Das Nadelöhr von Baden

1942 erschien dieses Foto von Agathe Belser-Doppler aus Suhr AG und ihrem älteren Bruder in der Zeitung. An ihre Kindheit mitten in der Altstadt von Baden denkt sie immer wieder gern zurück.

Ein Geschwisterpaar läuft Hände haltend durch das Brugger Tor in der Altstadt von Baden.
© zVg

Mein Vater führte die Buchhandlung in der Weiten Gasse in der Badener Altstadt, wo wir auch wohnten. Damals fuhren die Autos mitten durchs Stadtzentrum. Auf dem Platz vor unserem Haus regelte ein Polizist von der Kanzel aus den Verkehr und winkte uns Kinder über die Strasse.

Das enge Brugger Tor im Stadtturm war ein richtiges Nadelöhr für Auto-, Velo- und Fussverkehr. 1942 erhielten die Fussgänger einen eigenen Durchgang durch das ehemalige Hotel Engel. Das Foto, das zur Eröffnung am 29. August in der Zeitung erschien, hat mein Bruder Franz behalten: Die staunenden Kinder auf dem Bild sind er und ich, damals acht und drei Jahre alt. Im Hintergrund sieht man das Uhrmachergeschäft unserer Nachbarn und links den grossen Löwenbrunnen. Dort holten wir oft Trinkwasser, weil es viel besser war als das in unserer Wohnung.

Mein grosser Bruder nahm mich überallhin mit – etwa zur Jungwacht oder ins Terrassenschwimmbad, wo er mich schwimmen lehrte. Wir Kinder spielten viel in den Gassen der Altstadt, oben beim Schloss oder bei der Stadtmauer. Als Franz die erste Freundin hatte, war es leider vorbei mit den gemeinsamen Ausflügen.

Als Ältester und Stammhalter übernahm mein Bruder später ganz selbstverständlich die Buchhandlung. Auch mich hätte das Geschäft interessiert, wo ich vor allem in der betriebsamen Weihnachtszeit gerne mithalf. Meine Mutter jedoch, die nach dem frühen Tod meines Vaters das Sagen hatte, war strikt dagegen. Als Mädchen musste ich da einfach «spuren» und wurde Lehrerin. Heute bedauere ich es manchmal, aber damals war ich froh, konnte ich den ungeliebten Beruf wie zu jener Zeit üblich aufgeben, als ich mit 23 heiratete.

Aufgezeichnet von Annegret Honegger

Beitrag vom 19.11.2019