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Osterkoller 9. April 2020

Zeitlupe-Redaktorin Usch Vollenwyder ist 69 Jahre alt. Als Angehörige der Risikogruppe erzählt sie aus ihrem Alltag im bernischen Gürbetal. Heute: von Eiertütschete und Rockoper.

Ostern steht vor der Tür und ich bekomme den Corona-Koller. Dabei mag ich die Ostertage. Ich freue mich jeweils auf die zusätzlichen Freitage und auf unser immer gleiches Osterferienziel: die eigenen vier Wände. Wir machen es uns zu Hause gemütlich, das Auto bleibt in der Garage, den Stau am Gotthard erleben wir – nicht ganz ohne Schadenfreude – vor dem Fernseher. Ich geniesse den Besuch meiner Geschwister, die Eiertütschete mit Freunden, den Osterbrunch mit der Familie. Mir gefällt die Symbolik der Ostertage: der Weg aus der Karfreitagstrauer hin zum Neubeginn am Ostermorgen. 

Aber immer noch heisst es: «Bleiben Sie zu Hause. Bitte. Alle.» Also bleiben wir zu Hause – wie jetzt schon seit bald vier Wochen. Was ich damals noch mit einer grossen Portion Optimismus und viel gutem Willen als geschenkte Auszeit schönreden konnte, lastet immer schwerer auf meiner Seele. Ich möchte, dass es vorbei wäre. Doch nun dauert die Ausnahmesituation sogar noch eine Woche länger. Ich spüre Hilflosigkeit und Trotz: Von Corona lass ich mich nicht so schnell unterkriegen. Ostern findet trotzdem statt.

Ich werde die schlampigen Jeans in den Wäschekorb stecken und ein Frühlingskleid hervorholen. Ich dekoriere den Ostertisch, auch wenn wir nur zu zweit sind, und werde das Eiertütschen zelebrieren. Ich bestelle beim Blumenladen im Nachbardorf einen Frühlingsstrauss – in der Zwischenzeit ist nämlich auch das Pflückfeld in unserem Dorf geschlossen. Ich gönne meinen vom ständigen Waschen lädierten Händen die neue, exklusive Orchidee-Seife. Ich zünde eine Kerze an und werde sie ins Fenster stellen. Ich werde mich im Liegestuhl sonnen und den neuen Ostfriesenkrimi von Klaus-Peter Wolf lesen. 

Unser Wohnzimmer mit dem Fernseher verwandeln wir in einen Mini-Kinosaal samt Popcorn und Cüpli. Sendungen gibt es für jede Stimmung und für jeden Geschmack – von klassischen Konzerten über biblische Film-Epen bis hin zu alten Fussballhöhepunkten. Mein Blick fällt auf das Karfreitagsprogramm: Jesus Christ Superstar, das Hitmusical von 1971, das mich die ganzen jungen Jahre hindurch begleitet hatte. Auf SRF1 wird die Live-Fassung der New Yorker Neuinszenierung von 2018 ausgestrahlt – mit Oscarpreisträger John Legend als Jesus und Schock-Rocker Alice Cooper als Herodes. Die Kult-Rockoper gegen den Corona-Blues – Ostern kann kommen!

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Usch Vollenwyder

Zeitlupe-Redaktorin