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Feuerwerk der Farben

Werden die Tage grau, strahlen sie um die Wette: Chrysanthemen werden seit über 5000 Jahren in den Gärten kultiviert. Und doch verkennen sie viele Pflanzenfreunde

Text: Roland Grüter

Bald schon schlummert die Natur ihrem Winterschlaf entgegen. Die Baumkronen lichten sich, Anemonen und Fetthennen erstarren unter dem ersten Frost. Für die meisten Pflanzen fällt nun der Vorhang. Damit naht das Solo jener Pflanzengattung, die das Gartenjahr mit einem unvergleichlichen Feuerwerk beendet: Chrysanthemen zeigen bis zum Wintereinbruch eine unvergleichliche Blütenfülle. Sie stimmen ihren farbigen Fanfarenstoss an, ohne grosse Ansprüche an die Gartenkunst zu stellen. Einfach eintopfen, hinstellen und staunen – so einfach sind die Korbblütlerinnen zu halten (siehe Box).

Beeindruckende Vielfalt

Dass die Pracht auf den Menschen zurückgeht, ist unübersehbar. Viele Sorten sind kugelig und mit Hunderten von Knospen oder Blüten besetzt. Sie strahlen in Gelb, Bronze, Bordeaux oder kräftigem Pink. Manche Blüten sind gross und mächtig, andere mini-klein. Die Vielfalt an Formen und Farben ist beeindruckend. Mittlerweile sind über 40 Arten und über 5000 verschiedene Sorten bekannt.

Besonders beliebt scheinen jene Pummelchen, die im Handel an jeder Ecke zu finden sind. Trotz der Fülle kosten sie erstaunlich wenig Geld. Leider schmälert das auch die Wertschätzung der Korbblütlerinnen. Die meisten landen im Abfall, kaum sind ihre letzten Blüten verwelkt. Dabei wären viele Sorten winterhart – und könnten ihren Besitzerinnen und Besitzern über Jahre hinweg Freude bereiten. Dazu zählen vor allem Garten-Chrysanthemen, die häufig als Winterastern oder als «Garden-Mums» angeboten werden. Sie ertragen Regen und Kälte meist schadlos – und zeichnen sich überdies durch eine länger anhaltende Blütezeit aus als kommune Topf-Chrysanthemen. Denn die Stauden öffnen nicht alle Blüten gleichzeitig, sondern in Schüben. Weshalb sie oft bis in den Dezember hinein ein Blickfang bleiben.

Garten mit Herbstchrysanthemen und rotem Spindelstrauch mit Schubkarre.
© Biosphoto/ Friedrich Strauss

Die billigen Topf-Sorten aber sind Sensibelchen. Sie blühen zwar wochenlang, doch kaum fällt das Thermometer unter -5 Grad Celsius, ist es um deren Schönheit geschehen. Denn Topf-Chrysanthemen werden meist in Glashäusern gezogen und sind mit den Launen der Natur wenig vertraut. Überdies müssen sie allerlei erdulden, damit sie rechtzeitig zur Blüte gelangen. Chrysanthemen sind sogenannte Kurztages-Pflanzen. Will heissen: Sie lassen sich erst dann Knospen wachsen, wenn die Tage kürzer und die Nächte länger und kühler werden. Findige Gärtner verdunkeln deshalb ihre Gewächshäuser mit schwarzer Folie und regen dadurch die Blütenbildung der Pflanzen an.

Die Chinesen waren die Ersten, die an der Königin des Herbstes Gefallen fanden. Dort gilt sie – nebst Bambus, Orchidee und Pflaume – zu jenen vier Pflanzen, die Glück und Wohlstand symbolisieren. In Japan gelten sie wiederum als Symbol der Unsterblichkeit und Vollkommenheit. Eine Chrysantheme mit 16 Blütenblättern prägt sogar das Siegel des japanischen Kaisers, weshalb der japanische Kaiserthron auch als «Chrysanthemen-Thron» bezeichnet wird. Die Faszination ist kein Zufall: Chrysanthemen stammen ursprünglich aus Ostasien und gelangten erst Ende des 18. Jahrhunderts nach Europa.

Die legendäre Nebelrose

Mitte des 19. Jahrhunderts begannen die Exotinnen auch hiesige Gärten zu erobern. Und sie spornten europäische Züchter sogleich an, neue Sorten zu erfinden. Dazu gehörte auch der deutsche Karl Foerster (1874–1970). Dieser hat die Gartenkultur Mitteleuropas über Jahrzehnte hinweg mitgeprägt und allerlei Sorten ertüftelt, die bis heute weltbekannt sind. Der Legende nach soll Karl Foerster im Spätherbst 1910 die Schweiz bereist haben. Als er im Zug durch das Land fuhr, entdeckte er in einem Bauerngarten eines entlegenen Bergtales einen leuchtend rosafarbenen Farbfleck, den er sogleich einer Chrysantheme zuschrieb. Karl Foerster zog kurzerhand die Notbremse, stieg aus und schwatzte der Besitzerin die Staude ab. Daraus züchtete er seine legendäre Nebelrose.

Sie trägt wunderschön geformte, gefüllte Blüten in apartem Silberrosa. «Sie ist wie ein altes Volkslied – und verströmt Poesie und Nostalgie», schrieb einst der Gartenpionier. Seine Nebelrose ist noch heute heiss begehrt.

Gut zu wissen

Die Pflege der Chrysanthemen ist relativ anspruchslos. Die Pflanzen sollten nach dem Kauf zwingend aus der Enge der Kunststoffbehälter befreit und in geräumigere Töpfe gepflanzt werden. Sie lieben (halb)sonnige und windgeschützte Lagen sowie nährstoffreiche und durchlässige Böden. Während der Blüte brauchen Chrysanthemen viel Flüssigkeit. Selbst an Regentagen sollte man die Pflanzen allenfalls giessen: Sie wachsen oft derart dicht, dass meist kaum Wasser an die Wurzeln kommt. Auf Dünger hingegen kann man in der ersten Saison verzichten.

Mehr Pflegetipps finden Sie auf zeitlupe.ch

Beitrag vom 11.10.2021

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