Längere schwarze Grannenhaare bilden diese dunkle Zeichnung.  

Geschickte Mäusejäger 

Das heutige Verbreitungsgebiet der Goldschakale ist schon riesig – es erstreckt sich von der Balkanregion über den Nahen Osten, Indien und Bangladesch bis auf das kontinentale Südostasien. Dabei kommen sie in verschiedenen Unterarten vor, die sich in manchen Details voneinander unterscheiden. Die europäischen Goldschakale sind offenbar seit einiger Zeit im Vormarsch und breiten sich mehr und mehr west- und nordwärts aus. Nach Frankreich, in die Niederlande und sogar bis nach Estland sind die eigentlich südländischen Schakale gelangt. Neben umherstreifenden jungen Abwanderern gibt es mancherorts bereits Schakalfamilien, die ein Territorium besetzen. In Österreich waren 2007 am Neusiedler See im Grenzgebiet zu Ungarn erstmals drei Jungtiere beobachtet und fotografiert worden. Weitere Familiengruppen leben ebenfalls nicht sehr weit weg im nordostitalienischen Friaul-Venetien, nahe der Stadt Udine. 

Zwei Goldschakale in der Dämmerung, beide haben den Blick nach rechts gerichtet.
Die nachtaktiven Goldschakale bekommt man selten zu Gesicht. © Andres M. Dominguez/ naturepl.com

Die Paare bleiben meist ihr Leben lang zusammen und bilden Familiengruppen mit den Jungen, bis diese auf der Suche nach einem Partner abwandern. Auch dem Territorium, das möglichst deckungsreiche Strukturen wie Gestrüpp aufweist, bleiben die Schakale normalerweise treu und verteidigen es gegenüber anderen Schakalgruppen. Wie der Wolf markieren sie dabei ihre Präsenz manchmal durch gemeinsames Heulen im Chor. Es ist ein ebenso faszinierender wie unheimlicher Klang, doch das Schakalheulen klingt ein wenig höher und schneller als jenes der Wölfe und fällt in der Tonhöhe zum Ende hin ab.

Nahrung aus dem Müll

Die Goldschakale sind geschickte Jäger von Kleinsäugern wie Ratten und Mäusen. Wie der Fuchs beherrschen sie den «Mäusesprung». Hasen, Vögel, Eidechsen, Schlangen oder Amphibien werden ebenfalls erjagt, oder die Schakale stöbern nach Aas, Insekten und pflanzlicher Nahrung wie Beeren. Das vielseitige Nahrungsspektrum ähnelt jenem des Fuchses, den der Schakal in dieser Hinsicht wohl konkurrenziert. Kleine Huftiere werden eher auf gemeinsamer Jagd in der Gruppe überwältigt. Vor allem in Regionen, wo Müll und Schlachtabfälle offen deponiert werden, finden die Schakale reichlich Nahrung und bilden oft besonders grosse Bestände.

Der Goldschakal profitiert offenbar von der Klimaerwärmung, vom weitgehenden Fehlen des stärkeren Wolfes und von der durch weiträumige Entwaldung veränderten Landschaft Mitteleuropas. So dehnt er sein Verbreitungsgebiet aus und stösst allmählich in benachbarte Gebiete vor – eine dynamische, aber natürliche Entwicklung. Ganz anders ist es, wenn exotische Tiere wie der Waschbär vom Menschen in ferne Gebiete und sogar auf andere Kontinente verschleppt werden. Durch Menschen von weither eingebrachte «Exoten» können sich invasiv ausbreiten und zu einer grossen Gefahr für heimische Arten werden. ❋

Hund-Schakal-Mischlinge

Wie die Wölfe sind Hunde nah verwandt mit dem Goldschakal und können sich mit ihm kreuz

en. Wölfe würden die kleineren Schakale eher vertreiben, doch Mischlinge zwischen Hunden und Schakalen sind schon in der Natur aufgetaucht, etwa in Kroatien und in Indien, wo sehr viele verwilderte Haushunde leben. Solche Kreuzungen sind nicht gern gesehen, da sie die Vorkommen des Wildtieres gefährden können. Einige Berühmtheit haben Schakal-Hund-Mischlinge erlangt, die der Russe Kim Sulimov seit 1975 gezüchtet hatte. Die daraus hervorgegangenen Sulimov-Hunde haben dank des Schakalvorfahrs einen äusserst feinen Geruchssinn und werden in Russland als Spürhunde eingesetzt.