© Raffael Waldner

Die Endlichkeit ist meine grösste Herausforderung

Margrit Stamm gehört zu den bekanntesten Bildungsforscherinnen. Auch mit 75 erforscht sie, was sie umtreibt. Im Gespräch erzählt sie, wie ihre Kindheit in einem Arbeitermilieu sie geprägt hat und warum sie nicht meditiert.

Interview: Monica Müller, Fotos: Raffael Waldner

Aktuell beschäftigen Sie sich mit dem Scheitern des Bildungssystems und der darin Ausgebildeten. Wann sind Sie selbst gescheitert? 
Da kommen mir drei Momente in den Sinn: Nach der Bezirksschule habe ich die Prüfung fürs Lehrerinnen-Seminar nicht bestanden und musste zur mündlichen Prüfung antraben. Später, als junge Mutter, wollte ich mich am C. G. Jung-Institut zur Kinderpsychologin ausbilden lassen. Dazu musste ich erst mindestens 100 Stunden Psychoanalyse absolvieren, die mir mein Mann finanziert hat. Darauf folgte ein Assessment, an dem mich Psychiaterinnen und Psychiater in die Mangel nahmen. Ich wurde nicht zugelassen, weil ich zu wenig reif sei. Ich war 34, Lehrerin und Haushaltsmanagerin. Das warf mich völlig aus der Bahn. Ich dachte, mein Leben sei aussichtslos. 

Wie ging es dennoch weiter?
Meine Analytikerin riet mir zu studieren. Daran zu denken, hätte ich mir nie im Leben erlaubt. Ich stamme aus einem Arbeitermilieu. Aber meine Analytikerin fand, ich könne das. Und so begann ich schon bald, mit grosser Motivation Pädagogik, Psychologie und Soziologie zu studieren. Ich war wie ein Schwamm, saugte alles auf und war ziemlich erfolgreich, und doktorierte schliesslich. Ein Professor ermunterte mich, auch noch zu habilitieren. Eine Habil entspricht etwa einer doppelten Doktorarbeit. Diese braucht es, damit man als Uni-Professorin wählbar ist. 

Und?
Zuerst dachte ich: Das kann ich nicht. Dann begann ich damit, steckte wahnsinnig viel Energie rein. Drei Jahre dauerte es, bis ich die ­Arbeit meinem Professor und Mentor vorlegte. Er sagte mir: «Margrit, so kannst du das nicht machen. Was du geschrieben hast, ist so langweilig.» Ich war 49 Jahre alt, hatte drei Jahre dafür investiert und war völlig frustriert. «Jetzt höre ich auf», sagte ich zu meinem Mann. 

Was stimmte Sie um?
Ich wollte diese «Niederlage» nicht auf mir sitzen lassen, ich wusste: Ich kann das. Drei Monate schaute ich die Arbeit nicht mehr an. Dann beherzigte ich die Tipps meines Mentors. Er hatte mir dazu geraten, mit einem Problem einzusteigen und so die Leserinnen und Leser zu fesseln. Das habe ich danach mein ganzes ­Berufsleben befolgt und tue es immer noch. 

«Ich musste alles aus mir selbst schöpfen. Meine Eltern konnten mir nicht helfen.»

Margrit Stamm
© Raffael Waldner

Was hat das Scheitern jeweils mit ­Ihnen gemacht?
Ich denke, ich bin heute auch deswegen erfolgreich. Ich bin widerstandsfähig, habe Biss. Mein Mentor war schliesslich begeistert von meiner überarbeiteten Habil, riet mir, mich auf eine Professur in Fribourg zu bewerben. Das tat ich – und bekam sie. Aber Sie haben ja das Scheitern angesprochen.

Wie steht es ums Scheitern in unserer Gesellschaft?
Scheitern wird heute in Schule und Pädagogik unter den Tisch gewischt. Man schaut, dass die Kinder bloss nicht scheitern. Doch Misserfolge sind etwas sehr Wichtiges. Macht man Fehler, kann man daraus lernen. Darf man scheitern und wird dabei gut begleitet, kann man daraus sehr viel Neues und Lebenserfahrung ­ziehen. 

Wie sind Sie zu Ihrem Biss gekommen?
Das hat sicher auch mit meiner schwierigen Kindheit zu tun. Mein Vater war Bodenleger, meine Mutter war Akkordarbeiterin. Wir wurden sehr autoritär erzogen, ohne grosse Zuneigung. Meine Mutter sagte immer zu mir: «Margrit, du musst nicht meinen, du seist besser als wir. Wir sind Arbeiter.» Ich merkte schon früh, dass ich alles aus mir schöpfen musste. Meine Eltern konnten mir nicht helfen. 

Wie erlebten Sie Ihre Schulzeit?
Ich war sehr fleissig und ging sehr gerne in die Schule. Aber ich war keine besonders gute Schülerin. Ich hatte grosse Prüfungsangst. Die Lehrer trauten mir wenig zu, steckten mich in eine Schublade. Dennoch schaffte ich es in die Bezirksschule, aber ein Lehrer sagte zu meiner Mut­ter: «Die Margrit wird im Deutsch nie auf einen ­grünen Zweig kommen.» Das be­leidigte mich sehr, weil ich mir wirklich Mühe gab. ­Leider kommen solche Benachteiligungen auch heute noch vor. Stammt ein Kind aus einer einfach gestellten ­Familie, sind die Erwartungen der Lehrerinnen und Lehrer nicht selten tiefer. 

Gab es Lehrpersonen, die Sie förderten? 
Ja, im Lehrerseminar hatte ich einen jungen Deutschlehrer, frisch ab der Uni, der sich für mich interessierte und mir sagte: «Sie haben Potenzial, Sie können mehr!» Da blühte ich auf und wurde eine gute Schülerin. Mit 21 lernte ich meinen Mann kennen, der aus sehr guten Familien­verhältnissen kommt und Medizin studierte. Er sagte mir: «Du bist schlau.» Dann begann ich langsam, das zu glauben. 

Wie lernten Sie Ihren Mann kennen? 
Meine Schwester und ich unternahmen einen Ausflug in den Jura und stoppten an einer Tankstelle. Ich erinnere mich genau, wie da ein rotes Auto stand und zwei junge Männer tankten. Es war eine Szene wie im Film. Eines Abends klingelte das ­Telefon bei uns zu Hause, es war Walter Stamm – heute mein Mann. Er sagte, er habe mich an der Tankstelle gesehen und wolle mich gerne kennenlernen. Er lud mich zu einer Veranstaltung ein. Ich war sehr angetan von ihm. Als ich erfuhr, dass er im Gönhard-Quartier – dem Zürichberg von Aarau – lebte, dachte ich: Wenn der merkt, wer wir sind, ist es aus. 

Wie war das erste Treffen bei Ihnen zu Hause?
Ich genierte mich, weil wir in einer Dreizimmerwohnung lebten und ich das Zimmer mit meiner Schwester teilte. Auf unserem Pult stand die Strickmaschine meiner Mutter. Einmal, als er bei uns ass, sagte sie: «Wir haben nur Resten.» Worauf er antwortete, das möge er am liebsten. Er war sehr locker, unkonventionell. Schon bald bin ich bei seiner Familie ein- und ausgegangen. Bei ihnen lernte ich, dass man beim Essen miteinander sprechen kann, nicht nur schweigt und Fernsehen schaut. Und dass man auch über Dinge diskutieren kann, wenn man unterschiedlicher Meinung ist. Sie brauchten Wörter, die ich nicht kannte und mir zu Hause aufschrieb. Wie «implizit», ein gutes Wort. In dieser Familie wurde ich neu sozialisiert. Da realisierte ich, dass Welten dazwischen liegen, was einem im Leben mitgegeben wird. 

Wie begann Ihr gemeinsames Leben?
Wir heirateten als ich 22 und er 24 Jahre alt war. Ich arbeitete als Lehrerin und verdiente für uns beide, während er studierte. Das stärkte mein Selbstwertgefühl. Seine Eltern sorgten sich zuerst, ich würde ihm den Kopf verdrehen und er würde das Studium nicht abschliessen. 

«Obwohl ich meine Kinder enorm genoss, fiel es mir schwer, ausschliesslich Hausfrau zu sein.»

Margrit Stamm
© Raffael Waldner

Hatte Ihr Mann Mühe damit, dass Sie zuerst das Geld verdienten?
Überhaupt nicht. Als er seine Arztpraxis eröffnete, sagte er zu mir: Sobald sie läuft, bist du dran. Er hielt Wort. Mit 35 Jahren und zwei Kindern im Schulalter begann ich zu ­studieren. Das war für mich ein neues Leben. Denn obwohl ich meine Kinder enorm genoss, fiel es mir schwer, ausschliesslich Hausfrau zu sein. Das darf man heute fast nicht mehr sagen, aber ich langweilte mich manchmal. 

Wie organisierten Sie sich?
Wir hatten eine Art Nanny, die zwei, drei Mal pro Woche zu uns kam, zu den Kindern schaute und putzte. Mein Mann ging über Mittag immer nach Hause und kochte. Den Mittwochnachmittag nahm er frei und arbeitete dafür am Samstagmorgen. Die Leute zerrissen sich die Mäuler, fanden: Was für ein armer Mann, die ist egoistisch, nutzt ihn aus. Das hat sich gewaltig geändert, als ich meine Diss hatte. Plötzlich war ich nicht mehr die Frau Doktor, weil mein Mann Arzt war, sondern weil ich Doktorin in Erziehungs­wissenschaften war. Das war eine ­Genugtuung.

Mit 40 hatten Sie das Liz, mit 50 eine Stelle als Professorin. Mit 60 kündigten Sie diese. ­Ein eher unüblicher Lebenslauf. 
Ich bin eine Spätzünderin. Ich könnte längst pensioniert sein, aber ich liebe meinen Beruf, lebe meinen Traum. Er ist für mich fast ein Geschenk. Seit ich von der Uni weg bin, kann ich mich genau dem ­widmen, was mich am meisten interessiert. An der Uni Freiburg hatte ich während fünf Jahren zwei Lehrstühle inne: Prüfungen abnehmen, Kommissionssitzungen abhalten, neue Studiengänge planen – nach­gedacht und geforscht habe ich am Wochenende. 

Das klingt nicht gerade nach einer gesunden Balance. 
Ich befand mich in dieser Zeit in ­einem Tunnel, habe für den Beruf ­gelebt und Freundschaften auf­gegeben. Meine Familie sorgte sich um mich. Das war auch mit ein Grund, weshalb ich mich nach einem Sabbatical von der Uni verabschiedete. Selbstfürsorge habe ich eigentlich erst mit 60 gelernt. Ich wurde zu Fleiss und Rechtschaffenheit erzogen und habe heute noch das ­Gefühl, wenn ich ­etwas will, muss ich liefern. Auch Selbstzweifel kommen immer ­wieder auf. Aber heute weiss ich, wie mit ihnen umgehen. 

Ein Forschungsthema, das Sie ­umtreibt, ist der Leistungsdruck. 
Ich habe schon viele Referate zum Thema gehalten, Eltern und Lehrpersonen waren jeweils dabei. Da gibt es immer ein Hickhack: Die ­Eltern sind überzeugt, die Schule mache den Leistungsdruck. Und die Lehrpersonen glauben, er komme von den Eltern. Sicher ist, dass die Akademisierung vieler Berufe eine Rolle spielt und die Dynamik von ­vielen Faktoren verstärkt wird. Alle geben vor, das Beste für die ­Kinder zu wollen. 

Was ist das Beste für die Kinder?
Man sollte ihnen mehr Raum geben, verstehen, was sie können und möchten. Und zulassen, dass sie einfach durchschnittlich sein, Fehler machen und Misserfolge haben dürfen.

Haben Sie Enkelkinder?
Nein, und ich glaube nicht, dass wir noch Grosseltern werden. Eine Zeit lang belastete mich das. Man wird immer sofort gefragt, ob man Enkel hat. Und die, die Enkel haben, kommen dann ins Schwärmen. Für mich ist es viel wichtiger, dass unsere ­Kinder gute Beziehungen zu ihren Partnern haben. Das ist das grösste Geschenk.

Was ist wirklich wichtig im Leben?
Kürzlich hat mich eine Studentin gefragt, was ich ihr raten würde fürs Leben. Ich sagte: Spüre, was du willst, verfolge das, wofür du Leidenschaft empfindest. Und mach bloss nicht, was man von dir erwartet oder was möglichst viel Geld einbringt. 

«Im Alter von 60 Jahren habe ich mit Ballett angefangen.»

Was ist wichtig, wenn man älter wird?
Neugierig bleiben. Sich nicht nur mit Menschen umgeben, die dasselbe denken, sondern sich von anderen und ihren Lebensentwürfen herausfordern lassen. Kritikfähig bleiben. Sich Ziele setzen. Viele, die nicht mehr gebraucht werden, vermissen etwas im Leben. Ich finde es sehr wichtig, dass man aktiv bleibt: bewegungsmässig und intellektuell. Mit 60 Jahren habe ich mit Ballett angefangen. Wir sind eine Gruppe mit ­Alten und Jungen, Dünnen und Dicken. Mit unterschiedlichen Leuten zusammen zu sein, Körpergefühl und Balance lernen, finde ich wunderbar. Ach, ich töne jetzt so, als wäre ich vollkommen eingemittet.

Sind Sie das nicht?
Ich fühle mich schon noch sehr fit und präsent, aber die Endlichkeit ist meine grösste Herausforderung. Mit dem Alter habe ich überhaupt kein Problem. Aber die Endlichkeit verunsichert mich.

Warum?
Zum einen werde ich nicht mehr alle Ideen noch verwirklichen können. Zum anderen lebe ich in einer langjährigen Partnerschaft, die noch sehr gut und intensiv ist. Ich bin zwar ausserordentlich selbständig. Und mein Mann ebenfalls. Aber was, wenn der eine stirbt? Wenn ich plötzlich alleine hier stehe? Ich weiss auch nicht, warum mich das so ängstigt. 

Sie haben bestimmt Thesen.
Alle sagen mir, ich müsste meditieren. Ich habe es schon versucht, ­erfolglos. Es liegt mir einfach nicht. Ich habe dann negative Gedanken, die ich sonst nicht habe. Mein Mann meditiert seit 30 Jahren. Er sagt, am Anfang kämen solche Gedanken, da müsse man durch. Aber ich habe eine innere Ablehnung. Auch Yoga ist nichts für mich. 

Was haben Sie noch ausprobiert?
Wir gehen einmal im Jahr in ein ­Retreat ins Kloster Engelberg. Dort ­haben wir immer ein Gespräch mit einem Pater, der auch Psychologe ist. Ich habe ihm mein Problem mit der Endlichkeit geschildert. Wo ich mich besonders wohlfühle, hat er mich ­gefragt. In leeren Kirchen, sagte ich. Also hat er mir empfohlen, in Kirchen zu gehen. Dort fühle ich mich geborgen. Aber wenn ich sie verlasse, merke ich: Ich kann das gute Gefühl nicht in den Alltag mitnehmen. 

Was meint Ihr Mann dazu?
Er findet es wichtig, dass ich mich mit der Endlichkeit befasse. Im ­Gegensatz zu mir hat er viel Urvertrauen. Und er ist überzeugt, dass es so kommt, wie es muss. Das ist mir leider nicht mitgegeben worden. ­Wissen Sie, was das Achtsamste ist, das ich mache? 

Nein.
Joggen am frühen Morgen im Wald. 

Zur Person

  • Margrit Stamm (75) wuchs in Aarau auf und lebt dort mit ihrem Mann in getrennten Wohnungen. Gemeinsam ­wandern sie in Etappen nach Santiago de Compostela.
  • Sie studierte Erziehungswissenschaften und Psycho­logie, promovierte und hab­ilitierte im Bereich Pädagogische Psychologie. Sie leitet das Forschungsinstitut Swiss Education in Aarau.
  • Sie ist Gastprofessorin an diversen Unis im In- und Ausland und forscht für nationale und internationale Studien. In ihrem Podcast Education2Go beleuchtet sie die aktuelle ­Erziehungs- und Bildungslandschaft.

Forschung

  • Margrit Stamms Forschung hat mit ihrer Biografie zu tun. So erforscht sie frühkindliche Bildung, Chancengerechtigkeit, Geschlechterrollen, Begabung und Talententwicklung in der Hochleistungsgesellschaft.
  • In der Schweiz korreliert der Bildungserfolg stark mit der sozio-ökonomischen Herkunft. Margrit Stamm plädiert dafür, akademische und praktische Stärken gezielt zu fördern und bei der Berufswahl Neigungen und Fähigkeiten stärker zu gewichten.
  • Sie warnt davor, Kinder ins Gymnasium zu drängen, wenn ein anderer Weg besser zu ihnen passt. Sie sensibilisiert dafür, auch jene Talente zu fördern, die von zu Hause aus wenig Unterstützung haben.

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Beitrag vom 10.06.2026