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Wiederanfang 27. April 2020

Zeitlupe-Redaktorin Usch Vollenwyder ist 69 Jahre alt. Als Angehörige der Risikogruppe erzählt sie jeden Montag aus ihrem Alltag im bernischen Gürbetal. Heute: von neuer Energie und Tatendrang.

Ich brauche keinen Kosmetiksalon und kein Nagelstudio, keinen Baumarkt und kein Gartencenter, keine Massagepraxis und schon gar kein Tattoo-Studio. Aber allein die Tatsache, dass ich sie besuchen könnte, wenn ich es denn wollte, beflügelt mich. Ich spüre neue Energie und Schwung, eine Welle von Lebensmut und Lebenslust, und Vorfreude auf den ganz normalen, wunderbaren Alltag. Als erstes gehe ich in die Gärtnerei ins Nachbardorf und wähle mir den schönsten Frühlingsblumenstrauss aus dem Angebot. Dann fahre ich mit dem staubigen Auto durch die ebenfalls eröffnete Waschstrasse, damit es seine rote Farbe wiederbekommt.

Sechs Wochen lang war meine Agenda leer, die Seiten mit dem Vermerk «Corona» rot durchgestrichen. Zu Beginn schienen sie mir endlos lang; doch nicht einmal Corona vermag den Lauf der Zeit zu stoppen. Seit der Bundesrat die ersten Lockerungen bekanntgegeben hat, bin ich voller Tatendrang. Noch gleichentags vereinbarte ich die bereits möglichen Termine: Montag Coiffeur, Mittwoch Fusspflege, Donnerstag Hund impfen, Freitag Physiotherapie. Dass mich ein Coiffeur-, Pedicure-, Tierarzt- oder Physiobesuch jemals beglücken würde, hätte ich mir noch vor sechs Wochen nicht im Traum vorgestellt. 

In unserem Generationenhaus beschliessen wir, gleichzeitig mit den ersten bundesrätlichen Lockerungen den innerhäuslichen Lockdown aufzuheben – immerhin hat der oberste Schweizer Gesundheitshüter in einer weiteren Botschaft an sein Publikum eingeräumt, dass die Gefahr einer möglichen Ansteckung für die Grosseltern von der mittleren und nicht von der jüngsten Generation ausgehe. Ab sofort erzähle ich der Kleinen das traditionelle tägliche Buchkapitel nicht mehr – wie in den letzten anderthalb Monaten üblich – von der oberen auf die untere Terrasse oder via Handy. 

Unzählige Male hat die Kleine das Mantra von der Distanz zum Grosi gehört. Erst jetzt realisiere ich, dass der ungewohnte Abstand für die Kinderseele nicht immer nachvollziehbar war und wohl auch an ihr genagt hat. Ungläubig zuerst, dann fröhlich pfeifend, hüpft sie die Treppe zu unserer Terrasse hoch und holt das dicke Buch mit der abenteuerlichen Geschichte des Drachenreiters heraus. Nur noch wenige Kapitel verbleiben. Der Silberdrache und sein kleiner Menschenfreund wappnen sich für den letzten Kampf gegen den Bösewicht. Die Kleine ist ganz sicher: Die Geschichte nimmt ein gutes Ende. 

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Usch Vollenwyder

Zeitlupe-Redaktorin