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Abschiedsschmerz 20. April 2020

Zeitlupe-Redaktorin Usch Vollenwyder ist 69 Jahre alt. Als Angehörige der Risikogruppe erzählt sie aus ihrem Alltag im bernischen Gürbetal. Heute: vom bitteren Ende einer Kreuzfahrt.

Ende Februar legt die Costa Luminosa in Miami in Florida ab. Unter den Passagieren auf dem italienischen Kreuzfahrtschiff der Bruder meiner holländischen Freundin. Er ist knapp über siebzig; er liebt das Meer und das Leben auf dem schwimmenden Hotel. Corona ist weit weg und hoffentlich vorbei, wenn das Schiff Ende März in Venedig anlegen wird. Bereits auf den Kaimaninseln wird die erste erkrankte Person von Bord gebracht; in Puerto Rico sind es zwei weitere. Das Schiff kreuzt weiter. Die Passagiere mit Grippesymptomen kommen in Quarantäne. Es sind immer mehr. Auch der Bruder meiner holländischen Freundin wird krank. 

Seine Nachrichten werden kürzen – als möchte er seine Geschwister nicht belasten. Er schreibt, dass ihm kalt ist. Er hat Fieber. Die Costa Luminosa legt in Marseille an. Amerikanische und australische Passagiere können das Schiff verlassen und den Heimflug antreten; die holländischen Gäste erst im italienischen Savona. Da ist es für ihn zu spät. Er wird ins Spital gebracht. Eine Koordinationsstelle in Holland hält den Kontakt zwischen Spital und Familie. Sie informiert jeden zweiten Tag, später täglich. Sohn und Bruder können mit den Ärzten telefonieren. In aller Hektik geben sie freundlich Auskunft und halten dem Schwerkranken das Handy ans Ohr. Letzte Worte begleiten ihn. 

Dann kommt er auf die Intensivstation, wird künstlich beatmet. Am 28. März schreibt meine Freundin eine Nachricht: «Es geht meinem Bruder sehr, sehr schlecht. Sie werden ihn nicht mehr beatmen.» In aller Traurigkeit ist sie dankbar, dass er in einen künstlichen Schlaf versetzt wird und keine Angst und Atemnot spüren muss. Um Mitternacht am nächsten Tag kommt ein weiteres WhatsApp: «Es ist soweit. Mein Bruder ist heute Nachmittag an Corona gestorben.» Mit dieser Nachricht hat Corona auch für mich ein Gesicht bekommen. 

Der Leichnam wird im Flugzeug nach Brüssel geflogen und von dort aus mit dem Auto nach Holland überführt. Heute findet die Beisetzung statt; nur im Beisein der allerengsten Familienangehörigen. Via Youtube kann meine Freundin daran teilnehmen. Sie sehnt sich nach ihrer holländischen Familie, nach den Umarmungen und dem Trost ihrer Geschwister, die wie sie einen Bruder verloren haben. Doch es gibt keine tröstenden Umarmungen, kein gemeinsames Abschiednehmen. Im Schmerz verlangt uns Corona besonders viel ab.

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Usch Vollenwyder

Zeitlupe-Redaktorin