Der letzte Milchmann

Frische Milch vor die Haustür: Hans Siegenthaler, der Vater von Erwin Siegenthaler aus Niederuzwil SG, war der letzte Milchmann mit Pferd und Wagen in Olten.

Der Arbeitstag meines Vaters begann bereits morgens um halb vier. Per Velo fuhr er zu den Stallungen der Verbandsmolkerei Olten, wo er sein Pferd fütterte, tränkte und vor den Wagen mit den Milchkannen spannte.

Auf seiner Tour durchs Fustlig- Quartier füllte er die Milch bei jedem Haus ins Kesseli, das die Kundschaft am Vorabend vor die Tür gestellt hatte. Im umgekehrten Deckel lag jeweils der abgezählte Betrag für die gewünschte Anzahl Liter. Hatte es in der Nacht geschneit, musste mein Vater das Geld mühsam unter der Schneeschicht her­vorklauben.

Milchmann Hans Siegenthaler mit Pferdewagen in Olten.
© zVg

Mit dem schwarzen Pferd, das auf dem Foto aus den 1930er-Jahren zu sehen ist, arbeitete er fast dreissig Jahre zusammen. Der Milchmann und sein «Choli» waren ein gutes Team. Als Mitte des Jahrhunderts die ersten Wohnblöcke im Quartier entstanden, musste mein Vater die Milchkannen jeweils ums ganze Haus schleppen, da die Eingänge auf der von der Strasse abgewandten Seite lagen. Unterdessen zog der Choli den Milchwagen völlig selbstständig weiter und wartete auf der anderen Seite des Blocks auf seinen Meister.

Weil er dadurch viel Zeit sparte, sträubte sich mein Vater vehement, sein Pferd gegen einen motorisierten Wagen einzutauschen. Was seine Kollegen in der Innenstadt als Erleich­terung empfanden, hätte für ihn Mehrarbeit bedeutet. So blieb er Oltens letzter Milchmann mit Pferd und wurde zum beliebten Fotosujet in der Stadt.

Erst 1965 traten mein Vater und sein Choli in den wohlverdienten Ruhestand. Der Zeitpunkt war ideal: Die Familien wurden kleiner, die Menschen tranken weniger Milch. Und diese konnte man unterdessen pasteurisiert und verpackt ganz praktisch im Laden kaufen.


Aufgezeichnet von Annegret Honegger
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Beitrag vom 16.01.2023

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