Durch Zufall stiess die Polizei auf Rolf Angsts Werkstatt, in der sich Millionen Dollar Falschgeld stapelten. Sie machte seine Hoffnung auf einen Lebensabend in Wohlstand zunichte. Für Geld hatte er nie ein glückliches Händchen.
Rolf Angst steigt über die Pfütze hinweg. Die zwei Cent, die darin liegen, ignoriert der 73-Jährige. Regen platscht in die Pfütze und auf seine Glatze, während Angst die Haustür auf dem Hinterhof im thurgauischen Aadorf aufschliesst. Vielleicht hat er die Münze in der Lache nicht gesehen. Und selbst wenn: Was kümmern zwei Cent einen Mann, der vor drei Jahren noch mit Millionen Dollar hantierte? Bis am 16. November 2022 gegen zehn Uhr, als drei Zürcher Kantonspolizisten in seine damalige Werkstatt in Urdorf ZH platzten. «Ich dachte nur: Das wars», sagt er. «Angst ist vollumfänglich geständig», steht im Polizeibericht.
Rolf Angsts Dossier bei der Bundespolizei trägt den Operationsnamen «Grant». Benannt nach Ulysses S. Grant, dem 18. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Sein Gesicht ziert die 50-Dollar-Note. Und es zierte die Millionen Dollar Falschgeld, die sich am 16. November in Rolf Angsts Werkstatt stapelten. Wie er dabei genau vorging, versuchten die Ermittelnden in zahlreichen Verhören zu rekonstruieren. Es klingt fast anerkennend, was der Staatsanwalt später vor Bundesgericht über den Fall sagte: «Die Professionalität sucht in der Schweizer Kriminalgeschichte ihresgleichen.»
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Verhörprotokoll Ermittler: «Bitte schildern Sie mir kurz Ihren Lebenslauf, Sie haben das Wort.» Angst: «Ich bin in Schwamendingen aufgewachsen …»
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Vor 60 Jahren war alles noch ein Witz. Rolf Angsts Mutter nähte Vorhänge in ihrem Atelier im Zürcher Arbeiterquartier und kochte am Mittag für Rolf und seinen Bruder. Vom Vater hatte sie sich scheiden lassen, weil er sie schlug. «Ich konnte nie mit Geld umgehen», sagt Angst. Seine Mutter gab ihm sieben Franken Sackgeld im Monat. «Bevor ich es bekam, war es schon verplant.» Genau wie die paar hundert Franken Lohn, die er dann während seiner Lehre als Buch- und Offsetdrucker verdiente. Er frisierte damit sein Töffli. Nebenher besuchte er die Kunstgewerbeschule Zürich. Ein Klassenkamerad und er stellten fest, dass sie mit den Dingen, die sie dort lernten, sogar Geld fälschen könnten. «Ein Witz», sagt Angst.
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Verhörprotokoll Ermittlerin: «Wie schätzen Sie das Fachwissen in Sachen Geldfälschung Ihres Komplizen ein?» Angst: «Etwa so wie Ihres. Er vertraute mir und es ging. Es ist wie ein Sport. Es ist Kunst. Ein Kunsthandwerk …»
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Auch heute noch lächelt Rolf Angst, wenn er vom «OBA-freien Overlay-Papier» spricht, auf das er die Blüten druckte, damit sie sich anfühlten wie echte Dollars. In seinem Zimmer in Aadorf stehen ein Schrank, ein Bett, ein Waschbecken mit Herdplatte und ein Tisch mit Computer. Kaum mehr Wohnraum als auf einer Tischtennisplatte. «Etwa wie im Gefängnis», sagt er und lacht. Dabei entblösst er den Stumpf, wo einst sein rechter Schneidezahn war. Auf seinem Computer zeigt er Fotos: Von einem jungen Mann mit schwarzen Locken, blauen Augen und Grübchen. Der Mann fährt Ski oder Motorrad, sitzt auf Felsen im Gebirge. Rolf Angst, bevor er auswanderte.
Später, in den 1990er-Jahren bedruckte er in Bangkok Melamingeschirr. Er wohnte in einem Quartier mit Zaun darum und Wächter davor, allein in einem Haus mit drei Stockwerken und Marmorböden. Für Schweizer Verhältnisse verdiente er gut, für thailändische Verhältnisse phänomenal. «Ich brachte das Geld wieder unter die Leute», sagt er, die offizielle Antwort. Die inoffizielle: «Ich habe rumgesoffen und rumgehurt, vom Feinsten.»
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Verhörprotokoll Ermittlerin: «Wie kamen Sie zum Drucken von Falschgeld?» Angst: «Ich machte eine Webpage für «Old Man Vintage Records» und dort musste ich Schallplatten einscannen …»
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Rolf Angst hatte ein Geschäft gewittert. Statt Teller wollte er in Bangkok Bierdeckel bedrucken und beliebt machen, weil die in Thailand kaum jemand kannte. Er zog um in ein Häuschen, machte sich selbstständig, investierte sein Geld in Druckmaschinen. Doch das Unternehmen kam nicht in Gang. Er gab auf und schlug sich fortan durch, reparierte Computer, richtete Websites ein. Für die Website eines Plattenladens testete er einen Scanner. Er legte eine 1000-Baht-Note ein – und sah ein Ticket, um seiner Geldnot zu entfliehen.
Mit einem Bekannten fälschte er 2006 eine Million thailändische Baht, tausend Tausender, damals etwa 33 000 Franken wert. Laut Angst schluckten selbst Geldautomaten die Blüten. Doch sein Komplize ging mit Halbfabrikaten auf Sauftour. Am nächsten Morgen stürmte die Polizei Rolf Angsts Wohnung. Sie steckte ihn ins Zentralgefängnis Bang Kwang, auch bekannt als «Bangkok Hilton». «Wir waren etwa 75 Männer in der Zelle.» Nach fünf Monaten kam er auf Kaution frei. Seine Freundin bezahlte sie mit Tausendern, deren Versteck ihr Rolf Angst verraten hatte. Sie wusste nicht, dass es Falschgeld war.
Um der Haft zu entgehen, tauchte Rolf Angst ab, wurde zu «Leo R. Hugo», verdingte sich in Gelegenheitsjobs. Hielt die Polizei ihn an, zeigte er Papiere der Schweizer Botschaft, die er gefälscht hatte und die ihn als Attaché auswiesen. Als acht Jahre später seine Mutter starb, konnte er ohne Pass nicht zur Beerdigung in die Schweiz reisen. Das war kein Leben in Freiheit. Er stellte sich der Polizei.
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Verhörprotokoll Ermittler: «Warum haben Sie sich am Projekt in Urdorf beteiligt?» Angst: «Ich wollte beweisen, dass man das machen kann.»
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Nach drei Jahren «Bangkok Hilton» wurde Rolf Angst in die Schweiz nach Saxerriet verlegt. Ein Jahr später kam er frei. Mittlerweile war er pensioniert, lebte von 926 Franken AHV im Monat und Ergänzungsleistungen. «Da kommt man schnell auf dumme Gedanken.» Ein ehemaliger Mithäftling vermittelte ihm einen Komplizen, Besitzer einer Auto-Garage, der legal CBD-Gras anbaute und illegal mit THC-Gras dealte. Der Mann organisierte eine Wohnung für Rolf Angst, stellte ihm eine Werkstatt zur Verfügung und investierte 132 000 Franken in Druckmaschinen, Farbe und Papier. Die Abmachung: Rolf Angst produziert fünf Millionen Dollar Falschgeld. Dafür erhält er 500 000 Franken Lohn, gewaschen und in bar.
«Ich bereue nichts. Aber ich versuche es nicht noch einmal.»
Ein Jahr lang mischte Rolf Angst das Grün der Blüten ab, imitierte Wasserzeichen, kopierte Stempel und zeichnete Muster nach. «In einem Monat wären wir fertig gewesen.» Die Polizisten, die Rolf Angst am 16. November 2022 verhafteten, wollten eigentlich nur die CBD-Anlage seines Komplizen prüfen. Eine Routinekontrolle wurde ihnen zum Verhängnis.
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Verhörprotokoll Ermittler: «Dass Sie erwischt wurden, schmerzt Sie etwas, richtig?» Angst: «Ja, grauenhaft.»
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Letzten Juli endete Rolf Angsts Haftstrafe. Er zog in das möblierte Zimmer in Aadorf. Toilette und Dusche befinden sich auf dem Gang, er teilt sie mit Zimmernachbarn. Im Treppenhaus hängen Rauchverbot-Schilder, trotzdem riecht es nach Rauch.
«Ich bereue nichts. Aber ich versuche es nicht noch einmal. Das Risiko ist mir zu hoch», sagt Rolf Angst. Heute lebt er wieder von AHV und Ergänzungsleistungen. Miete, Krankenkasse, Rechnungen: Bevor das Geld kommt, ist das meiste schon verplant. «Wie früher mit dem Sackgeld.»
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