© Monique Wittwer

Blanca Imboden: «Leichtigkeit ist mein Markenzeichen»

Ihre Bücher stürmen regelmässig an die Spitze der Bestsellerliste, Allüren kennt Blanca Imboden aber keine. Sie ist bodenständig ­geblieben. Ihr neustes Buch «Die Löffelliste» führt nach St. Moritz und in die Leben zweier Menschen, die sich beide mit Sterben und Tod befassen.

Interview: Roland Grüter, Fotos: Monique Wittwer

Die Story geht so: Zwei Menschen treffen sich auf dem Flachdach eines Hauses: Karin Kaufmann ist Krankenschwester und lebensmüde, sie will in den Tod springen. Reto Rösti ist einer ihrer Patienten. Er leidet an Lungenkrebs und hat ebenfalls den Tod vor Augen. Auf dem Dach finden sie ins Gespräch, raufen sich zusammen und fahren nach St. Moritz, dem Sehnsuchtsort von Reto Rösti. Bevor der Mann stirbt, folglich «den Löffel abgibt», erledigen sie all die Dinge, die ihn an unbeschwerte Zeiten im Engadin erinnern.
Das neue Buch «Die Löffelliste» von Blanca Imboden (61) lehnt sich ans Meisterwerk «Long Way Down» des britischen Schriftstellers Nick Hornby an. Die Schwyzer Autorin nimmt in ihrem Roman sogar Bezug darauf und gibt offen zu, dass sie sich davon inspirieren liess. Auch sonst schlägt sie allenthalben Bögen zur Realität. Ihr Werk ist auch ein Porträt von St. Moritz und seiner Menschen. Der Mix überzeugt. Das Buch stand neuerlich an der Spitze der Schweizer Bestseller-Liste.

Frau Imboden, Ihre beiden letzten Bücher drehensich um Lebenskrisen. Müssen wir uns um Sie Sorgen ­machen?
Nein, alles gut. Aber Ihre Analyse stimmt: In den Büchern geht es um Trauer, respektive um die Arbeit, die damit ver­bunden ist. Durch den Tod meines Partners vor fünf Jahren war ich selbst davon betroffen. Darüber zu schreiben, hat mir geholfen, die Ohnmacht zu ertragen.

Das Schicksal hat bei Ihnen gleich doppelt zugeschlagen: Ihr Mann und Ihre Mutter starben damals innerhalb von drei Monaten.
Genau. Mein Mann fiel auf einem Spaziergang tot um – so wie Udo Jürgens. Für ihn war das ein schönes Ende, für mich der blanke Horror. Zeitgleich lag meine Mutter im Sterben. Es war paradox: Eine alte Frau, die sterben wollte, konnte nicht. Und mein Mann, der gerne weitergelebt hätte, musste sterben.

Was hat Ihnen geholfen, nach dem Schock wieder Tritt zu fassen?
Menschen, die da waren, die sich um mich kümmerten, mir zuhörten. Und Ablenkung, respektive gefordert zu werden: Ich fing damals gerade an, bei der Stanserhornbahn zu ­arbeiten und musste mich in tausend technische Details eindenken. Das lenkte ab. Und einige Monate später kam eine neue Liebe.

Trotzdem waren Sie eine Weile auf Antidepressiva ­angewiesen.
Genau. Das Loch, in das ich fiel, war tief. Die Medikamente haben mir geholfen, weiterzugehen.

Was stellte letztlich den Hebel um?
Es gibt nicht den einen, erhellenden Moment. Tausend kleine Sachen, jeder einzelne Schritt zählt. Was mir dabei sicher geholfen hat: zu schreiben. Die Geschichten, die ich erfinde, sind kleine Fluchtwelten, in denen ich mich ver­lieren kann.

Portrait von Blanca Imboden mit Büchern auf ihrem Lesesessel.
Geschichten sind für Blanca Imboden Fluchtwelten, in die sie sich verlieren kann. © Monique Wittwer

Konnten Sie dem Schicksal mittlerweile verzeihen?
Ja, natürlich. Ich bin eine unverbesserliche Optimistin, glaube daran, dass alles gut kommt. Auch wenn manche Kapitel im Leben anspruchsvoll sind.

Haben Sie selbst Angst vor dem Tod?
Nein. Ich hatte ein gutes, erfülltes Leben. Im Gegensatz zu Reto Rösti ist meine Löffelliste nahezu leer. Ich wüsste nicht, was ich vor meinem Ende noch dringend abhaken müsste. Alles, was mir wichtig war, habe ich bereits erreicht. Was jetzt noch kommt, ist eine Zugabe.

Das letzte Fest
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Welcher ist der wichtigste Punkt Ihrer «Bucket List»?
Glücklich zu sein. Und das zu machen, was mir tatsächlich entspricht. Ich denke, das ist mir meist gelungen.

Das erstaunt. Viele Entscheidungen fällten Sie nicht freiwillig. Ihr Leben hat Sie stark umgetrieben.
Egal. Erst tourte ich als Berufsmusikerin durch Dancings und Bars, um zum Tanz aufzuspielen. Als die Nachfrage verebbte, arbeitete ich 15 Jahre lang auf einer Zeitungs­redaktion. Dann wurde ich aus wirtschaftlichen Gründen entlassen und zur Bähnlerin. Alles gut – jedes Kapitel war o.k.

In Ihrem Buch beschreiben Sie das Schicksal eines Mannes, der langsam an Lungenkrebs dahinsiecht und palliativ betreut wird. Sie sind eine detailgenaue Rechercheurin. Wie erforscht man einen solchen Tod?
Ich las mich ins Thema ein und sprach mit Betroffenen, Expertinnen und Experten. Ausserdem liess ich meine Entwürfe von meinem ehemaligen Hausarzt prüfen. Ich wollte sichergehen, dass ich Reto Röstis Ende richtig skizziere.

«Was jetzt noch kommt, ist eine Zugabe.»

Für andere Erkundungen lebten Sie einen Monat lang in St. Moritz, zwei Wochen davon im Luxushotel Badrutt’s Palace. Gratis. Sind Sie korrumpierbar?
Mir wird das manchmal vorgeworfen. Manche sehen in mir eine Art Reisebloggerin. Ich denke aber, dass ich die Orte so beschreibe, wie ich sie tatsächlich sehe, was ich dort antreffe – ich lasse mich nicht verbiegen. Ich stelle ja St. Moritz nicht als Zauberort dar, sondern zeichne auch die Schattenseiten des Ortes auf: der Neid, die Dekadenz, der Wucher.

Sie staunen beispielsweise über den Prunk der Luxus­hotellerie und hinterfragen ihn – oder Sie belächeln die 35-Franken-Tomatenspaghetti im Hotel-Foyer.
Beides ist doch erstaunlich, zumal an den Spaghetti nicht mal Fleisch dran ist.

Die Käsekrise im Appenzell, die Me-Too-Debatte: In Ihren Geschichten vermischen Sie jeweils Fantasien mit Fakten. Ist Ihr Vorstellungsvermögen zu klein, um sich komplett neue Welten auszudenken?
Vielleicht. Wie vorgängig erwähnt, arbeitete ich lange auf einer Zeitungsredaktion, das Interesse an der Welt habe ich aus dieser Zeit mitgenommen. Auch meine einfache, gerade Sprache geht darauf zurück. Überdies: Meine Geschichten spielen alle an ausgewählten Schauplätzen, in Zermatt, Arosa, auf der Rigi, nun in St. Moritz. Und jeder Ort birgt tausend Geschichten. Ich wäre blöde, würde ich diese nicht nutzen. Sie geben mir Inspirationen und füllen meine Storys mit Leben.

Auch alle Hotels und Restaurants sind real, die Wanderrouten gibts ebenfalls. Reisen die Menschen Ihren Schauplätzen auch hinterher?
Das machen sie, ich bekomme immer wieder entsprechende Rückmeldungen. Ich beschrieb beispielsweise in einem meiner Bücher ein Beizli auf dem Urmiberg. Die Betreiber schrieben mir, dass sich ihr Umsatz nach der Publikation verdoppelt hatte. Überhaupt melden sich bei mir erstaunlich viele Menschen und wollen mir Feedback geben.

Worauf führen Sie das zurück?
Wahrscheinlich, weil ich nicht abgehoben wirke, nahe bei den Menschen stehe. Mir sagen viele, ich sei authentisch. Ich weiss zwar nicht, was sie genau darunter verstehen – aber offenbar überzeugt das die Menschen. Wobei ich durchaus gern eine Diva, ein Schreibstar wäre. Bin ich aber nicht.

Was sind Sie denn?
Viele sehen mich als Unterhaltungstante. Andere bezeichneten mich als Alpenpoetin oder Rosamunde Pilcher des Vierwaldstättersees.

Schmerzt das?
Nein, ich kann mich und mein Schaffen gut einschätzen. Den Schweizer Buchpreis werde ich garantiert nie erhalten. Etwas Stolz habe ich aber dennoch: Unlängst besuchte ich ein Brocki, und im Regal, das mit Trivialliteratur angeschrieben war, fand ich eines meiner Bücher. Ich stellte dieses klammheimlich zur Schweizer Literatur um.

So viel Bescheidenheit macht misstrauisch: Träumten Sie nie von höheren Weihen?
Von einer Laudatio vor grossem Publikum? Leider nein. Schon als Kind wurde mir beigebracht, dass nur andere vom Erfolg, von Grossem träumen dürfen. Und ich mich zu bescheiden habe. Bescheidenheit ist einerseits gut, andererseits ist sie ein Hindernis.

Inwiefern?
Weil man sich dadurch wenig zutraut. Mein Vater kam aus ausgesprochen armem Haus und hat uns Kindern eingetrichtert, keine Ansprüche ans Leben zu stellen. Erst nach einem Mentaltraining konnte ich das überwinden. Aber die Prägung ist noch immer da.

Blanca Imboden springt auf einem Trampolin.
Blanca Imboden liebt Leichtigkeit im Leben, etwa beim Trampolinspringen.© Monique Wittwer

Wenn nicht Renommee: Was ist Ihnen in Ihren Büchern wichtig?
Den Menschen ein gutes Gefühl zu vermitteln und dass die Fakten stimmen. Beides ist in der heutigen Zeit viel wert.

Wie beschreiben Sie Ihren Stil selbst?
Jemand hat mich in die Schublade moderner Heimatroman gesteckt. Die Bezeichnung zielt nicht komplett daneben.

Weil Sie das Leben rosarot pinseln?
Mache ich das? Keine Ahnung. Was aber stimmt: Ich bin harmoniesüchtig. Meine Eltern führten keine gute Beziehung, meine Jugend war geprägt von Streit und Gehässigkeiten. Deshalb schätze ich es, wenn sich das Leben versöhnlich zeigt, vor allem in meinen Büchern.

Zurück zu Ihrem aktuellen Buch: Sogar dem Tod geben Sie eine gewisse Leichtigkeit.
Leichtigkeit ist mein Markenzeichen. Ich liebe sie auch im Leben, etwa beim Trampolinspringen. Trotzdem schrieb mir eine Leserin, sie hätte das Buch nicht fertiglesen können, weil Sie den nahenden Tod der Hauptfigur nicht ausgehalten habe.

Wie kamen Sie überhaupt auf die Idee für den Roman?
Ich hatte ein exaktes Bild in meinem Kopf: Ich sah eine lebensmüde Krankenschwester auf einem Dach stehen, die springen will – weil sie erschöpft ist und glaubt, keine Kraft mehr fürs Leben zu haben. Das Szenario ist zwar überspitzt, aber viele meiner Freundinnen und Bekannten, die im Gesundheitswesen arbeiten, fühlen sich tatsächlich so. Was sie tagtäglich leisten müssen, ist immens. Und beängstigend.

«Der Pflegenotstand ist eine Schande.»

Der Pflegenotstand ist ein grosses Thema Ihres Romans. Weshalb?
Weil er eine Schande ist und der Gesellschaft bald arge Probleme bereitet. Es kann doch nicht sein, dass Menschen, die sich um andere kümmern, dermassen ausgebeutet werden. Alle sehen die Missstände, aber niemand ändert etwas daran. Das ist unglaublich. Unserer Gesellschaft droht eine riesige Versorgungskatastrophe, und wir nehmen sie hin. Verrückt.

Kann Ihr Buch daran etwas ändern?
Nein. Eine Lösung habe ich auch nicht. Aber ich kann mit meinem Buch den Finger auf den wunden Punkt legen: in der Hoffnung, dass die Leserinnen und Leser genauer darüber nachdenken und sich an den Diskussionen oder an Abstimmungen beteiligen.

Letzte Frage. Sie verweisen im Buch auf jene Schiefertafeln, die einst in Altersheimen aufgestellt wurden. Die Bewohnerinnen und Bewohner sollten darauf einen Merksatz fortführen. Dieser lautete: Bevor ich sterbe, möchte ich … Wie lautet Ihre Fortsetzung?
Bevor ich sterbe, möchte ich LEBEN, und zwar richtig und an jedem einzelnen Tag.

Zur Person

Blanca Imboden (61) lebt mit ihrem Partner in Malters LU. Dort steht ihre Zahnbürste, doch ihr Herz schlägt noch immer für die Berge ihres Heimatkantons Schwyz.
Dort ist sie mit sechs Geschwistern in einfachen Verhältnissen aufgewachsen. Zum Schreiben kam sie auf Umwegen. Sie liess selbst nicht davon ab, als die ersten Bücher liegen blieben und ihre Garage füllten. Mittlerweile hat sie 21 Bücher publiziert. Mit «Wandern ist doof» gelang ihr 2013 der Durchbruch. Seither erzielen ihre Werke regelmässig Verkaufserfolge.

«Die Löffelliste» können Sie mit dem Talon auf der gegenüberliegenden Seite vergünstigt bestellen. Informationen zu den Vorlesungen von Blanca Imboden gibt es auf blancaimboden.ch

Bestelltalon

Zeitlupe-Leserinnen und -Leser können das Buch «Die Löffelliste» unter dem Codewort ZE2023WO  zum Spezialpreis von CHF 19.90 statt CHF 24.90 (inkl. Porto und Verpackung) bestellen. Entweder mit untenstehendem Bestellformular, direkt über die Website: woerterseh.ch, per Mail leserangebot@woerterseh.ch  oder telefonisch unter: 044 368 33 68. Bitte Codewort nicht vergessen!

 

Ja, ich bestelle das Buch «Die Löffelliste» zum Preis von CHF 19.90

    Beitrag vom 15.01.2024