Nostalgie im Postauto

Sein Berufsleben lang war er als Chauffeur unterwegs, die letzten zehn Jahre mit den historischen Fahrzeugen von Reiseunternehmer Jürg Biegger. Jules Oswald war ein Chauffeur mit Leib und Seele.

Text: Usch Vollenwyder, Foto: Bernard van Dierendonck

Am liebsten fuhr Jules Oswald den «FBW Nr. 1», ein historisches Postauto des Fahrzeugherstellers Franz Brozincevic Wetzikon aus dem Jahre 1968. Der 75-jährige ehemalige Chauffeur schwärmt von Wilson-Getriebe und Zwischenschnellgang, von Rechtssteuerung und Halbautomatik: «Der Wagen ist wendig und berggängig.» Stolz zeigt er die verstellbaren Einzelsitze, die Düsenbelüftung über jedem Sessel und die lederbezogenen Armlehnen. Sein Lieblings-Postauto war speziell für Alpenfahrten konstruiert und fast zwanzig Jahre lang auf der ehemaligen Europabuslinie St. Moritz– Locarno eingesetzt worden. 

Der Oldtimer «FBW Nr. 1» gehört neben dem Saurer-Schnauzenpostauto von 1965, dem Saurer-Alpenwagen aus dem Jahre 1954 und sechs weiteren nostalgischen Fahrzeugen zur Flotte von Jürg Biegger, Inhaber des Reiseunternehmens bi-Travel und Betreiber des Museums für historische Nutzfahrzeuge in Ziegelbrücke. Zum ersten Mal konnte Jules Oswald Mitte der Neunzigerjahre ein Postauto von bi-Travel steuern – anlässlich des legendären Bergrennens über den Klausenpass: «Ich mag bis heute kurvenreiche, anspruchsvolle Strecken.» 

Der Bauernbub aus Näfels war zwanzig Jahre alt, als er eine Lehre als Lastwagenchauffeur machen durfte. Für den an Technik interessierten Autofahrer war es der schönste Beruf, den er sich vorstellen konnte. Zunächst fuhr er für eine Transportfirma, danach war er in einem Bauunternehmen tätig. Als Mittfünfziger machte er die Carprüfung und wechselte zur Post. Der Kurs Glarus–Klöntal wurde seine Lieblingsstrecke. Nur gerade vierzehn Kilometer ist sie lang, und doch dauert die Reisezeit fast eine dreiviertel Stunde: «Die Strasse ist schmal, kurvig und kreuzen ist schwierig.» Es sind solche Herausforderungen, die Jules Oswald liebt.

In seiner Freizeit – oft an Wochenenden – machte er für bi-Travel Oldtimerfahrten. Das habe ihm nie zusätzliche Arbeit bedeutet; zudem habe Jürg Biegger genau auf die Einhaltung der vorgeschriebenen Ruhezeiten geachtet. Und auch darauf, dass die Chauffeure korrekt in ihre Post-Uniformen gekleidet zu den Fahrten erschienen: «Der Chauffeur ist die Visitenkarte eines Unternehmens», meint Jules Oswald. Als er 2008 bei den Glarner Postautobetrieben pensioniert wurde, übernahm er ausschliesslich Fahrten für bi-Travel – im Sommer mehr, im Winter weniger. 

Jules Oswald schätzte die mehrtägigen Reisen, die Jürg Biegger als Inhaber von bi-Travel selber organisiert und durchführt und die er als Chauffeur begleiten konnte – durch die Schweiz oder ins nahe Ausland, oft auf Bergstrecken, die mit modernen Bussen nicht gefahren werden können. Hinzu kamen Oldtimer-Fahrten für Hochzeiten und Familienfeste, für Geburtstage oder Betriebsfeiern. Der Fahrer mochte es immer, wenn sich die Gäste für das historische Fahrzeug interessierten, mit dem sie unterwegs waren. Nur Witze habe er nie erzählt: «Da bin ich einfach nicht der Typ dafür.» 

Auf Ende 2018 beendete Jules Oswald seine mehr als ein halbes Jahrhundert dauernde Chauffeur-Karriere. Die obligatorische Weiterbildung, damit sein Car-Führerschein gültig bleibt, wollte er nicht mehr machen: «Einmal ist Schluss.» Und lieber höre er freiwillig auf, als dass ein Arzt oder ein Unfall ihn dazu zwinge. Natürlich sei er wehmütig. Er verabschiede sich mit einer Träne im Auge, aber auch dankbar: «Dieser Job ist so abwechslungsreich und vielseitig – ich würde ihn grad wieder machen.» Angst, dass es ihm langweilig werden könnte, hat er keine.

«Ich habe eine Werkstatt, einen Garten, ein eigenes Haus, eine Heuerhütte in den Bergen – und zwei gesunde Hände.» Er gehe schwimmen, velofahren und wandern. Zudem hat er drei Grosskinder, die gern bei ihrem «Tädi» seien. Daneben bleibt Jules Oswald «Hauswart» in der Museumsgarage von Jürg Biegger und hat so weiterhin mit den verschiedenen Nostalgie-Fahrzeugen zu tun. Besonders aber geniesse er es, zusammen mit seiner Frau Elisabeth als Reisegast mit bi-Travel unterwegs zu sein: «Jetzt kann ich auch mal ein Bierchen trinken und mir in aller Ruhe die Welt anschauen.»

Weitere informationen auch zur Buchung von Nostalgiefahrten:

Jürg Biegger, Fischbachstrasse 16, 8717 Benken SG, telefon 055 293 59 16, Mail juergbiegger@hotmail.com, internet www.hnf.ch

Beitrag vom 20.02.2019