Hommage an eine Vergessene

Aufgewachsen im Schloss «Au» am Zürichsee, begraben im Ehrenhain der Sozialisten auf dem Friedhof Berlin-Friedsrichsfelde: Eveline Hasler setzt der aufmüpfigen und mutigen Revolutionärin Mentona Moser in «Tochter des Geldes» ein literarisches Denkmal.

Cover des Buches: Die Tochter des Geldes

Dass es Eveline Hasler gelingt, visionäre Persönlichkeiten ins Rampenlicht zu rücken, die im Lauf der Zeit vergessen oder tot geschwiegen wurden, ist nichts Neues. Verblüffend ist jedoch, dass die Autorin es in ihren biografischen Annäherungen immer wieder schafft, den historischen Figuren Leben einzuhauchen, indem sie die akribisch gesammelten Fakten in eine packende Geschichte verwebt.

Auch ihr neuester Roman «Tochter des Geldes» macht da keine Ausnahme. Im Zentrum des Geschehens steht das tragische Schicksal von Mentona Moser, der zweiten Tochter des erfolgreichen Schaffhauser Uhrenindustriellen Heinrich Moser, der es mit seinen Fabriken in Deutschland und im zaristischen Russland zu grossem Reichtum brachte. Er starb 1874 als 68-Jähriger – Mentona war nur vier Tage alt – und hinterliess seiner 43 Jahre jüngeren Ehefrau, der Baronin Fanny Moser von Sulzer-Wart, und den beiden Kindern ein enormes Vermögen.

Engagement für die Schwachen

Das viele Geld machte aber weder die junge Witwe, noch die Mädchen glücklich. Mentona wuchs – von der psychisch labilen, geltungssüchtigen und geizigen Mutter nie geliebt – im Schloss auf der Halbinsel Au im Zürichsee auf und verbrachte dort eine einsame, freudlose Kinder- und Jugendzeit. Mit 17 Jahren entfloh sie dem Mutterhaus nach London und lernte als Sozialarbeiterin und Krankenpflegerin die Not und Armut der Arbeiterklasse im späten viktorianischen England hautnah kennen.

1903 zurück in Zürich setzte Mentona Moser ihr soziales Engagement fort und initiierte in einer Zeit der grassierenden Tuberkulose für das Bauamt der Stadt Zürich u.a. Siedlungen mit Kinderspielplätzen. Gleichzeitig begann sie sich aber auch vermehrt für Politik zu interessieren. Sie wandte sich zuerst der Sozialdemokratie zu, bevor sie – von dieser enttäuscht – zur Mitbegründerin der Kommunistischen Partei der Schweiz wurde und sich fortan unermüdlich für eine bessere Welt und die Rechte der Frauen einsetzte.

Sie heiratete den renommierten Zürcher Juristen und späteren Oberrichter Hermann Balsiger, der sie und die beiden Kinder aber nach kurzer Ehe sitzen liess und jegliche Unterhaltszahlungen verweigerte, obwohl der Sohn krank war. Auch von ihrer Mutter, die als Moser-Witwe und Sulzer-Erbin zu den reichsten Frauen Europas zählte, bekam sie keinerlei Zuwendungen und konnte sich über Jahre nur knapp über Wasser halten.

Eveline Hasler

Portrait von Eveline Hasler, Schriftstellerin

© Ayse Yavas

hat sich mit ihren historischen Romanen, ihrer Lyrik, ihren Kinderbüchern, Kolumnen, Erzählungen, Gedichten und Reportagen einen Namen geschaffen, der weit über die Landesgrenze hinausreicht. Den literarischen Durchbruch schaffte sie 1982 mit «Anna Göldin. Letzte Hexe», seither wurden ihre Bücher in über zwölf Sprachen übersetzt. Für ihr Werk wurde sie mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Schubart-Literaturpreis und dem Meersburger Drostepreis. Die heute 86-Jährige kam in Glarus zur Welt, studierte in Fribourg und Paris Psychologie und Geschichte und arbeitete einige Zeit als Lehrerin. Sie lebt mit ihrem Mann seit 25 Jahren im Tessin.

Nach deren Tod gründete Mentona Moser mit dem Pflichtteil des grossen Erbes ein Kinderheim in Russland, wo sie auch selber lebte. Als der Terror Stahlins jedoch immer aggressiver wurde und ihre Hoffnungen auf einen gesellschaftlichen Neuanfang in einem kommunistischen Paradies zunichte machte, flüchtete Menton Moser nach Berlin, wo sie sich in den früher 1930-Jahre gegen das aufkommende Naziregime auflehnte und sich um inhaftierte Genossen kümmerte. 

Als ihr restliches Vermögen von den Nazis beschlagnahmt wurde, kehrte die Revolutionärin 1934 mittellos, desillusioniert und gesundheitlichangeschlagen nach Zürich zurück. Dort lebte sie in kargen Verhältnissen, bis die DDR sie 1950 nach Ostdeutschland einlud, wo man der ehemaligen Mitstreiterin die Ehrenbürgerschaft sowie einen Platz in einem Ostberliner Pflegeheim anbot. Mentona Moser starb dort 1971 hochbetagt und wurde als Heldin im Ehrenhain des Friedhofs Berlin-Friedsrichsfelde beigesetzt. 

Als Heldin verehrt

Dass Eveline Hasler dieser unerschrockenen, eigensinnigen Frau in ihrem neuen Roman eine Stimme geben kann, ist einem Zufall zu verdanken. 1986 erhielt der Schweizerische Schriftstellerverband eine Einladung zu einem Literaturkongress in die DDR und Eveline Hasler wurde zusammen mit einem Kollegen per Los für diese Reise ausgewählt. In Ostberlin führte sie ihre Schriftstellerkollegin Irmtraud Morgner dann ans Ehrengrab von Mentona Moser, die dort – in der Schweiz mittlerweile fast vergessen – als mutige Sozialrevolutionärin und Feministin verehrt wurde. 

Erst Jahre später begann die heute 86-jährige Eveline Hasler über Mentona Moser und deren Umfeld zu recherchieren. Auf der Basis von historischen Quellen und Gesprächen mit den Nachkommen erschuf sie die fesselnde und detailreiche Geschichte einer grossen Schweizer Frauenfigur, die ihr ganzes Leben – trotz vieler bitterer Rückschläge und persönlicher Enttäuschungen – unbeirrbar der Utopie einer gerechteren und besseren Welt gewidmet hat.

«Tochter des Geldes: Mentona Moser – die reichste Revolutionärin Europas», Roman eines Lebens, Nagel & Kimche, Zürich 2019.

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