Am 14. Juni stimmen wir über die Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» ab. Die Initiative will die Zuwanderung deckeln, damit bis 2050 nicht mehr als zehn Millionen Menschen in der Schweiz wohnen. Gäbe es bei einem Ja noch genügend Pflegekräfte?
Text: Maximilian Jacobi, Illustration: ChristopherCorr
Christoph Golz
Christoph Golz, Sie forschen an der Berner Fachhochschule zum Thema Gesundheitsversorgung. Wie viele Menschen aus dem Ausland arbeiten in der Schweiz in der Pflege? Ein gutes Viertel kommt aus dem Ausland. Besonders in den Grenzkantonen arbeiten sehr viele Pflegefachpersonen mit ausländischen Diplomen. In Genf beispielsweise sind es mehr als die Hälfte. Das zeigen Zahlen des Bundes. Aber auch in der Zentralschweiz arbeiten Pflegende aus dem Ausland. Wird die Initiative angenommen, wäre wohl in erster Instanz die Zentralschweiz betroffen. Dort können die ausländischen Fachpersonen schlecht täglich über die Grenze pendeln und ziehen deshalb in die Nähe ihres Arbeitsplatzes. Eine Zunahme der Wohnbevölkerung will die Initiative aber explizit deckeln.
Wir sind in der Pflege also abhängig von ausländischen Fachpersonen? Ja, insbesondere bei Pflegenden mit Hochschulniveau. Ein Drittel von ihnen erwarb das Diplom im Ausland. Das ist vor allem deswegen interessant, weil Studien zeigen: Sinkt der Anteil von diplomierten Pflegefachpersonen, steigt die Sterberate von Patientinnen und Patienten.
2021 wurde die Pflegeinitiative angenommen. Könnten wir nicht einfach selbst genug Pflegende ausbilden? Die Umsetzung kam erst ein paar Jahre später in Gang. Was sie konkret bewirkt, muss sich erst zeigen. Bislang wird nur ein Teil der Initiative umgesetzt und massiv in die Ausbildung investiert. In den nächsten Jahren werden wir sehen, ob dadurch tatsächlich mehr Pflegende ein Diplom machen. Der zweite Teil der Initiative verlangt, dass die Arbeitsbedingungen in der Pflege verbessert werden. Wie das geschehen soll, wird aktuell in der zuständigen Kommission des Nationalrates diskutiert. Bis die Arbeitsbelastung in Gesundheitsorganisationen abnimmt, vergehen wohl noch Jahre. Insbesondere wegen der Belastung hat das Pflegepersonal geringe Motivation, im Beruf zu bleiben – im Vergleich zu anderem Gesundheitspersonal.
Der Pflege laufen also die Fachpersonen davon, wodurch der Druck auf die verbliebenen Pflegenden steigt. Kündigen dadurch noch mehr Menschen? Unter anderem – wir stecken in einem Teufelskreis. Der Bund nennt das den «Ersatzbedarf», der in der Pflege besteht. Also der ständige Bedarf an Fachpersonen, die diejenigen ersetzen, die nicht mehr können und wollen oder pensioniert werden. Der Ersatzbedarf durch die Pensionierungen und die frühzeitigen Berufsausstiege wird bis 2029 auf 42 000 Pflegende geschätzt. Es gibt aber noch einen Grund für die enorme Nachfrage nach Fachpersonen in der Pflege.
«Sinkt der Anteil von diplomierten Pflegefachpersonen, steigt die Sterberate von Patientinnen und Patienten.»
Nämlich? Den sogenannten «Zusatzbedarf». Durch die alternde Bevölkerung brauchen wir immer mehr Pflegepersonal. Insgesamt sind bis 2029 durch Zusatzbedarf 28 000 Vollzeitstellen in der Pflege zusätzlich zu besetzen. Der demografische Wandel trifft die Pflege so doppelt: Weil es grundsätzlich mehr Pflegende braucht. Und weil gleichzeitig mehr Pflegende in Rente gehen. Nimmt man Ersatz- und Zusatzbedarf zusammen, entsteht eine Nachfrage nach Pflegepersonal, die aktuell nur zu 70 Prozent durch Nachwuchs gedeckt werden kann.
Ist die Pflegeinitiative also gut gemeint, aber letztlich nutzlos? Nein, es ist notwendig, dass wir die Pflegeberufe stärken. Allerdings steigt der Bedarf an Pflegenden rasant. Mein Eindruck: Im besten Fall gelingt es uns, dass wir nicht noch abhängiger von ausländischen Fachpersonen werden. Nicht, dass es schwierig wäre, Pflegende aus dem Ausland in die Schweiz zu holen. Die hohe Lebensqualität, die Entwicklungsmöglichkeiten und die Löhne locken viele Menschen an. Wir sollten uns aber nicht zu sehr auf Pflegepersonal aus dem Ausland verlassen.
Wieso? Es ist unethisch, sich auf Fachpersonen zu verlassen, die in anderen Ländern ausgebildet wurden, meist auf Kosten von Steuerzahlenden. Das gilt insbesondere in der Gesundheitsbranche. Fehlt dort das Pflegepersonal, leiden darunter Betagte und Kranke. Holt sich die Schweiz etwa Pflegende aus Deutschland, sucht Deutschland Personal in einem anderen Land. Dieses Land rekrutiert wiederum aus einem anderen Land, das wirtschaftlich schlechter dasteht. Und dort, am Ende dieser Kette, hat man das Nachsehen. Deswegen unterschrieb die Schweiz 2011 den Verhaltenskodex der WHO. Er sieht vor, dass Länder Massnahmen treffen, um eigenes medizinisches Personal auszubilden und zu halten. Allein schon deshalb müssen wir in die Pflege investieren.
Zur Person
Christoph Golz ist Professor an der Berner Fachhochschule. Er forscht zu verschiedenen Aspekten der Pflege, u. a. zu Ausbildung, Arbeitsbedingungen und nachhaltiger digitaler Transformation. Golz (35) lebt in Worb BE.
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