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«Mit Rentnern kommen die guten alten Werte ins Haus»

Die Plattform Rent a Rentner vermittelt ­Seniorinnen und Senioren für Jobs. Das ­Geschäft läuft besser denn je. Mit­gründer Reto Dürrenberger über Arbeit ohne ­Ablaufdatum und das Älterwerden.

Text: Monica Müller, Fotos: Christian Senti

Reto Dürrenberger, nutzen Sie das Angebot von Rent a Rentner auch selbst?
Ja klar, für Gartenarbeit oder auch für kleinere Jobs in meiner Werbeagentur.

Sie haben die Plattform 2009 mit ­Ihrer Lebenspartnerin Sarah Hiltebrand und ­Ihrem Schwiegervater ­Peter Hiltebrand lanciert. Wie hat sich das Business seither verändert?
Als wir die Plattform gründeten, war es noch zu früh für die Idee. Die Rentnerinnen und Rentner wollten noch nicht arbeiten. Und die Leute fanden: Wieso sollen wir Pensionierte buchen? Wir mussten beide Seiten erst für die Idee gewinnen. Heute ist die Welt eine andere.

Inwiefern?
Der Markt ist rauer geworden. Es geht den Leuten nicht mehr so gut. Um die 300 000 Menschen über 65 leben an oder nahe der Armutsgrenze – das wird in der reichen Schweiz totgeschwiegen. Viele Mitglieder suchen mehr Aufträge, weil sie nicht wissen, wie sie über die Runden kommen.

Wie hat sich das Altersbild ­verändert?
Als mein Vater 65 wurde, fand er: Jetzt bin ich endlich pensioniert, ich will noch ein paar Jahre meine Rente geniessen. Vor 20 Jahren war man mit 65 Jahren alt, heute ist man in dem Alter noch voll im Saft. Die frisch Pensionierten denken noch lange nicht ans Sterben. Sie wollen noch etwas erleben: reisen, aktiv sein oder eben arbeiten.

Was sind die Beweggründe, dass Rentner ihre Dienste anbieten?
Ich gehe von 20 Prozent aus, die ­wegen des Geldes arbeiten. Etwa 40 Prozent jobben, um sich etwas Spezielles wie eine Städtereise oder ein Wellness-Wochenende zu leisten. Vielen geht es vor allem aber auch darum, etwas zu tun. Wer plötzlich nicht mehr gebraucht wird und keine Bestätigung mehr bei der Arbeit bekommt, fällt in ein Loch. Unsere Rentnerinnen und Rentner wollen noch etwas bewegen.

«Vor 20 Jahren war man mit 65 alt. Heute ist man da noch voll im Saft.»

Welche Rückmeldungen erhalten Sie?
Rentnerinnen und Rentner haben ein positives Image. Sie ziehen die Schuhe aus, wenn sie die Wohnung betreten, sind anständig, nicht gestresst. Ist die Arbeit erledigt, trinkt man oft zusammen noch einen Kafi. Das schätzen beide Seiten: Man kennt seine Nachbarn nicht mehr, ist stattdessen bei Instagram und Facebook. Mit den Mietrentnern kommen auch die guten alten Werte ins Haus, das Menschsein steht im Vordergrund.

Wie rege wird die Plattform genutzt?
3500 Rentnerinnen und Rentner bieten sich in der ganzen Schweiz an. Die Frauen haben aufgeholt und ­machen heute die Hälfte der Mitglieder aus. Rund 5000 Kundinnen und Kunden buchen sie regelmässig.

Wie sieht das Preisschild aus?
Unsere Richtlinie beträgt 25 bis 50 Franken pro Stunde, die Rentnerinnen und Rentner machen den Preis. Dogsitting kostet um die 25 bis 30 Franken, Gartenarbeit eher weniger, Zimmerstreichen etwas mehr. Es ist immer noch günstiger, als wenn ich einen Maler engagieren würden. Wir nehmen KMUs aber keine Aufträge weg. Welches KMU flickt schon eine kaputte WC-Brille oder hängt ein Bild auf? Einige Rentner sind sehr stark eingebunden und verdienen bis zu 3000 Franken im Monat.

Es sind 327 Tätigkeiten im Angebot. Vom Velokurier über Coaching bis zu einem gemeinsamen Kaffeekränzli. Was wird am meisten gebucht?
Im Frühling sind Gartenarbeiten wie Hecken und Bäume schneiden gefragt. Immer nachgefragt werden Arbeiten rund ums Haus, wie Bodenplatten verlegen. Auch Steuererklärungen ausfüllen, Hunde ausführen, Kinder hüten oder Pflanzen giessen während Ferienabwesenheiten stehen hoch im Kurs. Weniger gefragt sind juristische Angebote.

Rent a Rentner

Rent a Rentner ist die grösste Schweizer Onlineplattform, auf der man ältere Menschen für kleine Arbeiten mieten kann. Wer seine Dienste anbieten will, kann dies kostenlos tun. Wer eine Premium-Mitgliedschaft für sieben Franken im Monat löst, kann mehrere Tätigkeiten offerieren.

Eng mit der Plattform Rent a Renter verbunden ist das Kennenlern-Portal Date a Rentner.
Hier können Rentnerinnen und Rentner nach einem passenden Date suchen.

Hinter beiden Plattformen steht die Boomer AG, welche Reto Dürrenberger und Sarah Hiltebrand gegründet haben.

Leserinnen und Leser der Zeitlupe können das Premium-Abo bis am 31.7.26 gratis testen. Geben Sie dazu den Code zeitlupe26 ein.

Was braucht es, dass ein Profil ­ankommt?
Wie auf einer Datingplattform hilft ein sympathisches Foto. Der Kunde will gern wissen, wem er seinen Garten oder Hund anvertraut. Zudem ist es sinnvoll, mehrere Tätigkeiten aufzulisten. Nur Coaching oder Flötenunterricht in Regensdorf würde nicht sehr viele Anfragen auslösen. Manche bieten unglaublich viel an, ein ehemaliger Koch etwa führt über 30 Tätigkeiten auf.

Hätten Sie je erwartet, dass die Idee mit den Mietrentnern so durchstarten würde?
Niemals. Der Schwiegervater wollte arbeiten und andere um ihn auch. Und wir wollten sie dabei unterstützen. Für uns war es auch eine Spielerei, die wir frech bewarben «An die Arbeit, alter Sack» oder «Mieten Sie eine alte Schachtel».

Wie kam das an?
Unterschiedlich. Manche fanden es daneben und meldeten sich deswegen nicht an. Andere meldeten sich bei uns und unterschrieben mit «euer alter Sack Bruno».

Wann haben Sie realisiert, dass die Sache Fahrt aufnimmt?
2010 und 2011 begannen die Medien sich für uns zu interessieren, SRF und «Blick» berichteten, wir gewannen Marketingpreise. Bald schon meldete sich Bloomberg News aus den USA und zwei koreanische Influencerinnen besuchten uns.

Sie sind als Pioniere gestartet. Was hat sich verändert, seit Sie 2019 den SilverEco & Ageing Well Inter­national Award in Tokio gewonnen haben?
Wir sind erwachsen und seriöser geworden. Jetzt sind wir keine frechen Teenager mehr. Die neue Kampagne zeigt Rentnerinnen und Rentner auf Jugendfotos, daneben steht etwa «Früher Aufschneider. Jetzt Heckenschneider.» oder «Früher Modepuppe. Jetzt Schneiderin.»

«Sind Rentner unterfordert, können sie zu Motzern werden.»

Wie spricht man Boomer an, wie ­vergrault man sie?
Wir verbiegen uns nicht. Wir wollen die Rentner nicht älter machen, als sie sind und sprechen sie per Du an. Dabei sind wir positiv, ehrlich und respektvoll.

Sie sind jetzt 57 …
… das verdränge ich (lacht). Bei ­ meinem letzten Interview wollte ich mein Alter nicht nennen. Ob ich ein Problem mit dem Alter habe? Wohl schon. Um ehrlich zu sein: Ich hadere damit. Ich werde dieses Jahr 58, in acht Jahren bin ich pensioniert. Ich fühle mich aber nicht so alt. Und doch mache ich mir Gedanken, was kommt noch? Im Alter ist es wie mit einem Oldtimer: man muss ständig etwas nachjustieren oder reparieren. Meine Mutter ist 89 und sagt: «Sono alla frutta», ich bin beim Dessert angekommen, jetzt ist dann mal gut. Das Dessert finde ich ein schönes Bild für das Alter.

Was gefällt Ihnen am Älterwerden?
Ich bin gelassener geworden, weiser, muss nichts mehr beweisen. Ich weiss, was Sache ist und was ich kann. Ich muss auch nicht mehr die ganze Welt bereisen. Es zieht mich heute eher ins Calancatal.

Was braucht es, damit das Alter ­positiver wahrgenommen wird?
Rent a Rentner! Sind Rentner unterfordert, können sie zu Motzern werden und ärgern sich über falsch parkierte Autos oder laute Nachbarn. Bleiben sie aktiv, gehen sie in die Welt hinaus, tauschen sich aus, sind erfüllt und fühlen sich nicht alt.

Welche Dienste werden Sie künftig bei Rent a Rentner anbieten?
Ich bin eine handwerkliche Niete. Bilder aufhängen, Garten giessen, Kindergeburtstage ausrichten – das ist nicht meins. Eher würde ich Hunde spazieren führen, ich habe eine Schwäche für kleine Hunde. Und ich könnte Unternehmer ­coachen und ihre Start-ups unter­stützen.

Hans Willi (81): «Ich mache ein bisschen alles»

Hans WilliHans Willis Werkstatt ist vollgestopft mit Maschinen und Bauteilen, von der Decke hängen Modellflug­zeuge. Gerade tüftelt er daran, ein Schaukelpferd so umzubauen, dass sein Enkel sich mithilfe von Pedalen darauf fortbewegen kann. «Sollte es hie und da auch wiehern?», fragt er sich.

Als Teenager spielte Hans Willi Saxophon in einer Band und wollte eigentlich Musiker werden. Seine Eltern aber befanden: du musst einen Beruf lernen. So wurde er Maschinenmechaniker. Um neben der Arbeit auch noch Zeit für die Musik zu haben, freelancte er nach Abschluss der Lehre, fuhr Taxi. Auch dort kam sein praktisches Talent zum Zug: Schon bald baute er die Funkanlagen für die gesamte Autoflotte ein. Als Familienvater konzipierte er jah­relang Stände für Messen. Liess Roboter Ballett tanzen oder inszenierte Produkte mit Laserstrahlen. «Ich liebte es, mich kreativ auszutoben.»

Das macht er noch heute. Sieben Tage die Woche ist er in seiner Werkstatt in Spreitenbach AG oder unterwegs für Rent a Rentner. «Ich mache ein biss­chen alles», sagt er lächelnd. Er flickt Kaffee­maschinen, Autos, Standuhren, baut Küchen ein, verlegt Bodenplatten, verkleidet Wände, restauriert Möbel. Kürzlich hat er eine 50-jährige Bespannungsmaschine für Tennisrackets wieder zum Laufen gebracht. Er liebt es, herauszufinden, wo der Fehler liegt. Und ihn dann zu beheben. Rent a Rentner findet er «eine irrsinnige Sache», denn er «hat gerne etwas zu tun».

Rita Maura Giger: «Ich komme ganz beflügelt nach Hause »

Rita MaurerRita Maura Giger ist seit vergangenem Sommer bei Rent a Rentner dabei und seit Herbst prasseln die Anfragen nur so rein. Sie hütet kleine Kinder, packt beim Mittagessen in einem Sek-Hort mit rund 100 Kindern an, führt Hunde spazieren. Sie hilft beim Kleiderausmisten. Oder begleitet andere in die Phy­siotherapie und zu Arztterminen. Einmal half sie einer älteren Dame beim Umzug in eine Alterswohnung. «Ich komme jeweils ganz beflügelt nach Hause», erzählt sie.

Sie geniesst es, Menschen zu begegnen, interessante Tätigkeiten auszuüben und Neues dazuzulernen. Gerne würde sie auch anderen vorlesen, sie an kulturelle Anlässe begleiten oder mit ihnen wandern. Mittwochs, donnerstags und freitags ist sie voll ausgelastet, mit Jobs und der Enkelin, montags und dienstags hält sie sich frei.

Viele Jahre arbeitete Rita Maura Giger als selbstständige Beraterin von KMUs. Nun geniesst sie es, Neues zu erleben und doch frei zu sein.

Martin Wondrusch (85): «Es geht mir um die Begegnungen»

Willi Wondrusch«Ich war die Nummer 49, als ich 2010 bei Rent a Rentner startete, damals war ich 69.» So beginnt Martin Wondrusch zu erzählen, und es wird gleich klar: Er ist ein Zahlenmensch.

Schon als Bub spielte er Bürolist. Als gelernter Radioelektriker montierte er zuerst TV-Antennen auf den Dächern. Schon bald sprang er beim Verkauf ein, reparierte dann in den USA Hi-Fi-Geräte aus Deutschland. Nach einer kaufmännischen Weiterbildung fand er schliesslich zur Buchhaltung, seiner Leidenschaft.

Dieses Know-how bietet er noch heute an, denn er liebt es, Ordnung in ein System zu bringen. Über seine Engagements hat er Einblicke in neue Welten bekommen. So baute er beispielsweise die Buchhaltung für einen Verein auf, der einen Landwirtschaftsbetrieb in der Ukraine unterstützt. «Dabei spannte ich zusammen mit einem lokalen Buchhalter, der in kyrillischer Schrift schrieb und Russisch sprach. Hochspannend war das!», schwärmt er.

Manche kommen mit Papiertüten voller Dokumente zu ihm, andere mit chaotischen Listen. «Ich hole ihre Bedürfnisse ab und komme mit Lösungen», sagt er. Der Verdienst stehe für ihn nicht im Vordergrund. «Es geht mir um die Begegnungen.»

Beitrag vom 15.05.2026