Die Steinerschülerin beim Stamme der Lakota
Die Schweizerin Isabel Stadnick zog Anfang dreissig ins Pine-Ridge-Reservat in den USA. Sie tauschte ihre Heimat gegen die Fremde, ein behütetes Leben gegen ein hartes. Ein Tausch, bei dem sie viel verlor und noch viel mehr gewann.
Text: Maximilian Jacobi, Fotos: Roland Tännler
Isabel Stadnick steht auf einer Treppe beim Goetheanum in Dornach SO und sagt über den Sommer vor 37 Jahren, als sie ihr Leben umkrempelte, auf einen anderen Kontinent zog, und das für einen Mann: «Ich kann nicht sagen, dass ich mich verliebt habe.»


Isabel war 32 Jahre alt und kannte den 50-jährigen Bob Stadnick gerade ein paar Wochen, als sie entschied, ihn zu heiraten. Er, Stammesmitglied der Lakota-Indianer, hatte sechs Kinder aus zwei Ehen, mit vier davon lebte er in der Prärie South Dakotas im Pine-Ridge- Reservat, in einer der ärmsten Regionen der USA, vielleicht der ärmsten. Dort unterzeichnete das Paar 1989 die Ehepapiere auf der Motorhaube von Bobs VW-Bus.
Isabel, die nun ebenfalls Stadnick hiess, tauschte ihre Schweizer Heimat, Seepromenaden und Wanderwege, gegen Schlaglöcher und Schlammpisten des Mittleren Westens. Sie tauschte mildes Klima gegen Sommer mit 40 Grad Hitze und Winter mit 40 Grad Kälte und tödlichen Schneestürmen. Sie tauschte ihre Wohnung in Basel und ihre Karriere als Schauspielerin gegen Bobs selbst gebautes Erdhaus im Oglala Lakota County, wo laut US-Behörden fast 60 Prozent unter der Armutsgrenze leben.
Vertrautheit auf den ersten Blick

Und das, ohne verliebt zu sein? «Also ich war es schon irgendwie», sagt Stadnick, «sonst wäre ich ja nicht geblieben.» Die 69-Jährige spricht so locker über ihr Leben, als hätte es keine Narben hinterlassen. Sie habe Bob nie angehimmelt, wie ein Teenager einen Schwarm. Doch als sie das erste Mal mit ihm sprach, abends am Lagerfeuer, während einer Reise ins Reservat, auf der Bob die Gruppe führte, sei dieser Fremde ihr so vertraut gewesen, dass es ihr selbst ein Rätsel war.
Diese Vertrautheit war so stark, dass sie bei Bob blieb, ihn nahm, wie er war: mit Kindern und Ex-Frauen. Sie akzeptierte seine Vergangenheit. Aber nicht nur seine: Isabel Stadnick tauschte auch die Schweizer Vergangenheit aus Aufschwung und Wohlstand gegen eine aus Trauma, Vertreibung und Massakern. Nur eine halbe Autostunde südlich ihres neuen Zuhauses lag das Denkmal von «Wounded Knee», wo US-Soldaten im Dezember 1890 Hunderte Lakota erschossen hatten, auch Frauen und Kinder, sie in Massengräbern verscharrten, und damit den Kampfgeist der Einheimischen brachen.
Wer Besitz hat, gilt als geizig
An Beerdigungen im Reservat gehe sie selten, sagt Stadnick, es seien einfach zu viele. «Ich muss mich schützen.» Zu viele Jugendliche, die betrunken Auto fahren und verunfallen, die erschossen werden, die an einer Überdosis sterben. Isabel Stadnick tauschte eine durchschnittliche Lebenserwartung von 84 Jahren gegen eine von 57, der tiefsten der USA laut dem Magazin Newsweek.
Doch Isabel Stadnick tauschte auch Bergtäler gegen Steppe, Enge gegen Weite. Sie lernte von einer Kultur, in der «geizig» als schlimmste Beleidigung gilt und Menschen fast alles wegschenken, weil Besitz nicht von Reichtum zeugt, sondern von Geiz. Mit Bob bekam sie zwei Töchter und einen Sohn. Und mit anderen Eltern gründeten sie 1993 einen Kindergarten. Den ersten und einzigen, der Kultur und Sprache der Lakota vermittelte. Hierfür wählten sie den pädagogischen Ansatz der Waldorf- und Steiner-Schulen, die Stadnick als Kind in der Schweiz besucht hatte. Noch heute fühlt sie sich der Anthroposophie verbunden. Das Zentrum dieser spirituellen Weltanschauung besucht sie jedes Mal, wenn sie in die Schweiz reist: das Goetheanum in Dornach, dessen Hauptbau durch seine Knubbel und Falten aus Beton von Weitem aussieht wie die Kathedrale einer ausserirdischen Spezies.
Intermezzo in der Schweiz
1997 starb Bob mit 58 Jahren, sein Herz versagte, kurz vor der rettenden Operation. Mit ihren drei Kindern, damals sechs, vier und ein Jahr alt, kehrte Isabel Stadnick zurück in die Schweiz, zu ihren Eltern nach Meggen LU am Vierwaldstättersee. Sie studierte Fundraising-Management, um mehr Geld für den Kindergarten sammeln zu können. Und sie schrieb ein Buch über ihre Jahre bei den Lakota. Auf Drängen ihrer Kinder zogen sie 2008 zurück ins Pine-Ridge-Reservat.

«Ich frage mich oft, ob es auch in der Schweiz passiert wäre», sagt Stadnick. Im Gespräch gestikuliert sie sonst so wild, dass ihr siebenmal die Sonnenbrille aus dem Haar rutscht und zu Boden klappert. Doch wenn sie von ihrem Sohn Clarence erzählt, den sie noch stillte, als sie schon an Bobs Sarg sass, wird sie ruhig, ihre Stimme brüchig. Sein Name steht auf dem Herz aus Gold, das an ihrem Hals hängt, und auf dem 17 Steinchen glitzern.
17 – so alt war Clarence 2013, als er vom Schulbus zur Highschool lief und ihm schwarz vor Augen wurde. Er schlug mit dem Kopf auf den Boden und erlitt eine Gehirnerschütterung. Es war ein heisser Sommer, Clarence wollte mit Freunden Jagen lernen, hatte neu einen Motorradführerschein und zum ersten Mal eine Freundin. Drei Wochen nach dem Sturz nahm er sich das Leben.
«Nie hätte er etwas getan, das mich oder seine Schwestern verletzt», sagt Stadnick. Sie glaubt, dass die Verletzung am Hirn die Persönlichkeit ihres Sohnes veränderte, was ihn zum Suizid verleitete. Doch die Ärzte hätten nicht darauf geachtet, nicht gehört, als sie um ein MRI bat. Obwohl sie mit dem Auto anderthalb Stunden fuhr, um eine Praxis in Rapid City aufzusuchen. Stadnick hält nicht viel vom Krankenhaus im Reservat, dem Indian Health Service, den die US-Regierung den Lakota zur Verfügung stellen muss, weil sie ihnen in Verträgen Pflege und Schutz zusicherte. Isabel Stadnick tauschte die medizinische Versorgung der Schweiz gegen eine «katastrophal schlechte».
Jede Familie hat ihre Tragödie

Mit der Rückkehr ins Reservat habe sie trotzdem nicht gehadert, sagt Stadnick. Das Reservat hat ihr ihre Familie geschenkt, es ist ihr Zuhause. Aber ohne Erklärung für Clarences Tod zu leben, das sei hart gewesen. Jeden Morgen, wenn sie erwachte, schlug ihr die Realität «wie ein Hammer auf den Kopf». Sie habe sich ferngesteuert, befahl sich aufzustehen, Kaffee zu kochen, zu duschen, zu arbeiten. Sie musste ein Vorbild für ihre Töchter sein.
Die Lakota bekochen ihre Trauernden, versorgen sie mit Essen und Gesellschaft, organisieren Zeremonien und Beerdigung. «Es klingt seltsam», sagt Stadnick, «doch jede Familie hat eben ihre Tragödien.» Das harte Leben der Menschen um sie herum habe ihr geholfen. Es relativierte, was ihr widerfuhr. «Ich bin eine von vielen.» Isabel Stadnick machte das Schicksal der Lakota zu ihrem Schicksal.
Wenn Lakota geboren werden, müssen sie eine Welt akzeptieren, in der sie abhängig sind von Geld und Gnade der Regierung, die ihre Ahnen ermordete, ihr Land annektierte, ihre Kultur ausradierte – und das nicht als Fehler anerkennt. Erst letztes Jahr bezeichnete «US-Kriegsminister» Pete Hegseth die Soldaten, die Kinder und Frauen der Lakota erschossen, als «tapfer» und taufte das «Massaker von Wounded Knee» um zum «Kampf von Wounded Knee».
Die verlorene Generation wacht auf
«Reservate waren ursprünglich Gefangenenlager», sagt Stadnick. Die Kinder kamen in Internate, wo die Lehrer ihnen ihre Sprache und Traditionen verboten, weshalb ihr Mann Bob seine Generation eine «lost generation» nannte. Bis heute haben viele Lakota ein gestörtes Verhältnis zu staatlichen Schulen. Über einen Abschluss verfügt nur ein Drittel der Erwachsenen im Oglala Lakota County. Doch gerade Jüngere setzen laut Stadnick heute mehr auf Bildung.
Vielleicht hat auch Stadnick ein bisschen dazu beigetragen, mit ihrer «Lakota Waldorf School», die sie heute leitet. Der Kindergarten wuchs zu einer Schule. Bis in die achte Klasse wird Kindern hier Kultur und Sprache der Lakota gelehrt, neben dem üblichen Stoff. Um die Privatschule im Reservat zu finanzieren, sammelt Stadnick Spenden. «Dabei wollte ich nie mit Zahlen und Computern arbeiten.» Doch gerade diese Arbeit mit Budgets und Bilanzen gab Isabel Stadnick Sinn und Halt nach Clarences Tod.
Isabel Stadnick tauschte Heimat und Beruf gegen ein Zuhause und eine Berufung. Auch mit 69 sieht sie ihre Zukunft im Reservat. Dort kandidiert ihre älteste Tochter gerade für den Senat von South Dakota. Dort lehrt die Jüngere an der «Lakota Waldorf School». Und dort leben ihre beiden Enkel. Der Ältere besucht schon ihren Kindergarten.
Isabel Stadnick: «Wanna Waki. Mein Leben bei den Lakota», Wörterseh Verlag, ca. Fr. 30.–
Schule: lakotawaldorfschool.org
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