«Frieden beginnt im ­Herzen jedes Einzelnen»

Wie bleibt man ruhig, wenn um ­einen herum Krieg herrscht? ­Franziska Heizmann hat gelernt, ­Risiken nüchtern einzuschätzen und berät NGOs in Krisengebieten. ­Sicherheit beginnt für sie nicht hinter Mauern und in Schutzräumen – ­sondern im eigenen Nervensystem.

Interview: Monica Müller, Fotos: Jessica Prinz

Sie haben viele Sicherheitseinsätze in Krisengebieten geleistet. Wann haben Sie sich zuletzt unsicher gefühlt?
Ich erinnere mich an eine Reise nach Damaskus, kurz nach Kriegsbeginn. Ich war dort, um Sicherheitsvorkehrungen für ein Büro zu prüfen. Wir übernachteten im Sheraton, damals auch ein Treffpunkt für Militärs. Als ich 2003 für die UNO dort gewesen war, hatte ich Damaskus als warm, farbig und voller Leben erlebt. Nun gab es viele leere Wohnungen, die ­Atmosphäre war angespannt. Als ich abends im Bett lag, fühlte ich mich nicht sicher.

Franziska Heizmann
© Jessica Prinz

Zur Person

Als Jurastudentin startet Franziska Heizmann Anfang der 1990er-Jahre in der Luftwaffe und steigt bis zum Major auf. Später leistet sie internationale Friedenseinsätze und arbeitet seit 2007 als freischaffende Beraterin und Trainerin für NGOs in Krisengebieten. Ihre Einsätze führen sie in die Ukraine, den Südsudan, nach Afghanistan, in den Libanon und nach Haiti. Sie ana­lysiert Risiken vor Ort, entwickelt Notfallpläne und bildet Teams für den Ernstfall aus.

Haben Sie häufig Angst?
Selten bis nie. Einen Vortrag vor hundert Leuten zu halten, finde ich anspruchsvoller, als mit einem klaren Arbeitsauftrag in ein Krisengebiet zu reisen. Darauf bereite ich mich vor, kenne die Risiken und weiss, wie ich reagieren kann.

Warum ist Angst ein schlechter Begleiter?
Sie führt zu einem Tunnelblick. Die Basis jedes Sicherheitstrainings ist es, wahrzunehmen, was um einen herum passiert. Mit Angst verengt sich das Gesichtsfeld, man hört und sieht weniger und ist nicht mehr präsent.

Ihr erster Auslandseinsatz führte Sie im Jahr 2000 mit Swissint, dem Kompetenzzentrum der Schweizer Armee für internationale Friedensförderung, in den Kosovo. Warum gingen Sie?
Ich hatte mein Studium abgeschlossen und arbeitete in der Ausbildungsabteilung bei der Bank. Nach der ­Fusion von SBG und Bankverein zur  UBS prallten die Kulturen beider Häuser aufeinander, und ich fühlte mich in der neuen Bank nicht mehr wohl. Ich hatte die Offiziersschule bereits hinter mir und war inzwischen Hauptmann. Das Inserat für den Einsatz im Kosovo klang einfach spannend.

Was erlebten Sie vor Ort?
Einer der Ausbildner sprach von einem «Virus», das viele Menschen ­immer wieder ins Ausland ziehe. Mich erwischte es auch. Ich mochte das Zusammenleben mit verschie­denen Nationalitäten, Sprachen und Kul­turen. Auch wenn ich als ­juristische ­Beraterin eher einen ­Bürojob hatte, war nicht alles so gleichförmig wie zu Hause. Zurück in der Schweiz wurde mir schnell klar, dass ich ­weitere Einsätze machen wollte. So zog es mich bald schon nach ­Georgien, Afghanistan, Haiti, ­Syrien, in den Jemen, nach ­Pakistan, Kenia und Libyen.

Welches waren Ihre Aufgaben?
Sie wandelten sich im Laufe der Jahre. Erst war ich Mitarbeiterin in der schweizerischen humanitären Hilfe, fokussiert auf humanitäre Noteinsätze. Da geht es darum herauszufinden, was die Menschen am meisten brauchen und wie Hilfe ­verteilt werden kann. Nach dem ­Erdbeben in Haiti 2010 haben wir ­beispielsweise Hygieneartikel zusammengestellt und über lokale Strukturen verteilt. Im Libanon ­koordinierten wir nach den Bom­bardierungen 2006 die Evakuierung von Schweizerinnen und Schweizern und verteilten Hilfsgüter.

Franziska Heizmann
«Vor hundert Leuten zu ­reden, ist anspruchsvoller, als in ein ­Krisengebiet zu reisen.» © Jessica Prinz

Seit 2010 sind Sie Sicherheits­beraterin. Was ist der Kern Ihrer ­Arbeit?
Mich beschäftigt immer dieselbe Frage: Wie können Menschen in der Entwicklungszusammenarbeit, der humanitären Hilfe oder im zivilen Friedensdienst ihre Arbeit sicher ausüben? Wir analysieren die Risiken und bereiten uns darauf vor, was im Notfall zu tun ist.

Können Sie ein konkretes Beispiel geben?
Vor rund einem Jahr, noch vor der ­aktuellen Eskalation, bin ich nach Jerusalem gereist und habe mit Mitarbeitenden einer Hilfsorganisation ihre Risiken analysiert: Was kann bei einer Reise in die Westbank passieren, bei einem Checkpoint, einem Autounfall oder einem Erdbeben? Beim Risiko Erdbeben schaut man etwa, wie sicher das Gebäude ist, in dem man wohnt, ob man Gestelle an die Wand nageln sollte, wo man im Notfall Schutz findet, welche lokalen Zivilschutzanweisungen gelten. Wichtig ist, dass die Leute im Ernstfall wissen, was tun.

Welche Risiken werden oft unterschätzt?
Viele denken, in Krisengebieten werde man ständig beschossen und bombardiert, dem ist aber nicht so. Auch Entführungen sind selten. Viel häufiger sind Autounfälle, Strassenkriminalität oder Krankheiten. Ich kenne nur zwei Personen, die bei ­einem Einsatz ums Leben gekommen sind: Eine starb an Denguefieber, die andere bei einem Töffunfall.

Haben wir aus der Distanz eine falsche Vorstellung vom Leben in Krisengebieten?
Ja, denn die Medien zeigen oft das Schlimmste. Als ich 2003 einen Freund in Afghanistan besuchte, dachte ich zunächst, alles sei zerstört. Tatsächlich sah nur ein Teil der Stadt so aus wie auf den Bildern der Nachrichten. An anderen Orten ­waren die Strassen belebt, Basar, ­Bäckereien und Internetcafés geöffnet. Als ich vor zwei Jahren in Kiew war, hatten wir immer eine Tasche dabei, für den Fall, dass wir stundenlang in einem Schutzraum bleiben mussten. War nicht gerade Luftalarm, trafen sich die Leute in Cafés, Foodmärkten und Discos, spielten Tennis. Das Leben geht weiter, was nicht heisst, dass es einfach ist.

Sie sind dort, wo viel Leid herrscht. Wie nah lassen Sie es an sich heran?
Es braucht eine gesunde Distanz. Würde mich alles beschäftigen, was ich vor Ort erlebe, wäre ich ein Wrack. Zusätzlich habe ich mich in «Somatic Experiencing» weitergebildet, weil Sicherheit für mich nicht nur aus Schlössern, Mauern und Abläufen besteht. Auch das Nerven­system und die mentale Gesundheit spielen eine wichtige Rolle.

Wo setzt Somatic Experiencing an?
Es geht darum, wie das Nervensystem auf traumatische Erlebnisse ­reagiert und wie man wieder Sicherheit im eigenen Körper findet. Nach einem Autounfall fragt man nicht: «Wie war der Unfall?», sondern eher: «Wann hast du dich danach im Auto erstmals wieder sicher gefühlt?». Man sucht einen positiven Anker und arbeitet von dort aus weiter. Dabei wird das Erlebte stets mit den körperlichen Empfindungen verbunden. Sagt jemand: «Ich bin so traurig», könnte man fragen: «Gibt es irgendwo in deinem Körper eine Stelle, die sich gerade gut anfühlt?» Dann bewegt man sich zwischen diesen beiden Empfindungen hin und her. So entsteht Raum – und die Möglichkeit, sich zu regulieren. Das ist auch für meine Arbeit wichtig: Nur wenn ich selbst ruhig bin, kann ich mein Gegenüber unterstützen.

Franziska Heizmann
«Es braucht eine gesunde ­Distanz – sonst wäre ich ein Wrack.» © Jessica Prinz

Sie strahlen eine grosse Ruhe aus. Waren Sie schon immer so?
Das Alter und meine Arbeit haben ­sicher dazu beigetragen. Aber ich war nie ein extrovertierter Gispelwirbel. Eine gewisse Klarheit war wohl schon immer da.

Ihre Laufbahn als Sicherheits­beraterin begann bei der Armee. ­Warum haben Sie sich als junge Frau für das Militär entschieden?
Mein Vater war oft im Militär, und das war bei uns zu Hause immer Thema. Als junge Frau war ich neugierig und wollte mir selbst ein Bild machen. Ich fand auch, dass Frauen und Männer Verantwortung übernehmen sollten für den Staat – und dass sie gleiche Rechte und gleiche Pflichten hätten.

1991 absolvierten Sie die Rekrutenschule als Radarsoldatin. Was haben Sie dort erlebt?
Die Rekrutenschule mit nur Frauen war für mich nicht besonders anspruchsvoll. Als Pfadfinderin war ich gewohnt, lange zu marschieren und mich mit der Karte zu orientieren. Als Radarsoldatin arbeitete ich in einer Anlage im Berg, filterte falsche Signale heraus und begleitete Flugübungen. Das war sehr spannend.

1996 folgte die Offiziersschule der Luftwaffe – als einzige Frau unter 65 Männern. Wie fühlte sich das an?
Körperlich konnte ich mithalten. Beim 100-Kilometer-Marsch hätte ich nur 80 Kilometer zurücklegen müssen. Aber ich machte die 100. Auch beim Gefechtsschiessen hätte ich eigentlich nicht mitmachen ­dürfen. Ich argumentierte, es sei schlecht fürs Team, wenn die ­anderen zwei Wochen durch den Schlamm robben, während ich mich zu Hause entspanne. Und so durfte ich am Ende mit.

Was macht Ihnen mit Blick auf die Welt am meisten Sorgen?
Nicht die grossen Konflikte – denn darauf habe ich keinen direkten Einfluss. Vielmehr beschäftigt mich, wie schwer wir Menschen uns schon im Kleinen mit Frieden tun: Familien zerstreiten sich, Paare können nicht miteinander reden, Jugendliche verprügeln andere Jugendliche. Ich glaube nicht, dass Frieden auf einem Papier beginnt, sondern im Herzen jedes Einzelnen. Wenn ich mit mir selbst und meinen Nächsten nicht im Frieden bin, wie sollen Russland und die Ukraine dann Frieden schliessen? Ich glaube daran, dass wir alle miteinander verbunden sind. Je mehr Menschen in sich ruhen, desto mehr ruht auch die Welt in sich.

«Trauern braucht Raum und Zeit – da gibt es keine Abkürzung.» © Jessica Prinz

Was bedeutet das für Sie im Alltag?
Ich versuche, dort hinzuschauen, wo ich tatsächlich etwas bewirken kann. Mitgefühl ist wichtig, aber Mitleid hilft niemandem. Alles, was ich nicht beeinflussen kann, muss mich auch nicht runterziehen. Das gelingt nicht immer gleich gut. Aber: Leiden wir bei allen grossen Unglücken in der Welt mit, bringt das nichts. Vielmehr raubt es uns die Energie für das, ­wofür wir eigentlich präsent und entschlossen einstehen müssten.

Was wünschen Sie sich für Ihre berufliche Zukunft?
Ich brauche die Arbeit und auch das Reisen. Dieses Jahr bin ich bisher nur in Aachen, Köln, Berlin und London gewesen – das ist mir eigentlich zu wenig. Aber es war auch stimmig, mehr zu Hause zu sein, da mein Vater vor einem Jahr gestorben ist. Das macht mich immer noch sehr traurig. Beim Thema Tod bin ich eigentlich entspannt. Trotzdem war ich nicht darauf vorbereitet, meinen Vater zu verlieren. Dass ich ihn nicht mehr anrufen und mit ihm reden kann – er ist einfach weg …

Möchten Sie ein Taschentuch?
Gerne. Ich glaube, man muss da einfach durch. Trauer kann man gut wegschieben, wenn man ständig unterwegs ist und funktioniert. Mir scheint es aber wichtig, mit sich selbst verbunden zu bleiben und nichts abzuspalten. Trauern braucht Raum und Zeit – da gibt es keine Abkürzung.

Sie sind darin geschult, Risiken zu analysieren und Konflikte zu ­bearbeiten. Haben Sie überhaupt noch private Konflikte?
Ach, die gibt es immer! (lacht) Ich mag Konflikte nicht besonders und spreche auch nicht immer alles an. Manchmal denke ich einfach: «Jä nu.» Es ist ja nicht so schlimm, wenn etwas nicht genau so ist, wie ich es gerne hätte. Oder ich denke: Jetzt ist es gerade gut, belassen wir es dabei. Konflikte, über die ich tagelang nachgrüble, gibt es bei mir nicht. Manchmal muss man akzeptieren, dass sich nicht alles lösen lässt.

Von Dübendorf in die Welt

Franziska Heizmann
1996, Dübendorf ZH: Hier macht Heizmann die Offiziersschule, als einzige Frau mit 65 Männern. © privat

Franziska Heizmann
2010, im Heli von Santo Domingo nach Port-­au-Prince: Unterwegs mit dem Soforteinsatzteam der Schweizerischen ­Humanitären Hilfe nach dem Erbeben in Haiti. © privat
Franziska Heizmann
2018, in Dhaka, Bangladesch: Sicherheits­work­shop für German Doctors, eine Hilfs­organisation,
die in den Slums der Hauptstadt ­medi­zinische ­Betreuung leistet. © privat
Franziska Heizmann
2019, Kenia: Heizmann leitet im Rahmen des Zivilen Friedensdienstes einen Workshop für lokale Partner von Agiamondo, einer Orga­nisation für ­internationale Zusammen­arbeit. © privat
Beitrag vom 15.10.2026