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Enkelhüten ist nicht selbstverständlich

Die Rolle der Grosseltern ist es nicht, den Alltag der Enkelinnen und Enkel zu managen. Sie sind vielmehr da, um Werte und Traditionen zu vermitteln, auch wenn die Erwartungen der Töchter und Söhne anders aussehen.

«Ich bin begeisterte Grossmutter und habe meine beiden Enkel stets gern gehütet. Nun ist Enkelkind Nummer drei unterwegs. Die werdende Mutter geht fest davon aus, dass ich auch diesmal einspringe. Doch mir wird alles zu viel. Ausserdem stört mich, wie selbstverständlich meine Töchter über meine Zeit verfügen. Wie kann ich dieses heikle Problem ansprechen? Ich möchte keinesfalls den Kontakt zu den Grosskindern verlieren.»

Enkelhüten gehört zur Freiwilligenarbeit. Mit zunehmendem Engagement kann man auch von freiwilliger Arbeit überfordert sein. Das geht uns allen so. Beim Enkelhüten kann dies aber besonders kompliziert werden. Um besser zu verstehen, warum, sollten wir uns erst einmal die archetypische Rollenverteilung von Grossmutter, Mutter und Kind genauer anschauen. Die Mutter ist ja gleichzeitig auch das Kind der Grossmutter. Als Kind erlebte sie ihre Mutter als omnipotent. Die Mutter wusste alles, konnte alles. Sie gab, und die Tochter hat genommen, ohne danke zu sagen. Denn darin besteht nun mal die Rolle des Kindes.

Wenn sich nun die Tochter überfordert fühlt, weil sie selbst Mama geworden ist, dann sagt ihr inneres Kind: Jetzt brauche ich meine Mutter. Genau wie früher soll sie mir auch jetzt helfen. Erinnern Sie sich: Als junge Frauen haben wir manchmal unsere Mütter angerufen, wenn wir krank waren, weil wir darauf hofften, sie würden uns pflegen. Denn die Erwartung, dass sie unsere Bedürfnisse erfüllen, verschwindet nicht einfach, wenn wir erwachsen sind. Sie steckt tief in uns drin.

Wenn Töchter und Söhne also ihre Eltern um Hilfe bitten, dann haben sie ein Problem, und sie möchten, dass jemand dieses Problem für sie löst. Oft sind sie sich nicht bewusst, dass die Kraft von Mutter und Vater abnimmt. Enkelhüten ist streng, allein schon wegen des Lärmpegels. Viele Grosseltern sind nach ein paar Stunden nudelfertig! Gleichzeitig haben sie oft Mühe, sich die eigenen Grenzen einzugestehen. Sie möchten ja ihrer Rolle als Mutter oder Vater gerecht werden und ihre Kinder unterstützen. Es gibt ihnen ein gutes Gefühl, gebraucht zu werden. Das macht es umso schwerer, sich einzugestehen, wenn man nicht mehr kann.

Besser wäre es, den Kindern rechtzeitig mitzuteilen, dass die eigene Kraft schwindet. Wenn man dabei den richtigen Tonfall trifft, muss das überhaupt nicht zu Konflikten führen. Vermeiden Sie Schuldzuweisungen wie: «Du erwartest immer von mir, dass …» oder: «Du merkst nicht einmal, was ich alles mache!» Sonst ist Ihre Tochter sofort in der Defensive. Sagen Sie stattdessen lieber in neutralem Tonfall: «Ich bin jetzt 75 und kann nicht mehr so viel leisten wie früher. Ich brauche auch mehr Zeit, um mich zu erholen. Können wir miteinander eine Lösung finden, wie ich euch weiterhin unterstützen kann, ohne mich selbst zu überfordern?» Es gibt nicht nur Schwarz und Weiss – also unterstützen oder nicht unterstützen – sondern auch einen grossen Graubereich, den es auszuloten gilt.

Ihre eigentliche Aufgabe als Grossmutter ist es nicht, den Alltag der Enkelinnen und Enkel zu managen. Dafür sind die Eltern zuständig. Sie sollten sich vielmehr fragen, was die Kleinen von Ihnen lernen können. Vermitteln Sie ihnen Werte und Traditionen. Verwöhnen Sie sie mit Zeit und Aufmerksamkeit. Zeigen Sie ihnen die Bedeutung von Ruhe und Langsamkeit auf. So können Sie als Grossmutter extrem prägend sein. 

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Weitere Anregungen zur gesellschaftlichen Rolle der Grossmutter finden Sie beim Netzwerk Grossmütter-Revolution, grossmuetter.ch, Telefon 061 361 46 46.

Beitrag vom 16.05.2022
Ursula Popp

ist Kursleiterin zu Altersfragen am Lassalle-Haus und aktiv bei der Grossmütter-Revolution. Website: ursulapopp.ch
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