© Pia Neuenschwander

Spät vereint ist doppelt schön

Manchmal hält das Leben noch ein überraschendes Kapitel bereit. Zwei Liebespaare erzählen, wie sie sich im Alter und nach bewegten Zeiten gefunden haben – Jahrzehnte nach ihrem ersten Treffen. 

Text: Fabian Rottmeier

Liebe kennt kein Alter, heisst es so schön. Doch Liebe kennt auch keine Regeln, Normen – oder richtige oder falsche Zeitpunkte. Nirgends wird dies derzeit witziger und treffender thematisiert als in der zweiten Staffel der Netflix-Fernsehserie «The Kominsky Method». Die Schauspieler Michael Douglas und Alan Arkin spielen darin zwei Freunde, die dem Alter und ihren Gebrechen mit viel Galgenhumor entgegentreten. Arkin verkörpert den 80-jährigen Norman, der ausgerechnet auf einer Abdankung auf eine verflossene alte Liebe trifft: Madelyn. Die beiden hatten eine Liaison, als der US-Präsident noch Lyndon Johnson hiess. Sie unterhalten sich erfreut – bis sie von der Witwe des Verstorbenen zurechtgewiesen werden – und tauschen ihre Nummern aus. Auf der Heimfahrt im Auto schwärmt Norman seinem Freund vor: «Sie spricht drei Sprachen und hat Chemie studiert. Und das Beste: Ihr Mann ist vor vier Jahren verstorben. Junge, was für eine grossartige Beerdigung!»

Doch nicht nur amerikanische Drehbuchautoren schreiben solch aussergewöhnliche Geschichten, sondern auch der Schweizer Alltag. Die Zeitlupe erzählt die Liebesgeschichten von Marie-Louise & Guido aus dem Kanton Bern und Helga & Peter aus Zürich. 

Marie-Louise & Guido

An einem Samstagabend im September 2015 fuhr Guido Blum, leidenschaftlicher Tänzer, an den Bielersee. Ipsach feierte sein 750-Jahre-Jubiläum – mit grossem Festzelt. Da gibt es immer eine Frau, die sich über einen Tanzpartner freut, dachte sich der erfahrene Taxi Dancer. Ein italienischer Bekannter, der sich dort eine Frau anlächeln wollte, begleitete ihn. «Bei ihm hats nicht geklappt», sagt der 71-Jährige. Er lacht laut, denn neben ihm sitzt seine Partnerin Marie-Louise Birrer aus … Ipsach. Seit bald fünf Jahren sind die beiden ein Paar. Erstmals getroffen hatten sie sich 1956 im Luzerner Hinterland, in ihrem Roggliswiler Klassenzimmer. Marie-Louise war die aufmüpfige Schülerin, die auch den Buben die Stirn bot. Doch in der 7. Klasse zog die Tochter eines Käsers mit ihrer Familie weg.

Spätes Liebesglück: Portrait von Marie-Louise und Guido.
© Pia Neuenschwander

«Als ich Guido im Festzelt entdeckte, ging mein Herz auf», sagt Marie-Louise. Am ganzen Körper habe es gekribbelt. «Bist du es wirklich, Guido?»: Eine Frage, die ihr Leben verändern sollte. Es war lange her, seit sich die beiden an einer Klassenzusammenkunft zuletzt gesehen hatten. Lediglich am Telefon hatten sie sich ein Jahr zuvor ausgetauscht, als Marie-Louise ein Klassentreffen auslassen musste und ihr Guido danach telefonisch Avancen machte. Vergeblich: Sie hatte weder Zeit noch Interesse, schon gar nicht auf einen «Stürmicheib». Nun standen sie sich in einem lauten Festzelt gegenüber, unterhielten sich, gingen wieder ihres Weges, doch als Marie-Louises Kollegin um ein Uhr müde nach Hause ging, wollte sich die 72-Jährige unbedingt noch von Guido verabschieden. Sie sollten noch bis zwei Uhr tanzen.

Wann ruft er endlich an?

Guido versprach, sich zu melden. Als Marie-Louise auch am Montag noch keinen Anruf erhalten hatte, besorgte sie sich bei Guidos Zwillingsbruder seine neue Handynummer. Die gelernte Verkäuferin und langjährige Alterspflegerin wollte sich noch vor ihrer Abreise in die Veloferien mit ihrem ehemaligen Schulgspändli treffen. «Ich wollte wissen, woran ich bin», sagt die zweifache Mutter und dreifache Grossmutter. Die Ferienwoche sollte unendlich lange werden ohne Guido. «Auch, weil er wunderbare SMS schrieb!»

«Schon früh haben wir uns darauf geeinigt, Gas zu geben, ehrlich zu sein und nicht zu schweigen, wenn uns etwas stört»

Als Marie-Louise aus der Normandie zurückkehrte, holte Guido sie überraschend ab. Sie fuhren direkt ins Tropenhaus-Restaurant «Florida», setzten sich an einen Tisch, der von Orchideen umgeben war. Kam es dort bereits zum ersten Kuss? «Aber sicher!», sagt Guido, «schliesslich kannten wir uns ja schon fast 60 Jahre.» Marie-Louise war verwitwet, Guido geschieden.

Noch heute strahlen die zwei über beide Ohren, wenn sie über ihre Beziehung und ihre gemeinsamen Leidenschaften wie Velofahren, Tanzen oder soziale Engagements sprechen. Immer wieder fasst Marie-Louise ihren Guido am Arm, wenn er etwas Nettes über sie sagt. Sie würden alles geniessen, was noch komme. «Schon früh haben wir uns darauf geeinigt, Gas zu geben, ehrlich zu sein und nicht zu schweigen, wenn uns etwas stört», sagt die Ipsacherin. Der pensionierte Maschinenschlosser ergänzt: «Wir hatten ja nichts zu verlieren.» Dass sie sich gegenseitig viel Dankbarkeit entgegenbringen, schätzt das Paar sehr. Liebe sei auch, der Partnerin mit kleinen Gesten und Aufmerksamkeiten eine Freude zu machen, findet Guido. Beide sind überzeugt, dass sie diese Liebe anders und bewusster wahrnehmen als früher. Der Genuss ist ihre Maxime, während vieles, was einst Nerven gekostet hätte, heute unwichtig sei.

Doch zusammenziehen, das wollen sie bewusst nicht. Guido wohnt eine halbe Fahrstunde entfernt in Laupen. Etwa die Hälfte der Zeit sei er am Bielersee. Es würden sich positive Spannungsfelder ergeben, wenn man sich nicht dauernd sehe, sagt er. Sie führt aus: «Wir könnten viel Geld sparen, aber wer weiss, ob wir es dann noch so gut hätten miteinander. Wir freuen uns immer sehr, einander wieder zu sehen.» Es scheint, dass beide das Spiel von Nähe und Distanz nicht nur beim Tanzen beherrschen.

Der «Liebesweg»

Im luzernischen Blatten bei Malters gibt es seit acht Jahren einen knapp vier Kilometer langen «Liebesweg». Auf einem Spazierweg entlang der Kleinen Emme können sich Liebespaare an acht Stationen mit ihren Beziehungen auseinandersetzen. Es geht dabei um Themen wie Vertrauen, Geborgenheit, Intimität, Sinnlichkeit, Zärtlichkeit und Sexualität. Infos und Broschüre: st-jost.ch, Kontakt: liebesweg@st-jost.ch

Helga & Peter

Peter Pauli betrat Neuland, als er den Telefonhörer in die Hand nahm. Ein Rendezvous mit 82 Jahren? Verrückt! Er wählte die Nummer von Helga Bernoulli. Als diese den Anruf entgegennahm, sagte er, dass er sie gerne zum Abendessen einladen möchte. Ihre Antwort: «Das ist schön, aber ich bin gerade auf einer Mekongreise in China und es ist halb zwölf Uhr nachts.» Heute können die beiden über diese Episode nur herzhaft lachen. Sie sind seit einem halben Jahr ein Paar, nachdem sie sich 46 Jahre lang nicht mehr begegnet waren. «Wir geniessen jede Stunde zusammen», sagt die gebürtige Lübeckerin, die in den 1960ern als Hotelfachangestellte für Mövenpick in die Schweiz kam.

Spätes Liebesglück: Helga und Peter sitzen auf einer Bank im Garten und lächeln sich verliebt an.
© Ethan Oelman

Noch heute spielt Helga Tennis im TC Seeblick in Zürich Wollishofen, dort, wo sich ihre Wege vor 54 Jahren das erste Mal gekreuzt hatten. Beide waren glücklich verheiratet, man mochte sich und traf sich zu viert auf dem Tennisplatz. 1974 zogen Peter und seine Frau dank eines Jobangebots als Ökonom für sechs Jahre nach Kairo. Vergangenen September, wenige Monate nachdem seine Frau verstorben war, animierte ihn ein Freund dazu, sich dem monatlichen Mittagessen einiger alter Tennisfreunde anzuschliessen – zum Glück waren dort seit einigen Jahren auch Frauen willkommen, beispielsweise Helga. Sie verstanden sich auf Anhieb prächtig. Doch Helga bemerkte, dass es Peter nach dessen Verlust schlecht ging, und fragte ihn «ganz frech», ob sie einmal gemeinsam etwas unternehmen möchten. Fast 20 Jahre lang hatte er sich um seine an Parkinson erkrankte Frau gekümmert. Helga wusste, was dies bedeutet, hatte sie ihren Mann doch vor zwölf Jahren an der schrecklich rasch voranschreitenden Nervenkrankheit ALS verloren. Auch die dreifache Mutter hatte ihren Ehepartner sechseinhalb Jahre bis zu dessen Tod gepflegt.

Kommt Zeit, kommt Kuss

Auf das erste Date folgte auch bald schon der erste Kuss. «Ziemlich rasch sogar», gesteht Peter, «schliesslich bleiben uns ja nicht mehr viele Jahre. Da muss man handeln!» Beide sind sich einig, dass ihr spätes Liebesglück viel damit zu tun hat, dass sie sich schon kannten und gemeinsame Freunde haben. Helga sagt, ihr habe es eigentlich ausser ihrem Mann an nichts gefehlt, «bis Peter mir über den Weg lief». Dieser wiederum hatte sich auf ein Leben alleine eingestellt. Der Witwer war ausgebrannt, sein Körper am Ende, und als auch noch das Immunsystem zusammenbrach, landete er im Spital.

Hände halten
© Ethan Oelman

«Ich merkte, wie sehr mir so simple Dinge wie Händchenhalten oder Umarmungen gefehlt haben»

Umso mehr freuen sich die beiden nun über ihr unerwartetes Glück. Sie lachen viel zusammen und nehmen sich gerne gegenseitig auf den Arm. Sie schätzen gute Gespräche und sind glücklich darüber, wieder jemanden an ihrer Seite zu haben. «Ich merkte, wie sehr mir so simple Dinge wie Händchenhalten oder Umarmungen gefehlt haben», sagt die 79-Jährige. Sie sei auch überrascht gewesen, dass sich das Frischverliebtsein gleich angefühlt habe wie in jungen Jahren: Schmetterlinge im Bauch und eine Nervosität «wie ein Teenager vor dem ersten Mal». Ein gemeinsamer Freund sagte, als er die beiden zum ersten Mal als Paar sah: «Das ist eigentlich das Naheliegendste.» Beide lachen.

Die Quarantäne als Abenteuer

Die Coronakrise hat die beiden in mehrfacher Hinsicht auf die Probe gestellt – mit positivem Ausgang. Als sich abzeichnete, dass Menschen über 65 zu Hause bleiben sollten, zog Peter zu Helga. «Ein Abenteuer», sagt er, bei dem sich, wie sie sagt, alles von alleine eingespielt habe. Dabei sei noch deutlicher klar geworden, wie ähnlich sie sich seien. «Helga ist eine Frau, die etwas zu erzählen hat. Das ist nicht selbstverständlich», sagt der 83-Jährige.

Das Wohnen unter einem Dach hat zudem einen Entscheid gefestigt: Helga will Peter im Januar 2021 auf eine sechsmonatige Weltreise per Kreuzfahrtschiff – «30 Länder und 107 Häfen!», schwärmt Peter – begleiten. Eine Reise, die er nach dem Tod seiner Frau gebucht hatte, weil er ein Ziel brauchte. Nun haben beide viele gemeinsame Ziele: Reisen, Freunde treffen, gut essen gehen und das Leben geniessen.

Beide sind sich bewusst, wie klein ihre Chance auf eine neue Beziehung gewesen war. «Es ist schon als junger Mensch schwierig, jemanden zu finden, der zu einem passt», sagt Peter, «und die Ansprüche im Alter nehmen eher zu.» Helga stimmt bei: «Im Alter weiss man, was man will – und was lieber nicht.» Peter hat den Eindruck, dass sich diese Beziehung intensiver anfühlt, auch, weil beiden klar sei: «Sie ist endlich.» ❋

Der Buchtipp

Vor kurzem ist das Buch «Liebe – Geschichten über das grösste Gefühl der Welt» erschienen. Es vereint Kurzgeschichten von Autorinnen und Autoren wie John Irving, Patricia Highsmith, Tschingis Aitmatow, André Aciman, Ocean Vuong, Miranda July, Ali Smith und Annie Proulx.

Diogenes, Zürich, 240 Seiten, CHF 13.–

Lesen Sie auch das Interview zum Thema mit Guy Bodenmann. Der Beziehungsforscher sagt, eine Partnerschaft und körperliche Nähe seien auch im Alter von unschätzbarer Bedeutung. Es gebe jedoch zwischen jüngeren und älteren Paaren mehr Parallelen als gedacht.

© zVg

Ursula & Ueli: Eine weitere spät vereinte Liebe

Ursula Bürgi und Ueli Friedländer verbrachten ihre Kindheit und ihr Studium zusammen. Nach 45 Jahren Funkstille sind die beiden seit fünf Jahren ein Paar – und schildern ihren Glücksweg im Dialog. Hier gehts zum Artikel.